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Vom Leben im Park

Einige Potsdamer erfüllen sich einen Traum - sie wohnen in den Gärten und neben den Schlössern der Hohenzollern

- Mehr als 18 Millionen Besucher kommen jedes Jahr nach Potsdam. Die Anziehungskraft der Brandenburger Hauptstadt und ihrer prunkvollen Schlösser ist ungebrochen. Während die Ausflügler wie jetzt im Herbst die Stimmung in den Königlichen Parks und Gärten nur bei einem Spaziergang genießen, gibt es Menschen, die dort das ganze Jahr über leben. Hanns Christian Klenner ist so jemand. Er wohnt inmitten des Neuen Gartens, im Roten Haus. Ein romantisches Denkmal aus dem 18. Jahrhundert, direkt am Heiligen See.

Der 59-Jährige Chefrestaurator der Stiftung Schlösser und Gärten ist sich seines Glücks bewusst. Vor elf Jahren ist Hanns Christian Klenner in das Rote Haus neben dem Marmorpalais eingezogen. Seitdem, so sagt er, ist er über jeden neuen Tag froh, den er in dem historischen Gebäude in dieser wundervollen Umgebung verbringen darf. "Jeden Morgen erlebe ich eine andere Stimmung", schwärmt Klenner. Das Rote Haus verfügt vielleicht nicht über den üblichen Komfort, nachts sind die Wege nicht beleuchtet. Die Heizkosten sind hoch. Auch müssen die Mülltonnen 700 Meter weiter gezogen werden als das bei einem ganz normalen Einfamilienhaus nötig ist. Doch der Mieter sieht vor allem die Vorteile und sagt: "Hier lebt es sich traumhaft".

Mit unverbautem Blick auf den Park

Wenn Hanns Christian Klenner über den See schaut, blickt er direkt auf die noblen Villen am östlichen Ufer in der Berliner Vorstadt. Die Weiße Villa von Modedesigner Wolfgang Joop steht dort, auch das Haus von Fernsehmoderator Günther Jauch. Manchmal ruhen sich die Schwimmer an Klenners Steg aus; Spaziergänger versuchen immer wieder einen Blick durch die "grüne Festung" ins Innere seines Gebäudes zu erhaschen. Das Rote Haus ist im Laufe der Jahre immer mehr zugewachsen. "Die Touristen stören mich überhaupt nicht", sagt Klenner.

Anfang 2002 zog der gebürtige Schweriner, der in Berlin aufgewachsen ist, als Mieter in das Rote Haus ein. Sieben Jahre lang stand das Haus vorher leer. Hauptmieter war bis dahin Job von Witzleben, ein Verwandter des gleichnamigen Generalfeldmarschalls, der wegen seiner Beteiligung am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet worden war. Um der Sippenhaft zu entgehen, lief Job von Witzleben, damals Major an der Ostfront, zur sowjetischen Armee über. In der DDR machte er am Militärhistorischen Institut in Potsdam Karriere. Ihm wurden enge Verbindungen zum sowjetischen Geheimdienst nachgesagt. Nach der Wiedervereinigung übersiedelte er nach Süddeutschland. Inzwischen ist er verstorben.

Voraussetzung dafür, dass Chefrestaurator Klenner damals die sogenannte Werkmietwohnung bekam: Er dürfe keine großen Ansprüche stellen - und: Er müsse ausziehen, sofern die Stiftung eine andere Nutzung für das Rote Haus vorsieht. Bislang ist das nicht der Fall. "So bin ich für jedes Jahr dankbar, in dem ich hier wohnen darf", sagt Klenner. Und: "Ich habe als Chefrestaurator einen Traumberuf, wenn auch nicht jeden Tag, und habe eine Traumwohnung, und das jeden Tag."

Wie das sogenannte Grüne Haus stand das nahe gelegene Rote Haus schon, bevor Friedrich Wilhelm II den Park errichten ließ. Es war ein früheres Weinmeisterhaus, vor 1763 in den Weingärten errichtet. Heute noch vermittelt es den Eindruck ländlicher Idylle. Einige Zeit lang wohnte Johann Friedrich Ritz, der Gärtner und spätere Geheimkämmerer Friedrich Wilhelm II darin.

Die Gartenhäuser sind nach ihrer Fassadenfarbe benannt. Das Grüne Haus erhielt als erste Dienstwohnung des 1816 nach Potsdam berufenen Landschaftsgestalters Peter Joseph Lenné Bedeutung. Ihm wurde die gärtnerische Gestaltung des Umfeldes übertragen, später setzte er sie für den gesamten Neuen Garten fort. Heute wohnen im Grünen Haus mehrere Mietparteien. Auch das Weiße und Braune Haus werden als Wohnungen für Mitarbeiter der Stiftung genutzt.

Insgesamt verfügt die Schlösserstiftung über 185 sogenannte Werkmietwohnungen. Hier wohnen auch frühere Beschäftigte. Obwohl viele Wohnungen in einem schlechten Zustand sind, gibt es Wartelisten. Die Stiftung, so heißt es, versuche, einen angemessenen Wohnstandart zu garantieren. Viel Miete nimmt die Stiftung nach deren Auskunft mit den Wohnungen nicht ein. Ihr ist vor allem wichtig, dass die Gebäude nicht leer stehen.

Lukrativer hingegen ist die tageweise Vermietung von Gebäuden mit besonderem Flair. So kann zum Beispiel einen der beiden Pflanzenhallen der Orangerie im Park Sanssouci für 10.000 Euro am Tag gemietet werden. Viele Firmen und Verbände richten hier ihre Empfänge aus. "Insgesamt nimmt die Stiftung rund 4,5 Millionen Euro jährlich mit der Vermietung von Objekten dabei ein, das ist fast ein Drittel der eigenen Gesamt-Einnahmen", sagt Grit Onnen. Sie ist bei der Schlösserstiftung zuständig für den Vermietungsservice. Im oberen Stockwerk der Orangerie sind auch Wohnungen für Mitarbeiter der Stiftung untergebracht.

Zu den Dauer-Mietern in Gebäuden der Schlösserstiftung zählt auch die Universität Potsdam. Die Fakultät für Geisteswissenschaften, auch die Sportwissenschaften sowie Teile der Verwaltung sind am Neuen Palais untergebracht.

Zudem setzen Gastronomen auf das besondere Flair Potsdams. Die Laggner-Gruppe aus Berlin, zu der auch das Lutter&Wegner am Gendarmenmarkt gehört, betreibt im "Schloss Glienicke" an der Glienicker Brücke ein Restaurant. Das "Kleine Schloss" im Park Babelsberg ist seit 2004 an Claudia und Arndt Gilka-Bötzow verpachtet. In dem Cafe feiern Gäste gerne Familienfeste wie Hochzeiten oder Taufen. Claudia Gilka-Bötzow sagt: "Wenn ich während einer kurzen Arbeitspause auf den Tiefen See hinausschaue, während die Schiffe vorüber gleiten, erholen ich mich im Expresstempo." Die 41-Jährige gebürtige Schweizerin und ihr Mann, ein Bayreuther, kommen jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie selbst wohnen in Babelsberg, die Wohnungen im Haus sind an Mitarbeiter der Stiftung vermietet.