Immobilie

Erst die Liebe, dann die Arbeit und jetzt das Glück

Berliner Ehepaar rettet ein Fachwerkhaus im Oderbruch vor dem Verfall

– In Neulietzegöricke in einem Fachwerkhäuschen zu leben, ist nichts Besonderes – gilt das denkmalgeschützte Oderbruch-Dorf doch als Ort mit der höchsten Fachwerk-Dichte in Brandenburg. 27 dieser charakteristischen Gebäude stehen saniert zu beiden Seiten des Dorfangers. Das Haus Nummer 64 fällt dennoch etwas aus dem Rahmen. Nicht, was seine Fassade angeht, sondern wegen der Geschichte seiner Rettung. Denn Peter und Kornelia Nagel haben das Häuschen quasi komplett neu aufbauen müssen, so viel alte Bausubstanz war zerstört.

Die Berliner waren vor sechs Jahren eigentlich gar nicht auf der Suche nach einem Eigenheim, als sie am Tag des offenen Denkmals das älteste, von Preußenkönig Friedrich II. nach der Trockenlegung des Oderbruchs begründete Kolonistendorf des Oderbruchs besuchten. Doch da entdeckten sie den alten Vierseithof mit windschiefen, wie geduckt wirkenden Gebäuden. „Überall standen Holunderbüsche, das verlassene Anwesen machte einen verwunschenen Eindruck und zog uns in seinen Bann“, erinnert sich Kornelia Nagel. Sie und ihr Mann machten den damaligen Eigentümer ausfindig und kauften ihm den heruntergekommenen, seit 15 Jahren leer stehenden Hof ab.

„Da gab es kein langes Überlegen“, sagt der gebürtige Berliner Peter Nagel. Schließlich hatte auch das 200-Seelen-Dorf selbst den Großstädtern gut gefallen. Gibt es doch nicht nur die Kneipe „Zum feuchten Willi“, sondern auch einen Konsum im Dorfgemeinschaftshaus, Sport- und Spielplatz, Rodel- und Seifenkistenberg sowie ein vielfältiges Vereinsleben. Doch es ist wohl auch die Mischung aus Alteingesessenen und Zugezogenen, die den Charme des Ortes ausmacht.

Auf der Suche nach Bewohnern

Vor ein paar Jahren hatte Bürgermeister Horst Wilke auf der Grünen Woche und per Annonce um „Neu-Kolonisten“ geworben und vor den Nagels schon gut ein Dutzend Familien gefunden, die sich der alten Fachwerkhäuser annahmen. Er half den Neuen nicht nur bei der Beantragung von Fördermitteln, sondern prophezeite dem Ehepaar Nagel zudem, dass sie nie wieder Langeweile haben würden.

Damit sollte er recht behalten. Während Peter Nagel vor seinem geistigen Auge schon ein Fachwerk-Schmuckstück sah, war seine Frau anfangs skeptisch. „Es war einfach so viel kaputt, leere Decken, eingefallene Treppen, marode Dielen“, zählt die 57-Jährige auf. Zwei Jahre lang lebten die neuen Eigentümer von Nummer 64 im Wohnwagen. „Ein paar Sparren im Dach sowie Türen und Fenster sind noch original“, sagt Peter Nagel, der in Berlin bereits ein Haus gebaut und dabei Erfahrungen gesammelt hatte. Den Rest der alten Bausubstanz in „Lietze“, wie die Einheimischen ihren Ort der Kürze wegen nennen, hatten Holzwurm und Schwamm bereits erledigt.

„Wir haben in Absprache mit dem Denkmalschutz alles aufgenommen, bis auf die Grundmauern, und neu aufgebaut“, sagt der Hausherr über den mühsamen Neuanfang im Oderbruch. Der ganze Hof habe voller Holz gelegen, darunter auch 13 Meter lange Balken für das neue Fachwerk. Im Frühjahr 2010 kam eine Lehmbauerin, um die Wände zwischen den Holzbalken mit einem Stroh-Lehm- Gemisch zu verfüllen. Abschließend wurden die Wände bis auf das Fachwerk gelb verputzt, weil ansonsten der Regen den Lehm wieder ausspülen würde.

Zwei Fremdenzimmer unterm Dach

Im September 2010 schließlich feierten die Nagels Hoffest und zogen ein. Im vergangenen Jahr eröffneten sie zudem ihre „Pension im Kleinkolonistenhaus“, unter dem Dach sind zwei Fremdenzimmer entstanden. „Wir trafen ständig Leute, die nach einer einfachen Übernachtungsmöglichkeit suchten.“ Bei den Nagels kostet die Nacht 25 Euro inklusive Frühstück und „selbst gelegtem“ Ei, wie Kornelia Nagel schmunzelnd erzählt.

Über die Geschichte ihres Oderbruch-Hofes haben sie und ihr Mann jedoch nicht allzu viel herausbekommen. Neulietzegöricke entstand 1753, ein verheerendes Feuer vernichtete 27 Jahre später das halbe Dorf. Aufzeichnungen zum Anwesen mit der Nummer 64 in den Grundbüchern gehen lediglich bis 1850 zurück. Wo die einstigen Bewohner ursprünglich herkamen, ist nicht überliefert.

Die Nagels kämpften um ihr neues Leben auf dem Lande und wurden immer mehr heimisch. „Wenn die Nachbarn merken, dass man nicht nur redet, sondern etwas tut, sind sie viel offener, helfen mit Rat und Tat“, sagt der 62 Jahre alte Bankkaufmann im Vorruhestand. Inzwischen ist seine Frau Mitglied bei den „Reetzer Sängern“, schwärmt von der „Bodenständigkeit“ der Menschen im Oderbruch und von praktischen Dingen wie dem Marmeladekochen. Um die derweil ebenfalls restaurierte Kirche von Neulietzegöricke für Besucher offen zu halten, übernehmen die Nagels drei Wochenenddienste im Jahr.

Als das Haus endlich stand, hatte die ausgebildete Hauswirtschafterin Kornelia Nagel Zeit und Muße, sich um den Rest des 3000 Quadratmeter großen Anwesens zu widmen. Sie ist mit sieben Geschwistern selbst auf dem Land groß geworden, in einem Dorf zwischen Oldenburg und Osnabrück. Hühner und Kaninchen sowie Kater Jonathan gehören inzwischen zum nagelschen Landleben dazu, ebenso ein großer Bauerngarten mit neu gepflanzten Obstbäumen und üppigen Kübelpflanzen. Gladiolen, Rosen und Dahlien sorgen für bunte Farbtupfer, Bohnen-, Sellerie- und Kartoffelbeete sind von verwitterten Ziegelsteinen begrenzt. An der alten Scheune klettert ein Weinstock empor. Peter Nagel baut die Scheune gerade zu einer Werkstatt um. Der frühere Pferdestall ist inzwischen Unterkunft für die Enkelkinder, aus der ehemaligen Waschküche wurde ein Lager. In der hintersten Gartenecke steht etwas verloren der Wohnwagen, in dem die Nagels zwei Jahre lang auf ihrer Baustelle campierten. „Wir fangen jetzt erst an, so richtig zu leben“, schwärmen die Neu-Kolonisten von Neulietzegöricke und preisen die schlichte Schönheit der Oderbruch-Landschaft, die Weite des Himmels und den Vogelzug.