Wittenberge

Zwischen Operette und Hafen

Lange gab es wenig Hoffnung für Wittenberge. Mit neuen Ideen soll der Aufschwung kommen

- Monumental überragen die Türme des ehemaligen Nähmaschinenwerks "Veritas" Wittenberge und erinnern schmerzvoll an die große industrielle Geschichte der Stadt. Nach der Wende abgewickelt, begann mit der "Veritas"-Schließung der wirtschaftliche wie soziale Niedergang. Seit einiger Zeit passe aber dieses Klischee nicht mehr, sagt Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos). Wittenberge erhole sich langsam vom Negativtrend der vergangenen 20 Jahre. Dazu tragen Unternehmen wie die Deutsche Bahn und Prignitzer Chemie, der neue Elbeport und der Kulturtourismus bei.

"Wir können mit Städten aus dem Berliner Speckgürtel wieder gut mithalten", stellt Hermann fest. In der Elbestadt fänden Firmen gut ausgebildetes Fachpersonal und große Industrieflächen. Als ein Beispiel gilt das Bahninstandhaltungswerk. Der Betrieb ist innerhalb der vergangenen fünf Jahre um 500 auf aktuell 1100 Mitarbeiter gewachsen. "Und die Bahn hat in Zukunft noch mehr bei uns vor", kündigt Hermann an. Gerade baue das Unternehmen für 6,5 Millionen Euro ein Lager- und Logistikzentrum. Weitere Millioneninvestitionen sollen folgen.

"Musterknabe des Ostblocks"

Aber natürlich läuft bei weitem noch nicht alles rund. Auch Bürgermeister Hermann kennt die 360 Seiten starke Studie "ÜberLeben im Umbruch", in der Soziologen Wittenberge von 2007 bis 2010 untersucht haben. Laut Projektleiter Heinz Bude hat sich die Stadt "vom Musterknaben des europäischen Ostblocks zum armen Vetter der Bundesrepublik" entwickelt. Denn nach der Wende erlebte Wittenberge einen enormen industriellen Aderlass: Drei von vier Großbetrieben wurden geschlossen; mehr als 10.000 Arbeitsplätze gingen verloren; knapp 12.000 Bewohner kehrten daraufhin ihrer Heimatstadt den Rücken. Heute hat Wittenberge noch gut 18.000 Einwohner. Zwar spüre man auch hier den fortschreitenden demografischen Wandel, "die Negativstadt Ostdeutschlands sind wir aber bei weitem nicht", wehrt sich Hermann. "Die Stadt Wittenberge ist besser als ihr Ruf", sagt auch Bahnwerk-Chef Dietmar Schmidt. Die Stadt habe sich mächtig entwickelt. Mittlerweile gebe es in der Region wieder berufliche Perspektiven. Nachwuchsprobleme habe Schmidts Werk nicht. Die 136-jährige Tradition am Standort sorge dafür, dass ganze Generationen im Bahnwerk arbeiteten.

Wichtige Impulse setzt auch der vor einem Jahr offiziell neu eröffnete Elbehafen. Knapp sechs Millionen Euro wurden in das Projekt investiert. Drei Liegeplätze für Binnenschiffe mit direktem Straßenzugang sind entstanden. Außerdem gibt es einen direkten Zugang zur Schnellbahnstrecke Hamburg-Berlin sowie in Richtung Rostock, so dass beispielsweise Schwerlasttransporte aus dem Dresdner Raum über Wittenberge bis in den Hafen Rostock abgewickelt werden können. Heute werden im Hafen Getreide, Biodiesel und Wasserbausteine abtransportiert sowie Container für das Werk der Prignitzer Chemie gebracht. "Der Hafen floriert", sagt Elbeport-Chef Jürgen Thies. Im ersten Jahr seien 60.000 Tonnen bewegt worden. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es schon knapp 80.000 Tonnen. "Das beweist doch, dass wir Hafen können."

Beliebt bei Kulturfreunden

Der Elberadweg trage außerdem mittlerweile stark zur Auslastung des Gastgewerbes bei, berichtet Stadtsprecherin Christiane Schomaker. Die 840 Kilometer lange Route entlang der Elbe verbindet die Nordsee und die Sächsische Schweiz an der Grenze zu Tschechien. 360 Kilometer vom Startpunkt Cuxhaven entfernt liegt Wittenberge mit seinen zahlreichen Übernachtungsmöglichkeiten. Viele Radfahrer nutzen die Gelegenheit für eine Pause in der Stadt, die mit ihrem "unverwechselbaren", von den zahlreichen Türmen geprägten Panorama wirbt. Die Altstadt soll in den kommenden Jahren weiter saniert werden. Gerade Berliner nutzen den größten Ort der Prignitz auch als Ausgangs- oder Endpunkt für Elbe-Radtouren, weil es eine direkte Bahnverbindung gibt. Dazu komme der Kulturtourismus, sagt Stadtsprecherin Schomaker, und verweist vor allem auf die Konzertveranstaltungen auf der Elbland-Bühne, die am Platz der Alten Ölmühle entstand. Das Programm umfasst Operetten ebenso wie Schlager, das Publikum kommt sogar weit von außerhalb dafür.

Auch von der Anbindung Wittenberges an die verlängerte Autobahn 14 verspricht man sich viel. Bürgermeister Hermann zufolge laufen schon vielversprechende Gespräche mit Investoren - "und denen ist die Studie egal". "Die fragen, was passiert, wie die Stadtverwaltung aufgestellt ist, wie hoch die Wohnpreise sind. Und dann fangen die an oder nicht."