Parkplatzmangel

Jeden Tag erster sein müssen

Der tägliche Kampf um den Parkplatz: Für Pendler gibt es zu wenige Park & Ride-Flächen

- Grit Bischof wohnt in Großbeeren und arbeitet in Kreuzberg. Jeden Morgen fährt sie mit dem Auto nach Teltow und nimmt die S-Bahn zum Anhalter Bahnhof. Die 36 Jahre alte Angestellte hat das Glück, zeitlich flexibel arbeiten zu können. Trotzdem bringt sie ihren Sohn immer schon sehr früh zur Tagesmutter - nur um zwischen 7.15 Uhr und 7.45 Uhr am Park&Ride-Parkplatz in Teltow anzukommen. "Um acht Uhr habe ich keine Chance mehr, mein Auto abzustellen", sagt die berufstätige Mutter. 40 Plätze hat die Stadt an der Gonfrevillestraße nahe dem S-Bahnhof Teltow-Stadt ausgewiesen. "Dieser Parkplatz ist ein Witz", sagt Grit Bischof:

Die Verwaltungsangestellte ist mit ihrem Problem nicht allein. Tausende Brandenburger pendeln und wissen nicht, wo sie morgens ihr Auto abstellen sollen. Deshalb fahren nach Schätzungen des ADAC etwa 200.000 Brandenburger immer noch täglich mit dem Pkw nach Berlin. Die derzeitigen Angebote für Autofahrer seien nicht attraktiv genug, um bereits in Brandenburg in die S-Bahn oder Regionalzüge umzusteigen, so ADAC-Experten. Sie plädieren für den Bau moderner P+R-Großanlagen mit Anbindung an Bus und Bahn. In den vergangenen Jahren sind zwar mit Förderung des Landes zahlreiche neue Parkplätze im Berliner Umland entstanden, doch reichen sie bei Weitem nicht aus.

Vielen Kommunen fehlen schlicht die Flächen. So ist in Teltow eine Verbesserung der Parkplatzsituation nicht in Sicht. Der zuständige Sachgebietsleiter für den Tief- und Straßenbau, Lars Müller, bestätigt: "Es gibt bei uns definitiv zu wenig Parkplätze für die Pendler." Darunter hätten auch die Bewohner der Wohngebiete stark zu leiden. Die Straßen sind zugeparkt, die Anlieger finden tagsüber keinen Parkplatz. Die Stadt suche nach neuen geeigneten Flächen, sagt Müller. "Wir hoffen, in den nächsten zwei Jahren Abhilfe zu schaffen."

Günstigere Tarifzone

Statt in Teltow einzusteigen, fahren viele aus der Region mit dem Auto zum Berliner S-Bahnhof Lichterfelde-Süd. Der Vorteil: Von dort gilt das günstigere AB-Ticket. Für Grit Bischof ist das aber keine Alternative. Die Anfahrt dauert länger, die Parkplatzsituation ist dort nicht besser. Für den Teltower FDP-Fraktionschef Hans-Peter Goetz wäre die Verlängerung der S-Bahn bis ins Gewerbegebiet Stahnsdorf "die optimale Lösung". Sie käme nicht nur Stahnsdorf zugute, es könnten dort zudem genügend Pendler-Parkplätze geschaffen werden. Auch Daniel Mühlner, CDU-Vize-Kreisvorsitzender in Potsdam-Mittelmark und gleichzeitig Parteichef in Stahnsdorf, kämpft für eine Verlängerung der S-Bahn nach Stahnsdorf. Er sagt: "Davon würde auch unser nicht ausgelastetes Gewerbegebiet profitieren."

Im havelländischen Falkensee pendeln schätzungsweise täglich 10.000 Menschen nach Berlin, etwa 4000 nehmen dafür die Regionalbahn. In der an Berlin angrenzenden Stadt, die seit der politischen Wende wie keine andere in Brandenburg an Einwohnern zugelegt hat, gibt es fünf Park & Ride-Anlagen mit 472 Parkplätzen. Am Bahnhof Falkensee im Zentrum an der Scharenbergstraße sind die 247 Plätze meist schon am frühen Morgen belegt. Falkensee hat drei Bahnhöfe, derzeit wird der Park & Ride-Platz am Bahnhof Finkenkrug von 85 Stellplätzen um 43 erweitert.

