Sicherheit

Feuerwehr braucht dringend Freiwillige

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Gudrun Mallwitz

Den Brandenburger Organisationen fehlt vielfach Nachwuchs. Nur in Potsdam wollen genügend junge Leute zu den Rettern

- Brandenburgs Freiwillige Feuerwehren verlieren immer mehr Mitglieder. Knapp 45.000 Männer und Frauen engagieren sich im Land derzeit im Brand- und Katastrophenschutz, vor zehn Jahren waren es noch mehr als 50.000. Einer Prognose des Landesfeuerwehrverbandes zufolge wird die Zahl der Freiwilligen bis zum Jahr 2020 auf nur noch 30.000 sinken. Um den Nachwuchs wird deshalb kräftig geworben - und das mit unterschiedlichem Erfolg. Im Berliner Umland sind die Probleme weitaus geringer als in den entlegenen Landesteilen. In der Brandenburger Hauptstadt Potsdam haben die 14 Jugendfeuerwehren einen solchen Zulauf, dass es in einem Ortsteil sogar schon einen Aufnahmestopp gibt.

Zum Jahresende 2011 zählten die Jugendfeuerwehren im Land Brandenburg 11.673 Mitglieder, immerhin 380 mehr als 2010. Bislang ist es aber nicht gelungen, die Verluste bei den Mitgliederzahlen auszugleichen. Damit sie nicht irgendwann im Brandfall ohne freiwillige Helfer dastehen, lassen sich die Verbände einiges einfallen. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz etwa wird darüber nachgedacht, einen Shuttleverkehr einzurichten. Der soll die Feuerwehrleute bei Bedarf in ihren Heimatorten einsammeln und zum Brandort fahren. Dadurch können speziell ausgebildete Einsatzkräfte an einzelnen Orten konzentriert und Fahrzeuge und Material eingespart werden.

In der Prignitz ist man schon weiter. Teure Ausstattung und spezielle Einsatzfahrzeuge werden zum Teil nur in ausgewählten Stützpunkten untergebracht. "Die übrigen Orte haben dann nur noch Zubringerfahrzeuge, mit denen die Kameraden zum Einsatz fahren", sagt der Kreisverbandsvorsitzende Holger Rohde. Zudem werde besonderer Wert auf eine überörtliche Ausbildung von Spezialkräften wie Maschinisten oder Atemschutzgeräte-Trägern gelegt.

Keine Zwangsverpflichtungen

In anderen Ländern sind die Probleme ähnlich. In zwei Gemeinden Schleswig-Holsteins werden wegen des fehlenden Nachwuchses bereits Bürger zum Feuerwehrdienst verpflichtet: in Burg im Kreis Dithmarschen und in List auf der Insel Sylt. Dies bestätigte das zuständige Innenministerium. Solche Zwangsverpflichtungen schließen die Verbände in Brandenburg aus. "So weit sind wir hier noch nicht", sagt der Vorsitzende des Kreisverbandes Uckermark, Wolfgang Drewlo. Auch für seinen Amtskollegen für Märkisch-Oderland, Hans-Dieter Kandzia, wäre das der allerletzte Schritt. "Bei der Feuerwehr muss man mit dem Herzen dabei sein und nicht aus Zwang", sagt er.

Allerdings gibt es den Versuch quasi durch die Hintertür: Die Kreisverbände berichten, dass versucht werde, auf Gemeinde- und Stadtverwaltungen einzuwirken. Für manche Berufe, etwa bei den Bauhöfen, sollte die Mitgliedschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr ein Einstellungskriterium werden, lautet ein Vorschlag. Der Sprecher des brandenburgischen Innenministeriums, Ingo Decker, hält die Diskussion um Zwangsverpflichtungen für eine "Schnapsidee". Das Land unterstütze die Freiwillige Feuerwehren so gut wie möglich, so Decker. Im vergangenen Jahr erhielten die Jugendfeuerwehren rund 123.000 Euro an Lotto-Mitteln.

"Es bleibt aber eine Herausforderung", sagt Decker. Denn die Feuerwehrangehörigen, die aus Altersgründen ausscheiden oder die ihre Heimat für Ausbildung oder Arbeit verlassen, können bisher noch nicht durch den Nachwuchs ersetzt werden. Die Feuerwehr wirbt daher verstärkt in den Schulen um neue Mitglieder.

Großer Andrang

Ganz anders die Situation in Potsdam. "Wir sind sehr zufrieden mit dem Interesse an der Jugendfeuerwehr", sagt Potsdams Feuerwehrchef Wolfgang Hülsebeck. Etwa 160 Kinder und Jugendliche sind derzeit Mitglied. "Der Andrang ist so groß, dass wir in Drewitz zur Zeit keine neuen Mitglieder aufnehmen", so Hülsebeck. Seit vorigem Jahr gibt es neben den Gruppen in Babelsberg, Neu-Fahrland, Marquardt oder Golm auch eine Jugendfeuerwehr "Zentrum". Dass die Feuerwehr in Potsdam keine Nachwuchsprobleme hat, liegt daran, dass in der Landeshauptstadt viele junge Familien leben. Hülsebeck sieht darin aber auch eine Bestätigung für eine erfolgreiche Jugendarbeit durch die ehrenamtliche Jugendfeuerwehr-Warte. Die Stadt Potsdam sorge für attraktive Bedingungen, auch durch eine gute Ausrüstung der Feuerwehr. "In den Jugendfeuerwehren sind die Kinder Zugezogener ebenso wie die der alteingesessenen Potsdamer vertreten", sagt Hülsebeck. Bei den Erwachsenen sei dies immer noch anderes. Unter den 300 Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Potsdam fänden sich nur wenige Zugezogene.

Im Landkreis Oberhavel ist es gelungen, im vergangenen Jahr 135 Kinder und Jugendliche neu für die Feuerwehr zu begeistern. 777 Mitglieder zählt die dortige Jugendfeuerwehr. Kreisbrandmeister Frank Kliem: "Dieser Erfolg hat viele Gründe." Die Bürgermeister sähen die Nachwuchsarbeit inzwischen als eine sehr wichtige Aufgabe an. "Zum anderen sorgen die gut ausgebildeten Jugendfeuerwehrwarte dafür, dass das Interesse der Kinder und Jugendlichen an der Feuerwehr nicht nach kurzer Zeit wieder erlischt." Bei der Jugendfeuerwehr werden die Kinder spielerisch über das Verhalten im Brandfall aufgeklärt, ab acht Jahren frühestens erhalten sie eine altersgerechte Ausbildung. Ferienlager und andere gemeinsame Unternehmungen sowie Wettkämpfe sorgen für Abwechslung. Für die Aufnahme gibt es keine Altersbeschränkung. Mit 16 Jahren kann ein Mitglied in den aktiven Dienst übernommen werden.

Benötigt werden die Freiwilligen dringend: Mehr als 37.500-mal waren sie in Brandenburg im vergangen Jahr im Einsatz. 7000-mal allein wegen Bränden. Im Jahr zuvor war es nur knapp 6500-mal. 206 Opfer konnten allerdings trotz des Einsatzes der Feuerwehren nur noch tot geborgen werden. Die Frauen und Männer brachten aber 1896 Menschen aus Gefahrensituationen in Sicherheit.

( (mit dapd) )