Geschichte

Wenn auch die Heimat verpflichtet

Zwölf adelige Familien ziehen nach 20 Jahren eine Bilanz. Buch und Ausstellung präsentiert

- Nicht Reichtum lockte sie, sondern die Heimat. Dabei waren sie alles andere als willkommen: Als Brandenburgs Adelige nach dem Fall der Mauer in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten, begegneten ihnen die Märker mit tiefem Argwohn. Mehr als 40 Jahre lang galten die "Junker" allesamt als Ausbeuter. Die DDR erklärte sie zu Steigbügelhaltern Hitlers und damit zu den Hauptschuldigen des Zweiten Weltkriegs. 20 Jahre nach ihrer mitunter recht schwierigen Rückkehr ziehen zwölf märkische Adelsfamilien jetzt eine erste Bilanz. "Heimat verpflichtet" lautet der Titel eines Buchs und einer Ausstellung, die am Dienstag in Potsdam präsentiert wurden.

"Große Ressentiments"

Die Mitarbeiterin der Brandenburger Landeszentrale für politische Bildung, Martina Schellhorn, und der Fotograf Oliver Mark erzählen "von denjenigen, die gekommen und geblieben sind" - trotz "widriger Umstände, großer Ressentiments und objektiver Schwierigkeiten". Ein Jahr lang führte die Kuratorin und Autorin Gespräche und besuchte zusammen mit Oliver Mark die heimgekehrten Familien. "Dabei gab es viele Momente der Rührung und Berührung - auch mit eigenen Vorurteilen", sagt Martina Schellhorn. Am Ende hat sie das Engagement der Rückkehrer tief beeindruckt. Nach 1990 bekamen jene, die einst mehr als 100 Hektar Land besaßen, ihre alten Ländereien nicht zurück. Sie pachteten oder kauften das einstige Land. "Die Familien gaben vieles auf, um in der Heimat neu anzufangen", sagt Schellhorn. "Alle haben für dieses schwer zu definierende Gefühl von Heimatverbundenheit Zeit und Kraft in fast unvernünftiger Weise investiert und müssen bis weit ins Rentenalter arbeiten. Nur so können sie ihren Nachkommen mehr als das Abzahlen von Krediten hinterlassen." Bei alledem stünden sie immer unter Beobachtung. Martina Schellhorn kommt zu dem Schluss: "Keiner von ihnen schottet sich ab. Sie suchen den Kontakt, weil sie sich der Gemeinschaft verpflichtet fühlen."

Georg und Ilsa-Marie von Holtzendorff zum Beispiel geben im Haus ihrer Vorfahren Kindern aus schwierigen Verhältnissen für einige Zeit lang einen neuen Familien-Ort. Bislang haben sie 120 Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren eine Zeit lang betreut. Nach dem Mauerfall hatte sich Ilsa-Marie von Holtzendorff dazu entschieden, mit ihrem zweiten Ehemann in die Uckermark zurückzukehren. Nach Wilsickow, ein Dorf am äußersten nördlichen Zipfel von Brandenburg. Die Adelsfamilie war hier seit Mitte des 18. Jahrhunderts ansässig. Nur 25 Häuser hat das Dorf, am Ortsausgang liegt der Gutshof. Nur einmal war sie zu DDR-Zeiten hier, im August 1989. Damals residierte im Herrenhaus noch der Rat der Gemeinde.

Als die Mauer fiel, war Ilse-Marie von Holtzendorff 33 Jahre alt und geschieden. Sie hat drei Kinder. In Flensburg unterrichtete sie als Grund- und Hauptschullehrerin in Deutsch, Musik und Hauswirtschaft. In den folgenden zwei Jahren fuhr sie mit ihrem Lebensgefährten immer wieder in die Uckermark. Auch er ist Lehrer. Das Geld für den Kaufpreis von Haus und Grünland - 70.000 D-Mark - lieh ihr ihre Tante, Verena Gräfin zu Stolberg. Dann der erste Rückschlag: Das Haus war in einem schlechteren Zustand als erwartet, die Baukosten würden sich verdoppeln. Der Vater half finanziell. Die Holtzendorffs konnten schließlich doch noch ihr geplantes "Kinder-Haus" Wilsickow eröffnen. Eine Einrichtung, die vorübergehend oder für längere Zeit anstelle der Familie die Sorge für Kinder und Jugendliche übernimmt. Manchmal sitzen in der Großfamilie bis zu 20 Personen am Frühstückstisch.

