Skulptur

Ein großer Schritt in die Zukunft der Kunsthalle

Wolfgang Mattheuers Werk soll später vor Hasso Plattners Sammlungsgebäude stehen. Eine Begegnung mit dem Mäzen in Potsdam

- Hasso Plattner ist zu früh. Und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) fehlt noch. Kaugummi kauend steht der 68-Jährige an diesem Sonntag um Viertel vor elf Uhr auf dem gepflasterten Hof am Neuen Markt: Graue Sportschuhe, graue Hose, dunkles Shirt; den dunklen Pulli lässig über die Schultern gelegt. Irgendwie stellen sich die Leute einen Milliardär anders vor. Aber der Mann, der als Gründer des Softwareunternehmens SAP reich wurde, gibt sich gerne lässig. Hasso Plattner ist bestens gelaunt. Gegen 11.30 Uhr wird er auf dem Hof vor dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte die berühmte Skulptur des sächsischen Künstlers Wolfgang Mattheuer, den "Jahrhundertschritt" enthüllen. Die Figur sollte 2006 vor dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig aufgebaut werden. Dort steht jetzt eine kleinere Version der Skulptur.

Geplant war auch einmal, sie vor dem Reichstagsgebäude zu platzieren. Der Kunstliebhaber Plattner hat das monumentale Werk des 2004 verstorbenen DDR-Künstlers für die von ihm in Potsdam geplante Kunsthalle erworben. Sie sollte eigentlich an Stelle des 17-stöckigen Hotels Mercure in der Innenstadt entstehen. Einige Potsdamer protestierten dagegen. Plattner plant die Kunsthalle nun am Jungfernsee, auf seinem privaten Grundstück.

Am Sonntag sind etwa 150 Menschen gekommen. Sie wollen bei der Enthüllung des "Jahrhundertschritts" dabei sein, aber auch den Mäzen Plattner sehen. Der gebürtige Berliner hat den Potsdamern schon einiges geschenkt: Am Griebnitzsee baute er eine private Universität auf, neuerdings studieren am Hasso-Plattner-Institut HPI online fast 13.000 Teilnehmer aus 90 Ländern kostenlos Themen der Informationstechnologie. Dann spendete er 20 Millionen Euro, damit der neue Landtag die Fassade des einstigen Stadtschlosses erhält, später kam das historische Kupferdach dazu. Vom "Jahrhundertschritt" ist noch nicht viel zu sehen. Ein Mann hält einen Streifen Pappe hoch: "Kunst statt Mercure" steht darauf. Hasso Plattner ruft ihm lachend zu: "Nicht schon wieder, besser gesagt, nicht noch immer!" Er hat abgeschlossen mit dieser Diskussion. Plattner sagt sogar: "Ich bin ganz froh darüber, dass das Projekt die Havel runtergeflossen ist. Ich mache mich doch nicht zum Affen."

Er habe den Leuten nichts aufdrücken wollen. Die Kunsthalle kommt definitiv nicht an die Stelle des Mercure, der graue Betonklotz wird nicht abgerissen. Die Hotelgruppe Accor und der US-Investor Blackstone wollen in den nächsten Wochen den Vertrag unterschreiben, dass Blackstone das frühere Interhotel in den nächsten Jahren selbst betreiben wird. Accor hatte den Pachtvertrag mit Blackstone zum Jahresende gekündigt.

Oberbürgermeister Jakobs und viele andere hatten vergebens gehofft, dass das unansehnliche Hochhaus wegkommt. Hasso Plattner hätte dies ermöglichen können, doch er wollte sich ungeachtet der großen Unterstützung von prominenten Potsdamern wie Wolfgang Joop und Günther Jauch nicht über die Köpfe der Bewohner hinwegsetzen. "Am meisten haben mich ganz persönliche Briefe überzeugt", sagt Plattner am Rande der Veranstaltung. "Eine Frau schrieb: Im Mercure, da haben wir doch die Konfirmation meine Tochter gefeiert." Es habe ihn überrascht, wie heftig die Reaktionen auf seine Pläne ausfielen. Vor allem im Internet wurde er wüst beschimpft. Es habe nicht geahnt, "wie viele Verbitterung, Neid und auch Hass es in dieser Stadt gibt", sagt Hasso Plattner. Die Linke, die für den Erhalt des Mercure kämpfte, macht er nicht mehr als Schuldigen aus. Sie sei es nicht gewesen, die das angezettelt hat, so Plattner jetzt. Inzwischen ist das Verhältnis offenbar so entspannt, dass sich Hasso Plattner freundlich bedankt, als Scharfenberg ihm ausgerechnet eine Ausgabe des "Neuen Deutschland" mit einem Artikel über Plattners Engagement in Potsdam überreicht. Die Zeitung war einst das Zentralorgan der SED.

Jann Jakobs und andere Potsdamer hoffen immer noch, dass Plattner mit seiner Kunsthalle doch nicht an den Jungfernsee zieht. "Die Innenstadt wäre das Beste", sagt Jakobs. Doch Plattner will nun auf seinem "eigenen Grund und Boden" bauen. Die Mattheuer-Skulptur steht bis zur Fertigstellung der Kunsthalle ebenfalls auf seinem eigenen Grundstück - vor dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Dort ging eben die Plattner-Ausstellung mit Werken von DDR-Künstlern wie Mattheuer, Bernhard Heisig, Arno Rink und Werner Tübke zu Ende. In acht Wochen wurden 11.000 Besucher gezählt. Die Ausstellung soll Lust auf die Kunsthalle machen. Gegen 11.30 Uhr enthüllt Plattner die fünf Meter hohe Skulptur: "Ganz tolle Kunst, ganz toller Inhalt". Der raumgreifende Schritt sei ein Schritt in die Zukunft. "Ob er golden ist, wird sich zeigen", sagt Plattner.