Flächenplanung

Ein Dorf unter Hochspannung

Bürgerinitiative wehrt sich gegen eine Stromtrasse. Die Nagelprobe für 2100 Kilometer neu zu verlegende Leitungen in Brandenburg

- Marquardt ist ein beschauliches Dorf - obwohl die kleine Gemeinde seit neun Jahren zur Stadt Potsdam gehört und einiges an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat: das Schloss mit seinem Park, die alte Dorfkirche und eine sanierte Kulturscheune. Wer durch den Ort spaziert, kommt vorbei an Obstbäumen und bunten Bauerngärten. Doch mitten aus einem der Blumenbeete ragt ein riesiger grauer Strommast. Der Blick nach oben führt zu einer Hochspannungsleitung; sechs Stromkabel durchschneiden den Himmel über Marquardt. 76 Jahre haben sie kaum einen gestört, seit einigen Monaten ist alles anders. Das halbe Dorf steht plötzlich unter Spannung: Denn der Energieversorger E.on Edis will eine leistungsstärkere 110-Kilovolt-Freileitung zwischen Wustermark und Geltow errichten.

Leitungen raus aus dem Ort

"Das wäre die Gelegenheit", sagt Josef Grütter, "die Leitungen außerhalb des Ortes zu verlegen." Grütter wohnt mit seiner Frau seit neun Jahren in Marquardt. Er stammt aus dem Ruhrgebiet und ist vom Fach, denn dort hatte er für die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen gearbeitet. Der Elektroingenieur ist für die Marquardter der Hauptansprechpartner in Sachen Starkstrom-Freileitung. Er ist Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative "Freileitung raus". 25 Mitglieder kämpfen gegen die Pläne von E.on Edis. "Wir wollen erreichen, dass die neuen Leitungen wie bereits die Bahnstromtrasse östlich der Bahn an der Bundesstraße 273 entlang über eine Apfelplantage verlegt werden", sagt Josef Grütter.

In der Bürgerinitiative engagieren sich auch Roswitha und Gerhard Juschka. Die Stromleitung verläuft nur 17 Meter von ihrem Haus entfernt und durchschneidet den Himmel genau über dem Garten. Eigentlich hatten sie die sechs Kabel rund 20 Meter über sich gar nicht mehr wahrgenommen, wäre da nicht der 21. August 2005 gewesen. Ein sonniger Sonntag. "Wir saßen im Garten bei Kaffee und Kuchen unter dem äußersten Strang der Stromleitung", erzählt Roswitha Juschka. "Es war gegen drei Uhr, da gab es plötzlich einen Knall, Funken sprühten, unser Schäferhund war geflüchtet, ehe wir überhaupt begriffen, was passiert war." Das Stromkabel war nicht komplett gerissen, es hing noch an Fäden über den Köpfen der Juschkas.

Seitdem ist diesen beiden Marquardtern der Strom über ihren Köpfen nicht mehr geheuer. Als das Haus gebaut wurde, war die Leitung schon da. "Damals spielte das für die Leute keine große Rolle", sagt Gerhard Juschka. Heute schon. Roswitha Juschka leidet unter Herzrhythmusstörungen. "Wer weiß, woher es kommt", sagt sie. Welche Auswirkungen eine Hochspannungsleitung auf die nahen Bewohner hat, ist bislang nicht sicher. Es gibt Untersuchungen, die bei einem Abstand von unter 50 Metern ein höheres Risiko vermuten lassen, an Leukämie oder Alzheimer zu erkranken. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht dies zwar als nicht erwiesen an, warnt aber: Die Strahlung kann eventuell Krebs erzeugen.

