Beizjagd

Jagd ohne Gewehr

Michael Brannaschk jagt im Revier in der Nähe von Neuzelle Hasen und Füchse. Adler, Falken und Uhus sind seine Helfer

- Wenn Michael Brannaschk durch sein Jagdrevier nahe Neuzelle streift, hat er nur selten das Gewehr im Anschlag. In den meisten Fällen braucht er es auch gar nicht. Hasen, Rehe, Krähen oder Füchse erlegt er auf eine Art, die viel älter ist als die Jagd mit der Handfeuerwaffe. Brannaschk ist Falkner, der Lederhandschuh, auf dem seine Jagdgefährten landen, ist ein wichtiges Utensil.

Von der Stiftung Stift Neuzelle hat er ein rund 180 Hektar großes Jagdrevier gepachtet, hauptsächlich Wälder und Wiesen, die er im Wesentlichen mit Greifvögeln bejagt. Etwa zwei Dutzend hält der gebürtige Cottbuser in großen Volieren und trainiert sie für die Jagd. Seine Stein- und Steppenadler sind auf Hasen, Füchse und Rehwild spezialisiert. Die Falken jagen vornehmlich Krähen und Fasane. Und die nachtaktiven Eulen und Uhus bevorzugen ebenfalls Krähen und Hasen. Nur bei der Schwarz- und Rotwildjagd muss Brannaschk noch selbst zum Gewehr greifen. Die Falkner-Jagdsaison beginnt Ende Oktober und dauert etwa drei Monate. "Wenn dieses Zusammenspiel mit dem Tier funktioniert, ist das ein unbeschreibliches Gefühl", erzählt er.

Zeitaufwendiges Hobby

Bevor das jedoch reibungslos funktioniert, bedeutet sein zeitaufwendiges Hobby vor allem "viel Fleißarbeit". Denn das Starten, Beutegreifen und stilsichere Landen auf der Faust will gelernt sein. Derzeit hat der 49-Jährige aus Henzendorf Zeit zum Trainieren des Nachwuchses. Denn die erwachsenen Tiere befinden sich in der Mauser, wechseln das Federkleid und sind daher nicht für die Jagd einsetzbar. "Ich muss die Tiere regelmäßig füttern, sie satt halten, damit die Federn gleichmäßig wachsen", erläutert der Falkner.

Zwischendurch übt er mit "Sharon", einem knapp vier Monate alten Greifvogelweibchen, dass das Jagen erst noch lernen muss. Hell gemustert und mit wachen Augen sitzt der Hybrid aus einem Gerfalken, der weltweit größten Falkenart, und einem nordafrikanischen Lannerfalken, auf dem Arm von Brannaschk. Plötzlich fliegt der Vogel los und wird nach wenigen Metern durch die Leine gestoppt. "Würde ich sie jetzt ohne Leine trainieren, wäre Sharon im Nu auf und davon", sagt der Jäger, während er den Falken wieder einfängt und ihm eine Maske über den Kopf stülpt. "Falken sehen ein Vielfaches mehr als der Mensch und sind stets bestrebt, die Beute zu bekommen", kommentiert er diese Beruhigungsmaßnahme.

Bei ausgebildeten Greifvögeln hat die Leine ausgedient. Doch sicher sein kann sich Brannaschk nie, dass die Tiere auch tatsächlich zu ihm zurückkehren. "Greifvögel ordnen sich nie dem Menschen unter. Ihren Willen kann man nicht brechen - dessen muss man sich bewusst sein", sagt er. Deswegen hat er seine Jagdvögel mit Peilsendern angerüstet, um sie im Ernstfall wiederzufinden. Bis über die Grenze nach Polen ist er ihnen da schon gefolgt. "Wenn so etwas passiert, kann ich alle anderen Termine für diesen Tag vergessen. Der Vogel geht vor", sagt der gelernte Autoschlosser, der seit Jahren im Im- und Export sein Geld verdient.

Adler seien relativ standorttreu, Falken hingegen könnten bis zu 200 Kilometer weit fliegen. Deswegen jagt Brannaschk meist vor dem Dunkelwerden. "Wenn mir da einer abhaut, fliegt der nicht mehr weit, sondern hockt sich auf den nächstgelegenen Baum", erzählt der Falkner von seinen Erfahrungen. Wenn der Vogel ein Tier erlegt hat, so apportiert er nicht wie beispielsweise ein Jagdhund. "Da muss man als Mensch schnell und hinterher sein, um Beute und Vogel zu kriegen." Während Falken versuchten, mit dem erlegten Tier zu fliehen, würden Adler ihre Beute auch gegen den Menschen verteidigen. "Die sind trotz ihrer Größe schnell und wendig."

Im Mittelpunkt dieser Art der Jagd stehe nicht die Beute, sondern der Greifvogel, macht er klar. Falken fliegen in 150 bis 300 Meter Höhe über der Beute, die sie dann in einem plötzlichen Sturzflug angreifen. Adler hingegen würden dem Falkner fliegend folgen und sich dann selbstständig auf die Beute stürzen. "So ein Anflug beispielsweise auf ein Reh kann aus 500 Meter Entfernung erfolgen. Das Tier entscheide, was es fängt, nämlich die Beute, die am einfachsten zu bekommen ist. Jeder Freiflug könnte ein Jagdflug werden, sicher sein könne man sich da aber nicht. "Das ist wie Jagen mit dem Gewehr, da kommst du auch nicht immer zum Schuss", sagt der 49-Jährige, der vor zwölf Jahren Jäger wurde, aber erst vor sechs Jahren die Falknerei für sich entdeckte.

Naturnahe Aufzucht

Eine aussterbende Zunft, wie er meint. Zunächst einmal brauche der angehende Falkner einen Jagdschein. "Der kostet, je nachdem, wie sich der angehende Jäger anstellt, 1500 bis 3000 Euro, die Erweiterung ist dann der Falknerschein für noch mal 1000 Euro. Dann muss man noch Gehege mit vorgeschriebenen Platzverhältnissen bauen und sich die Tiere anschaffen, um sie zunächst einmal zu trainieren. Und dass ist eine zeitaufwendige Geschichte, wie Brannaschk beschreibt. Inzwischen züchtet der Henzendorfer selbst und versucht, die Greifvögel so naturnah wie möglich aufzuziehen. "Sie sind in Gefangenschaft geboren, wären in der freien Natur aber selbstständig lebensfähig."

Davon, die Jungen den Altvögeln wegzunehmen und sie per Hand aufzuziehen, hält Brannaschk nichts. "Die Tiere betteln den Menschen dann ständig um Futter an und das ziemlich lautstark. Sie paaren sich nicht mehr, verlieren ihren Fluchtinstinkt und den Respekt vor dem Menschen."