Vogelleder

Strauß zum Anziehen

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Jeanette Bederke

Ein Seelower will mit dem Vogelleder die Modewelt erobern. Bei der Fashion Week war er schon

- Im unauffällig längsgestreiften Hemd und Jeans strahlt Fred Wenzlaff etwas Bodenständiges aus. Es wirkt überraschend, wenn er im typischen Dialekt seiner Brandenburger Heimat Dinge sagt wie: "Im kommenden Winter und auch im nächsten Frühjahr ist Leder total angesagt." Der 53-jährige Seelower wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein ausgewiesener Modeexperte. Von Haus aus ist Wenzlaff auch eigentlich Heizungsinstallateur und Fahrlehrer. Doch in diesen Berufen arbeitet er längst nicht mehr. Wenzlaff macht exklusive Ledermode.

Der Seelower verkehrt inzwischen in illustren Kreisen, er erzählt am heimischen Wohnzimmertisch davon, dass er auf Partys und Empfänge eingeladen wird. Sogar auf der Berliner Fashion Week war der Modedesigner eingeladen, um vor 1200 Gästen seine Kleidung, Gürtel, Handschuhe und Taschen aus Straußenleder zu präsentieren. Offenbar war die Berliner Modewoche für ihn ein Erfolg, denn auch zur New Yorker Fashion Week im September ist er eingeladen.

Und auch die Nachfrage nach seinen Kreationen - "alles Unikate" - steigt, wie Wenzlaff berichtet. Dabei hat der 53-Jährige nicht einmal einen Laden, in dem er die Luxusartikel zum Verkauf anbieten könnte. "Wir arbeiten nach Maß und auf individuellen Kundenwunsch. Da läuft das meiste über das Internet", sagt Fred Wenzlaff, der seine Firma "Fredini" genannt hat. Seinen Angaben nach beliefert Fredini seit fünf Jahren auch ausgewählte Geschäfte in Fünf-Sterne-Hotels von Berlin bis Kitzbühel.

Leder mit typischen Noppen

Das Besondere an Straußenleder sind die charakteristischen Noppen - an den Stellen, an denen einst die Federkiele saßen. Straußenleder ist sehr weich, atmungsaktiv, reißfest und vor allem waschbar - laut Wenzlaff ein großes Plus in der Bekleidungsbranche. "Es ist sehr vielseitig und lässt sich mit Springbock-Fell- oder Kaschmir-Einsätzen ebenso kombinieren, wie mit Zobel oder Leder aus der Haut von Lachsen", erzählt der Ostbrandenburger. Seine Lederwaren präsentiert Wenzlaff mittlerweile auch auf Fachmessen in Istanbul oder Bangkok. Dort habe er vor Jahren auch die Anregung zur Fertigung von Lederbekleidung bekommen, sagt Wenzlaff.

Wenzlaff hat offenbar eine Nase für das Geschäft. Nach der Wende machte er sich selbstständig und baute sich einen Fahrschulbetrieb auf, der schließlich neun Filialen hatte. Als dann die Rinderseuche BSE in Europa grassierte und die Nahrungsmittelindustrie nach Alternativen zu Rindfleisch suchte, ließ sich der Seelower in Westafrika in die Geheimnisse der Straußenzucht einweihen. Als erster Geschäftsmann in den Neuen Bundesländern eröffnete er 1999 eine Straußenfarm in Seelow, die größte Brandenburgs. Zunächst verdiente er dort mit dem fett- und cholesterinarmen Fleisch der großen Vögel, ihren Eiern und ihren Federn sein Geld.

Landwirte hegen die Vögel

Später konzentrierte er sich auf die Zucht und den Verkauf von Küken an andere Straußenfarmen. "Inzwischen habe ich sogar Anfragen aus Ghana - also aus einem der natürlichen Verbreitungsländer der Straußenvögel", erzählt der Geschäftsmann. Die Nachfrage nach Straußenprodukten übersteige inzwischen bei weitem die Produktion, sagt Wenzlaff. "Wir haben bereits den dritten schlechten Sommer in Folge. Die Biester riechen das im Voraus und legen schlecht", meint der Züchter. Mittlerweile kann er es sich leisten, "produzieren zu lassen". Wenzlaff gibt seine Straußen als Küken an Landwirte ab und kauft sie dann erst zum Schlachten wieder zurück. "Laut Vorschrift brauchen drei Tiere mindestens 1000 Quadratmeter Fläche - so viel Platz habe ich nicht", sagt er. So hält Wenzlaff in seiner Seelower Straußenfarm heute lediglich einige wenige Zuchttiere.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt er sich stattdessen mit der Naturgerbung der Straußenhaut. "In den Federnoppen sitzen Fetteinschlüsse, die mit normaler Industriegerbung nicht rauszubekommen sind und dann unschön nachfetten", sagt der Brandenburger. Vier Monate dauere die Naturgerbung, bei der statt chemisch hergestellten Aldehyden oder Säuren natürliche Gerbstoffe aus Buchen- oder Eichenrinde verwendet werden. Entsprechend teuer sind dann auch die Leder-Produkte. Und für eine Jacke benötigt Wenzlaff drei bis vier Straußenhäute.

Die besten Ideen für das Design seiner Produkte kommen dem 53-Jährigen angeblich beim Autofahren. Inzwischen aber hat er mit der Bielefelderin Debra Bou eine Jung-Designerin an der Seite, die Kleidungsstücke mit Strass, Nieten und auffälligen Reißverschlüssen aufpeppt.

Die Verarbeitung der Straußenhäute sei sehr aufwendig und daher auch sehr kostspielig, sagt Wenzlaff. "Da gibt es nicht viele Gerber und Kürschner, die das können. Und da sie kaum Konkurrenz haben, verlangen sie auch gehörige Preise", sagt Wenzlaff. Wo der Modedesigner seine Kollektionen produzieren lässt, hält er geheim - als Schutzmaßnahme gegen die Konkurrenz.