Wegen der massiven Proteste verfolgt der Energiekonzern E.on Edis inzwischen Planungen für eine andere Trasse: Er will die Leitungen an den Ortsausgang verschwenken. Sie würden den Friedhof überspannen und hinter dem Hotel der Familie Roggenbuck verlaufen. Die evangelische Kirchengemeinde hat Einspruch eingelegt, Roggenbuck wehrt sich auch. Der Hotelbesitzer hatte voriges Jahr Post von einer Firma, die für den Stromkonzern den Ersatzneubau organisieren soll. Die Trasse über sein Grundstück werde "jetzt die neue gewünschte Ortsumgehung". 16.000 Euro wurden ihm als Entschädigung versprochen. Peter Roggenbuck will nicht unterschreiben. Er sagt: "Man baut Umgehungsstraßen, will im 21. Jahrhundert aber eine Starkstromleitung mitten durch den Ort führen."

Auch die für das Planfeststellungsverfahren vorgeschriebene Erörterung blieb jüngst ohne Ergebnis. Das Landesamt für Bergbau und Energie hatte dazu nicht nur die Marquardter, sondern auch die Bewohner des Potsdamer Ortsteils Golm eingeladen. Die Bäume sollen in Marquardt mit Masthöhen von 31 bis 39 Metern überspannt werden. In Golm sollen die Masten 27 bis 36 Meter hoch werden. Etwa 200 Einwendungen liegen vor. Längst haben sich Politiker des Themas angenommen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein vermittelte ein Spitzengespräch zwischen Stadt und Bergbauamt. Das Krisentreffen platzte, der Chef der Behörde reiste umsonst aus Cottbus an. Denn das Rathaus unter Jann Jakobs (SPD) hatte den Termin abgesagt, weil der Energieversorger keine Kostenberechnungen vorgelegt hat. Die Potsdamer SPD will kommenden Mittwoch den Antrag in den Hauptausschuss stellen, der Oberbürgermeister soll mit E.on Edis einen städtebaulichen Vertrag aushandeln.

Erdverkabelung soll Vorrang haben

Im Klartext heißt das: Die Stadt Potsdam soll sich an Mehrkosten beteiligen, die durch die Verlegung der Leitungen außerhalb des Ortskerns entstehen. Der Potsdamer SPD-Chef Mike Schubert sagt: "Wir nehmen ja auch Geld in die Hand, um die Innenstadt weiter zu entwickeln." Die Stromleitung durch den Ort hemme auch die Bauentwicklung. Die Linke ist inzwischen auch für eine Verlegung aufs freie Feld. Potsdams CDU-Chefin Katherina Reiche war ebenfalls vor Ort.

Die Stadt selbst hatte im März für Golm und Marquardt eine unterirdische Verkabelung auf der derzeitigen Trasse vorgeschlagen. Falls dies nicht möglich ist, sollten die Leitungen aus dem besiedelten Bereich herausverlagert werden. "Potsdam schließt dabei eine Beteiligung an möglichen Mehrkosten nicht aus", sagt Rathaus-Sprecher Markus Klier. Abhängig sei die Entscheidung aber im Wesentlichen von den Trassenvarianten und der Höhe der Kosten. "E.on Edis verweigert jedoch aktuell jegliche Angaben", so Klier. Auch auf Nachfrage der Berliner Morgenpost gab der Energiekonzern keine Stellungnahme ab. Die Landtagsabgeordnete der Grünen, Marie-Luise von Halem, sagt: "Das Verfahren in Marquardt und Golm ist eine Nagelprobe, ob E.on Edis und die Genehmigungsbehörde tatsächlich auf eine Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung hinarbeiten."

Denn für die Energiewende werden zusätzliche Stromleitungen dringend benötigt. Brandenburg gilt als Vorreiter beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Netzausbau ist notwendig, um die erneuerbaren Energien in die Energiesysteme zu integrieren. Einer Netzstudie der Technischen Universität Cottbus von 2011 zufolge müssen im Land bis zum Jahr 2020 im 110-kV-Verteilnetz neue Stromleitungen auf etwa 1500 Kilometer Trassenlänge und im 380-kV-Übertragungsnetz auf etwa 625 Kilometer verlegt werden. Brandenburg hat immerhin schon im Bundesrat durchgesetzt, dass bei Neuvorhaben die Erdverkabelung vor dem Freileitungsbau im 110-kV-Hochspannungsbereich Vorrang haben muss.