Evakuation

"Es gibt keine einfache Entschärfung"

250-Kilo-Blindgänger in Potsdam unschädlich gemacht. 10.500 Menschen mussten für Stunden ihre Wohnungen verlassen

- Sie verzögerte sich zwar, weil Anwohner den Sperrkreis nicht verlassen wollten. Dann ist am Freitagmittag in Potsdam die gefährliche Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg doch noch erfolgreich entschärft worden. Zuvor hatten rund 10.500 Menschen im Stadtteil Am Stern ihre Wohnungen und Häuser räumen müssen. Es handelte sich nach Angaben der Stadt um eine der größten Räumungsaktionen in der Geschichte Potsdams. Der auf einem Privatgrundstück entdeckte 250 Kilogramm schwere Blindgänger amerikanischer Herkunft war nicht transportfähig und musste deshalb an der Fundstelle unschädlich gemacht werden. Rund um den Fundort wurde aus Sicherheitsgründen ein Sperrkreis mit einem Radius von 600 Metern eingerichtet. Es war nach Angaben der Stadt die 130. Bombe, die seit 1990 in Potsdam entschärft oder gesprengt wurde.

Um die Entschärfung reibungslos voranzutreiben, hatten Stadtverwaltung, Polizei und Feuerwehr in den vergangenen Tagen einen detaillierten Plan entworfen, wie die Evakuierung Tausender Anwohner ablaufen sollte. Seit 7.30 Uhr kontrollierten am Freitag 380 Mitarbeiter der Stadt, 50 Feuerwehrleute sowie 30 Polizisten, ob wirklich alle 10.500 betroffenen Einwohner ihr Zuhause im Süden der Landeshauptstadt geräumt hatten. Vor allem über das Radio, aber auch beispielsweise durch Aushänge und Lautsprecherdurchsagen waren die Anwohner zuvor darüber informiert worden, dass sie ihre Wohnungen an diesem Morgen verlassen mussten.

Notquartier in Schule

Ab 8 Uhr gingen vier Evakuierungstrupps von Tür zu Tür und forderten die noch anwesenden Bewohner auf, ihre Wohnungen umgehend zu verlassen. Geräumt wurden auch Behörden, Betriebe und Geschäfte. Etwa 110 Potsdamer, die ihre Wohnungen wegen Gehbehinderungen oder anderer Erkrankungen nicht allein verlassen konnten, wurden mit einem Busshuttleservice der Stadt in vorbereitete Notquartiere gefahren. Auch eine Straßenbahnlinie wurde zum Transport eingesetzt. Für die betroffenen Anwohner gab es eine Aufenthaltsmöglichkeit in der Pierre-de-Coubertin-Oberschule; insgesamt 353 Potsdamer nutzten sie.

Nachdem die Evakuierung zunächst reibungslos zu verlaufen schien, wurden später am Vormittag doch immer wieder Anwohner angetroffen, die von der Räumungsaktion nichts mitbekommen hatten. Manch ein Anwohner musste offenbar auch erst überzeugt werden, seine Wohnung zu verlassen. Auch eine Familie habe aufgefordert werden müssen, sich in Sicherheit zu begeben. Insgesamt hätten sich 15 Anwohner geweigert, zu gehen, teilte die Stadtverwaltung am Nachmittag mit. So mussten Polizisten zum Beispiel eine Mutter und ihr Kind aus ihrer Wohnung holen, was die Vorbereitungen zusätzlich aufgehalten habe.

Gegen 12 Uhr war die Evakuierung des betroffenen Gebiets aber abgeschlossen, und Sprengmeister Mike Schwitzke konnte mit der Entschärfung beginnen. Die Fliegerbombe war auf einem mit einem Wohnhaus bebauten Privatgrundstück entdeckt worden. Der Eigentümer hatte sie selbst dort vermutet. Er hatte sich an Gerüchte in seiner Familie erinnert, wonach in der Nähe des Hauses im Krieg eine Bombe niedergegangen sei. Die Erinnerung wurde lebendig, als im August in München die kontrollierte Sprengung einer Weltkriegsbombe misslang. Zahlreiche Gebäude wurden beschädigt; es entstand ein Millionenschaden. Durch die Druckwelle wurden an mehreren Häusern im Stadtteil Schwabing Fenster und Fassadenteile herausgerissen. In einem Haus brannte nach Behördenangaben ein Modegeschäft aus. Verletzt wurde niemand. Der Grundstücksbesitzer informierte den Kampfmittelbeseitigungsdienst. Tatsächlich befand sich der 250 Kilogramm schwere Sprengkörper in einer Tiefe von 2,50 Metern.

Nach rund einer Stunde konzentrierter Arbeit hatte Mike Schwitzke am Freitag um 13.04 Uhr die Bombe entschärft. Anschließend konnten die Bewohner ihre Wohnungen wieder betreten. Auch für den Verkehr wurde das Viertel im Südosten Potsdams wieder freigegeben.

"Wir sind sehr zufrieden, alles ist gut gelaufen", sagte ein Sprecher der Stadt der Berliner Morgenpost. Bei der am Einsatz beteiligten Gruppe aus Mitarbeitern der Stadt, Feuerwehrleuten und Polizeibeamten handele es sich um ein eingespieltes Team, das schon mehrfach bewiesen habe, dass es gut zusammenarbeite. Allerdings sei die Gefahr, die von der Bombe ausgegangen war, nicht zu unterschätzen gewesen. "Es gibt keine einfache Entschärfung" sagte der Sprecher. "So eine Aktion ist immer sehr gefährlich." Gerade bei Fliegerbomben sei die Sprengkraft enorm hoch.

Auch mit der Evakuierung zeigte sich der Sprecher zufrieden - trotz der Verzögerung. "Wir haben das Gebiet relativ schnell räumen können." Die meisten Bewohner hätten sehr verständnisvoll und freundlich reagiert. Wegen des Zeitdrucks sei es leider nicht möglich gewesen, die Bewohner vorher anzuschreiben.

Nicht immer können Bomben durch eine Entschärfung unschädlich gemacht werden. Zuletzt musste im Juli eine Bombe - ein sowjetischer Blingänger - in Potsdam kontrolliert gesprengt werden, weil der Ausbau ihres Zünders zu gefährlich gewesen wäre.