Falkensees Bürgermeister Heiko Müller (SPD) sieht vor allem Möglichkeiten am Bahnhof Seegefeld. Dort war vor einigen Jahren noch ein Extra-Regionalbahnsteig für die Mitarbeiter des Papierwarenherstellers Herlitz angelegt worden. "Damit dieser stärker von den Pendlern angenommen wird, müssten dort aber auch Regionalexpresszüge halten", meint Müller. Auch die Experten beim ADAC können sich das freie Gelände neben den ehemaligen Herlitz-Werken bei Seegefeld für einen großen Park & Ride-Platz vorstellen. Sollten noch mehr Falkenseer mit dem ÖPNV zur Arbeit fahren, müsste die Bahn aber ihr Angebot erweitern, sagt der Bürgermeister. "Die Züge nach Berlin sind durchwegs voll." Eine Erleichterung würde ein S-Bahn-Anschluss bringen. Die Forderung ist nicht neu, aber umstritten. Müller sagt: "Die Leute haben allerdings Angst, dass dann das Regionalbahnangebot ausgedünnt wird und sie länger ins Zentrum der Hauptstadt brauchen." Viele Falkenseer fahren mit dem Auto nach Berlin und von dort zum Arbeitsplatz. Nur wenige Meter vom Seegefelder Bahnhof liegt der Berliner Bahnhof Albrechtshof. Von hier gilt die günstigere Tarifzone AB.

Täglich eine Million Liter Kraftstoff

In Potsdam kommen die meisten Pendler mit dem Fahrrad, dem Bus oder der Straßenbahn zum Hautbahnhof ins Zentrum der Stadt. Das Parkhaus ist in der Regel nicht ausgelastet. Der gebührenpflichtige Nutheparkplatz am Bahnhof soll mittelfristig bebaut werden, dann fallen die dortigen 290 Stellplätze weg. "Potsdams Ziel ist, möglichst wenig Autos in der Innenstadt zu haben", sagt Stefan Schulz, Sprecher von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Park & Ride-Parkplätze gebe es am Bahnhof Griebnitzsee (80 Plätze), am Bahnhof Rehbrücke (rund 120), in Golm sind es etwa 100. Nicht gerade üppig für eine Landeshauptstadt, in der täglich Tausende nach Berlin oder in brandenburgische Städte pendeln. Viele Potsdamer nehmen deshalb immer noch das Auto.

Die rund 200.000 Autofahrer von Brandenburg nach Berlin verbrauchen täglich eine Million Liter Kraftstoff, rechnete jüngst ADAC-Vorstand Volker Krane vor. Dabei würde etwa 2000 Tonnen Kohlendioxid (CO2) pro Tag in die Atmosphäre ausgestoßen. Diese Werte wären durch die Anlage neuer Parkplätze, von denen aus die Autofahrer in den S-Bahn oder Regionalzug umsteigen können, mindestens halbierbar. Neben Seegefeld in Falkensee schlägt der ADAC als Standort für einen großen Parkplatz Großbeeren vor. Dort, wo die durch den Berliner Nord-Süd-Tunnel verlaufenden Regionalbahnlinien und die künftigen Flughafen-Express-Züge die Stadt verlassen. Außerdem fordern die Automobil-Experten erweitere Pendlerparkplätze auch für Potsdam, Cottbus, Eberswalde, Brandenburg und Frankfurt/Oder. Der ADAC schätzt die Kosten für Investitionen auf 15 Millionen Euro.

Das Potsdamer Infrastrukturministerium weist die Kritik zurück, die Länder Brandenburg und Berlin würde nicht genug für die Pendler tun. "Brandenburg stärkt Jahr für Jahr mit viel Geld den ÖPNV und damit die Mobilität der Bürgerinnen und Bürger", sagt Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD). Im vergangenen Jahr sind Ministeriumsangaben zufolge rund 30 Millionen Euro in die Infrastruktur des Öffentlichen Personennahverkehrs investiert worden.