Prognosen

Bundestagsexperte: BER-Eröffnung 2013 nicht sicher

Verkehrsausschuss des Parlaments inspizierte Baustelle. DIW-Studie: Häuser verlieren an Wert

- Der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) am Mittwochnachmittag, kurz nach fünf. Aus dem Terminal mit der extrabreiten Glasfassade müssten jetzt eigentlich Tausende Menschen strömen, denn um diese Zeit ist auch in der Luft gerade Rushhour. Doch der Airport ist geschlossen und nur etwa 30 Bundestagsabgeordnete verlieren sich auf den mit Bauzäunen zugestellten Vorplatz. Gekommen waren die Mitglieder des Verkehrsausschusses des deutschen Parlaments, um den inzwischen weltweit bekannten Pannen-Airport in Schönefeld einmal selbst in Augenschein zu nehmen. Die Urteile nach dem gut zweistündigen Vorort-Termin fielen teilweise vernichtend aus. Beim Controlling habe es "Planlosigkeit" gegeben, konstatierte im Anschluss Herbert Behrens (Linke). Sören Bartol von der SPD war stark verwundert darüber, dass "es während der Bauphase ständige Veränderungen gegeben habe", mit der die Planung des Brandschutzes am Ende einfach nicht mithalten konnte. "Je näher der ursprünglich geplante Eröffnungstermin im Juni kam, umso mehr wurde gepfuscht", so die Einschätzung des Grünen-Abgeordnete Stephan Kühn.

Angesichts der vielen Mängel und notwendigen Nachbesserungen ist der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), noch nicht überzeugt, dass der in der vorigen Woche neu verkündete Eröffnungstermin für den künftigen Hauptstadtflughafen im Oktober 2013 wirklich sicher ist. Das werde man erst im November oder Dezember dieses Jahres sehen, sagte Hofreiter nach der Baustellenbesichtigung. Es gebe keine zeitlichen Puffer und die Probleme mit der Brandschutzanlage und den unter Zeitdruck chaotisch verlegten Kabeln seien sehr groß. Zudem brauche der Flughafen eine fünfmonatige Testphase, so dass der Bau spätestens im Frühjahr abgeschlossen sein müsste.

Probleme beim Brandschutz

Nach dem derzeitigen Planungsstand soll der neue Airport mit einer Kapazität von 27 Millionen Passagieren im Jahr am 27. Oktober 2013 in Betrieb gehen. Das hatte der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft am vergangenen Freitag beschlossen. Zuvor war der Termin bereits mehrfach wegen technischer und bauplanerischer Probleme verschoben worden. Zuletzt sorgte vor allem die Brandschutztechnik im Terminal für Sorgen. Speziell die Entrauchungsanlage, die bei einem Feuer im Gebäude dafür sorgen soll, dass giftige Gase in kurzer Zeit aus dem Gebäude abgesaugt werden, funktioniert bisher nicht wie geplant.

Der neue Technik-Chef der Flughafengesellschaft, Horst Amann, meinte zu den technischen Schwierigkeiten, er sei guten Mutes. Es gebe keine unlösbaren Problemen, aber nötig seien viel Fleiß sowie Zeit. Das Projekt sei in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen. "Und endgültig schief gegangen ist dann alles, als es den Druck gab, die Eröffnung am 3. Juni unbedingt zu halten." Laut Amann ist noch immer eine umfassende Bestandsaufnahme der Probleme im Gange. Kabelschächte müssten dabei wieder geöffnet werden, um einen Überblick zu bekommen und vieles neu zu sortieren. Dies sei auch die Ursache dafür gewesen, dass die Bundestagsabgeordneten bei ihrem Terminal-Rundgang eine vermeintlich chaotische Baustelle mit vielen heraushängenden Kabeln gesehen hätten. Doch die Arbeiten hätten System und kämen gut voran, versuchte er die Politiker zu beruhigen.

Die Beseitigung aller noch bestehenden Mängel am Flughafen sowie dessen spätere Eröffnung sorgen nach aktuellen Berechnungen für Mehrkosten von 1,2 Milliarden Euro. Diese müssen von den Eigentümern der Flughafengesellschaft aufgebracht werden. Während Berlin und Brandenburg entsprechend ihres Gesellschafteranteils von je 37 Prozent jeweils 444 Millionen Euro zahlen müssen, soll der Bund einen Anteil von 312 Millionen Euro beisteuern.

Im Berliner Süden sinken die Preise

Eigentümer von Häusern und Grundstücken im Umfeld des Flughafens müssen sich derweil darauf einstellen, dass ihre Immobilien erheblich an Wert verlieren. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Vor allem wegen der zu erwartenden Zunahme der Belastung mit Fluglärm werde in der Nähe des Airports der Verkaufspreis von Häusern und Wohnungen um bis zu ein Drittel sinken. Das geht aus der am Mittwoch veröffentlichten Studie hervor. Für jeden Kilometer, den die Korridore für die an- und abfliegenden Maschinen näher rücken, sinken die Preise für Immobilien um bis zu neun Prozent. "Fluglärm kommt Immobilienbesitzer teuer zu stehen", fassten die Autoren der Studie, Andreas Mense und Konstantin Kholodilin, zusammen.

Für ihre Untersuchung haben die beiden Wissenschaftler über 6000 Anzeigen von drei Immobilienportalen im Internet ausgewertet, die zeitnah zu den Ankündigungen der Flugrouten erschienen sind. "Auf die neuen Flugkorridore vom Juli 2011 haben die Immobilienpreise bereits deutlich reagiert. Am stärksten ist der Preisverfall im Süden Berlins, insbesondere in Köpenick und Schönefeld sowie im Süden Neuköllns", sagt Konstantin Kholodilin, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIW Berlin und Mit-Autor der Studie.

Unterdessen wurde bekannt, dass die Deutsche Flugsicherung laut "Bild"-Zeitung wegen des verschobenen Eröffnungstermins Schadensersatz von der Flughafengesellschaft fordern will. Die DFS mache geltend, dass ihre Fluglotsen in Simulatoren für den neuen Airport geschult worden seien. Aufgrund der Verzögerungen müssten die Mitarbeiter nun erneut die Kurse durchlaufen.