Anfang im Wohnwagen

Vor 22 Jahren kam die Familie von der Marwitz nach Brandenburg zurück. Ihr neues Leben in Friedersdorf in Märkisch-Oderland begann in einem Wohnwagen. Als Dorothee und Hans-Georg von der Marwitz im Herbst 1990 keine Wohnung fanden, war er für die ersten neun Monate ihr Zuhause. In kurzer Zeit setzten sie das Kavalierhaus instand - ab September 1991 konnte es nach und nach bezogen werden. Der bescheidene Anfang habe sehr geholfen, von den Friedersdorfern akzeptiert zu werden, glaubt die Familie heute. Hans-Georg von der Marwitz ist staatlich anerkannter Landwirt, hatte zunächst den Familienbetrieb im Allgäu übernommen. Er baute in Friedersdorf nicht nur eine Landwirtschaft auf, seit 2009 sitzt er für die CDU im Bundestag. Hans-Georg von der Marwitz erinnert sich an die großen Hoffnungen und den Optimismus, die ihn und seine Frau bei der Rückkehr beflügelten. Er erinnert sich aber auch an die Ängste der Menschen. "Die Befürchtungen waren groß, dass der Junker zurückgekommen ist, um ihnen das Land wieder wegzunehmen." Das Ehepaar wollte an der Bodenreform nicht rütteln. Es kaufte und pachtete rund 800 Hektar Land. Hans-Georg von der Marwitz ist auch geschäftsführender Gesellschafter der Dorfgut GmbH & Co KG. 30 Gesellschafter betreiben den alten Getreidespeicher. Dorothee von der Marwitz sagt: "Uns war es von Anfang an wichtig, am dörflichen Leben teilzunehmen."

Barbara und Matthias von Oppen erlebten den Mauerfall in Stuttgart. Zu Ostern 1990 stand für ihn fest, dass er zurückkehren wollte. Seine Frau hingegen sah zunächst vor allem die Schwierigkeiten. Das Land enteignet, das Wohnhaus im uckermärkischen Kröchlendorff verfallen. Dass sie eines Tages Landwirtin sein würde, hätte Barbara von Oppen damals nicht für möglich gehalten. Als Mädchen und einziges Kind war sie als Erbin nicht vorgesehen. Gutsherr war der Großvater Detlev von Armin. Die Mutter von Barbara von Armin floh mit ihr im April 1945 vor der heranrückenden Roten Armee nach Niedersachsen. Dort wuchs sie auch auf. Mit 20 begegnete sie ihrem künftigen Mann Matthias von Oppen. Auch die Familie des studierten Agrar-Ökonoms stammt aus Brandenburg. Es war Pfingsten 1993, da überwältigte Barbara von Oppen bei einem Besuch in der Uckermark die "Poesie des Augenblicks". Sie beschloss: Wir bleiben. Das Schloss, in dem die Vorfahren einst residierten, wollten die Oppens nicht zurückhaben. Sie kauften das Inspektorenhaus und pachteten Land. Ihre Bilanz ist positiv. Allerdings sagt von Oppen auch: "Die Politik hätte bessere Bedingungen schaffen müssen. Es wäre ein politisches Signal der Vernunft gewesen, wenn die Altbesitzer 100 Hektar Land zurückerhalten hätten." Matthias von Oppen schätzt, dass weniger als zehn Prozent der früheren Gutsbesitzer zurückgekehrt sind - davon habe die Hälfte aufgegeben.

Ausstellung ab 1. November 2012 (Mo.-Mi., 9-18 Uhr, Do. und Fr. 9-15 Uhr) bis 11. April 2013, Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17), 14473 Potsdam. Das Buch ist für zwei Euro in der Landeszentrale erhältlich. Es kann auch bestellt werden unter info@blzpb.brandenburg.de