Forschung

Grenzüberschreitend seit mehr als 20 Jahren

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"Viadrina" will Profil weiter ausbauen, aber eine kleine Universität bleiben

- Die Frankfurter Universität überschreitet Grenzen auf vielfältige Weise. Das fängt mit ihrer Gründung im Mittelalter an und hört bei der Wiederaufnahme des Studienbetriebes vor 20 Jahren als Europa-Universität "Viadrina" wohl noch lange nicht auf. "Gäbe es die Viadrina nicht, hätte ich nicht meinen heutigen Job und ich hätte wohl auch nicht meine Frau gefunden", bringt Mario Quast die Sache auf den Punkt.

Der 44-Jährige ist einer von bisher 8400 "Viadrina"-Absolventen. Seit zwölf Jahren leitet er das deutsch-polnische Kooperationsbüro der Sparkassen, ist ein gefragter Kenner der polnischen und osteuropäischen Wirtschaft. Studiert hat der gebürtige Gubener an der "Viadrina" allerdings Kulturwissenschaften, ein Studiengang, dem der Ruf vorauseilt, mit einem erfolgreichen Abschluss beruflich fast alles werden zu können. Insgesamt sieben Jahre hat Quast gebraucht - "inklusive Auslandssemester", wie er schmunzelnd betont.

Die Möglichkeit, eine gewisse Zeit seines Studiums an einer ausländischen Hochschule Erfahrungen zu sammeln, gehört an der "Viadrina" ebenso zum Alltag wie die Tatsache, dass ihre Studenten mindestens zwei bis drei Fremdsprachen fließend beherrschen. Dass eine davon Polnisch ist, versteht sich unmittelbar an der Oder fast schon von selbst. Womit sich der Kreis zu Quasts polnischer Ehefrau schließt. "Wir haben uns im Russisch-Unterricht an der Uni kennen gelernt", erzählt der 44-Jährige. "Wäre sie nicht gewesen, hätte ich da bestimmt aufgegeben."

Uni hat eigenes Gründerzentrum

Dass die "Viadrina" noch Karrieren hervorbringt, dafür ist die ehemalige Studentin der Betriebswirtschaftslehre, Ilona Antoniszyn-Klik, die heute Vizewirtschaftsministerin in Deutschlands östlichem Nachbarland ist, ein Beispiel. Oder auch Bartolomiej Bartczak, der nach dem Jurastudium in Frankfurt 2006 Bürgermeister der polnischen Grenzstadt Gubin wurde. "Wir haben einen erfolgreichen Studiengang Masters of european studies. Darin bereiten wir unsere jungen Leute auf den Dienst in Institutionen der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments vor", berichtet "Viadrina"-Präsident Gunter Pleuger. Zudem hat die Universität ein eigenes Gründerzentrum, das Studenten unterstützt.

Persönlichkeiten hat die Hochschule an der Oder schon Jahrhunderte vorher auf den Weg gebracht - die Gebrüder Humboldt, den Dichter Heinrich von Kleist oder den Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach. Sie studierten an der alten Frankfurter Alma Mater, 1506 gegründet und 305 Jahre später - nach der Gründung der Berliner Uni - vom preußischen Staat ins Schlesische, nach Breslau verlagert. Das liegt inzwischen im Polnischen, doch in Frankfurt hielt sich die Erinnerung daran, dass die Stadt einst die brandenburgische Landesuni beherbergte.

In Wendezeiten kam in den Reihen des Neuen Forums der Gedanke an eine Uni-Neugründung auf - gegen Widerstand, wie sich der spätere Frankfurter Oberbürgermeister Wolfgang Pohl erinnert. Schließlich gab es in Cottbus und Potsdam ähnliche Begehrlichkeiten. Im damaligen Brandenburger Wissenschaftsminister Hinrich Enderlein fand der Stadtparlamentarier des Neuen Forums einen Verbündeten, unversehens war Pohl Leiter der "Viadrina"-Gründungskommission.

Zunächst sei neben der Ausrichtung der Hochschule auf die Stärkung des deutsch-polnischen Austauschs auf wissenschaftlicher Ebene darum gestritten worden, ob man eine Campus-Uni am Rande der Stadt baue oder doch in Odernähe bleibe.

"Wenn wir die enge Verbindung mit Polen wollen, müssen wir auch räumlich zueinander rücken", erinnert sich Gründungsrektor Knut Ipsen. Das heutige Uni-Hauptgebäude in Frankfurts Stadtzentrum sollte eigentlich Behördenzentrum werden - mit dem Finanzamt habe man anfangs um Räume gestritten, bis die "Viadrina" schließlich siegte, in den Innenhof des Gebäudekomplexes eine architektonisch ausgezeichnete gläserne Bibliothek baute und 1992 den Lehrbetrieb mit 470 Kommilitonen starten konnte. Das Besondere dieser neugegründeten Universität muss auch Hans N. Weiler schon damals gesehen haben. Der renommierte Politikwissenschaftler von der amerikanischen Stanford-University war Mitglied des Gründungssenats und wurde 1993 erster regulärer Rektor in Frankfurt(Oder).

Gemeinsames Forschungszentrum

"So etwas gab es in Deutschland bis dato nicht - eine Uni, die mit dem Überschreiten von Grenzen ernst machen wollte, die 40 Prozent ihrer Studienplätze für polnische Studenten reservierte und die gemeinsam mit einer Hochschule des Nachbarlandes ein gemeinsames Forschungszentrum an der Oder aufbaute", sagt Weiler, der bis 1999 die Geschicke der "Viadrina" leitete und anlässlich des 20-jährigen Jubiläums seit Studienbeginn gerade von der Hochschule an der Oder zum Ehrensenator ernannt wurde. So wie Ipsen und Pohl empfindet auch er Genugtuung angesichts der Entwicklung der "Viadrina" mit erstmals mehr als 7000 Studenten in den Fakultäten Rechts-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften.

Mit der Erforschung von Grenzthemen will sich die "Viadrina" auch künftig weiter international profilieren. Das vor einem Jahr gegründete Zentrum für interdisziplinäre Polenstudien soll ausgebaut werden. Grenzen wird es bei der Studentenzahl geben. "Wir wollen eine kleine Universität bleiben, an der die Qualität auch darin besteht, dass Studenten von ihren Professoren hervorragend betreut werden und auch direkten Kontakt zu mir haben", sagt Uni-Präsident Pleuger.