Fernsehen

Klein-Glienicke: Streng bewacht im Kalten Krieg

TV-Dokumentation schildert Fluchten und Schicksale in der DDR-Sondersicherheitszone

- Eine winzige Insel DDR auf West-Berliner Seite. Drei Hektar groß, umgeben von Mauer und Klassenfeind. Das war Klein-Glienicke. Nur durch eine Brücke mit Babelsberg verbunden, auch sie streng bewacht von Grenzsoldaten. Der Ort mit seinen 500 Einwohnern war aus Sicht der DDR-Grenztruppen einer der am schwierigsten zu kontrollierenden Abschnitte der Mauer um Berlin. Nur wer einen Stempel im Ausweis hatte, durfte rein. Wer in Klein-Glienicke lebte, bekam nicht so einfach Besuch. Ohne Passierschein und Begleitung durch die Grenzer ging nichts. Ein neuer Film von Jens Arndt erzählt die Geschichten von Menschen, die in der "Zone der Zone" gelebt haben. Die dageblieben sind - bis die Mauer 1989 fiel. Auch ein ehemaliger Major der Grenztruppen, zuständig für den Ort, kommt zu Wort.

"Klein-Glienicke. Hinter der Mauer" wird am Dienstag, 25. September, um 20.15 Uhr in der Sendereihe "Geheimnisvolle Orte" im RBB ausgestrahlt. Gefördert wurde die Dokumentation von der Bundesstiftung Aufarbeitung. Sie entstand in Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Diagnose: Mauerkoller

Wer heute durch Klein-Glienicke fährt, kann nur noch erahnen, wie sich das Leben anfühlte, damals in der abgeriegelten "Sondersicherheitszone". In seinem 45-minütigen Film stellt Jens Arndt neben seltenen Bilddokumenten aus dem Sperrgebiet Zeitzeugen in den Mittelpunkt. Die Lehrerin Gitta Heinrich beschreibt, wie schwierig es war, Familienfotos vor dem Haus zu machen. Es war streng verboten, die Mauer zu fotografieren. So ließen viele Klein-Glienicker ihre Bilder am Urlaubsort in Thüringen oder in einem Fotoladen an der Ostsee entwickeln. Gitta Heinrich schildert, wie sie zunehmend unter dem Eingesperrtsein litt. Die Diagnose ihres Hausarztes: Mauerkoller.

Christa Schmidt erzählt, wie ihr und ihrem Mann die Flucht misslang. Sie war damals Mitte 30. Christa Schmidt musste für ein Jahr ins Stasi-Gefängnis an der Lindenstraße in Potsdam, ihr Mann wurde zu vier Jahren Haft in Bautzen verurteilt. Die Potsdamerin: "Danach habe ich nie wieder an Flucht gedacht."

Andere haben es geschafft. So wie Brigitte und Helmut Schimpfermann. Sie nutzten die Gelegenheit, als eines Nachts die Beleuchtung der Grenzanlagen ausfiel. Als Birgitte Schimpfermann die Fotos der Staatssicherheit vom Fluchtort sieht, weint sie. Sie zeigen die Holzleiter der Nachbarn, die das Ehepaar sich gegriffen hat, um mit den beiden Kindern über die Mauer zu klettern. Die Decke des damals dreimonatigen Saschas liegt am Boden. Sie hatten sie aus Versehen fallen lassen.

Das mit den Leitern war sowieso so eine Sache in Klein-Glienicke. Die Angst vor Republik-Flüchtlingen war so groß, dass jede Leiter im Ort stets angeschlossen sein musste. Wer sich nicht daran hielt, musste fünf Mark Strafe zahlen. Immer wieder flüchteten Bewohner über eine Leiter. Den Grenztruppen gelang es nicht, diesen Abschnitt der Berliner Mauer vollständig zu kontrollieren. Nirgendwo war die Grenze verwinkelter und schwerer einsehbar als in Klein-Glienicke. Auch der frühere Major der Grenztruppen Franz Pateley erinnert sich an die einsamen Leitern, die nach gelungenen Fluchten an der Mauer lehnten.

Weitaus spektakulärer war die letzte Tunnelflucht nach West-Berlin im Jahr 1973. Major Pateley hatte noch mit dem Klein-Glienicker über das Holz gesprochen, das dieser vor der Haustür zurechtschnitt. Es war für den Bau des Tunnels gedacht. Der Major bekam davon nichts mit. In dem Film nennt der heute 80-Jährige die Flucht von Dieter W. "eine meiner größten Niederlagen". Am 15. November 1968 kommt es an der Mauer in Klein-Glienicke zu einem tragischen Vorfall. Der 21-jährige Volkspolizist Horst Körner wird auf der Flucht entdeckt und verliert die Nerven. Er schießt auf den 27-jährigen Grenzsoldaten Rolf Henniger. Dessen Kamerad tötet daraufhin Horst Körner. Auch der junge Grenzer Henniger stirbt.

Der Film geht zeitlich aber noch weiter zurück: So beschreibt Lonny von Schleicher den Tag im Jahr 1934, an dem ihr Stiefvater Kurt von Schleicher in Klein-Glienicke von SS-Schergen erschossen und auch ihre Mutter getötet wurde. Kurt von Schleicher war der letzte Reichskanzler vor Hitler. Sie erfuhr von dem Tod ihrer Eltern, als sie mit ihrem guten Zeugnis nach Hause kam. Sie war damals 15.

Jens Arndt zeigt in seinem Film auch eine der absurden Seiten des Kalten Krieges. Ruth Herrmann erinnert sich an das "deutsch-deutsche" Begräbnis ihrer Großmutter. Diese war in Klein-Glienicke verstorben. Der Rest der Familie lebte längst im Westen. Getrennt durch den Stacheldraht nahm Ruth Hermann damals zusammen mit ihrer Mutter an dem Begräbnis auf der anderen Seite teil. Pfarrer Strauß sprach bewusst laut, damit ihn die Verwandtschaft im Westen hören konnte.

"Das Sperrgebiet Klein-Glienicke war ein Hotspot im Kalten Krieg", sagt der Filmemacher Jens Arndt. "Hier passierte alles auf kleinstem Raum." An einer Stelle war der Arbeiter- und Bauernstaat DDR in Klein-Glienicke gar nur 15 Meter schmal. Der 52-Jährige hat diesen merkwürdigen, fast unwirklichen Ort auch in einem Buch beschrieben. "Selbst für Berliner war Klein-Glienicke ein Mythos", sagt er. Der Autor und Regisseur ist in Zehlendorf aufgewachsen. Seit 13 Jahren lebt er in Klein-Glienicke. Und sammelt Geschichten. Wie die in seinem neuen Film.

"Klein-Glienicke. Hinter der Mauer", RBB, 25. September, 20.15 Uhr