Protestaktion

Viel Lärm um den Flughafen-Chef

Mit Lautsprechern beschallen Gegner des Flughafens das Haus von Rainer Schwarz und demonstrieren am Airport in Schönefeld

- Der ältere Herr, der am Sonntagvormittag mit seinem Dackel an der Virchowstraße in Potsdam-Babelsberg spazieren geht, ist empört. "Was soll denn das Kasperle-Theater", herrscht er den kleinen Trupp Demonstranten an, die sich auf dem Gehweg gegenüber dem Wohnhaus von Flughafenchef Rainer Schwarz versammelt haben. "Lassen Sie den Mann doch in Ruhe und uns Nachbarn gleich auch!"

Mit "Kasperle-Theater" ist die Aktion der Kritiker des Hauptstadtflughafens gemeint, die an diesem Vormittag das Mehrfamilienhaus direkt am Ufer des Griebnitzsees von einem Floß aus mit simuliertem Fluglärm beschallen. Die Polizei hatte die Aktion mit strengen Auflagen genehmigt. So müssen die Demonstranten mit ihrem Floß einen Mindestabstand von zehn Metern zum Ufer einhalten. Lediglich acht Menschen dürfen sich mit Plakaten und anderen protesttauglichen Materialien auf der dem Haus gegenüberliegenden Gehwegseite versammeln. Weitere Demonstranten dürfen sich erst in 150 Meter Entfernung aufstellen. Und der Fluglärm, den einige der Flughafen-Gegner vom Boot aus über Lautsprecher erschallen lassen, darf nicht lauter sein als 80 Dezibel.

Lärm wird protokolliert

Gewissenhaft steht denn auch eine Polizeibeamtin mit Lärmmessgerät während der halbstündigen Protestaktion am Ufer und kontrolliert die Lautstärke. Am Uferweg des Griebnitzsees haben sich inzwischen viele Schaulustige und Spaziergänger eingefunden, die das Geschehen gespannt verfolgen. Anwohner geben vom Gartenzaun aus Interviews. "Wir haben Verständnis für die Aktion", sagt etwa ein Nachbar, der zwei Häuser von der Schwarzschen Villa entfernt, ebenfalls direkt am Seeufer wohnt. Es sei doch ganz interessant, zu hören, wie laut es für viele Anwohner des Flughafens werde. "Wir sind froh, dass es bei uns nur eine einmalige Aktion bleibt und wir nicht täglich solchem Lärm ausgesetzt sind", ruft seine Frau, als der Veranstalter des Protestes, Roland Skalla aus Stahnsdorf, die erste Lärmsalve vom Band abspielt. Zwar nicht ohrenbetäubend, aber doch ziemlich lästig schallt das Geräusch startender Düsenjets über den See. Gespannt schauen nun alle hinüber zu dem Neubau, in dem der Flughafenchef die beiden oberen Etagen bewohnen soll. Doch nichts rührt sich dort. "Ob Schwarz überhaupt zu Hause ist, wissen wir natürlich nicht", sagt Ulrich Ortel, der die Proteste von Land aus koordiniert. Und den Sinn des Ganzen auch denen geduldig erklärt, die der Auffassung sind, man solle den Flughafenchef zumindest in seinem Privathaus in Ruhe lassen.

Der Lärmprotest richte sich "gegen einen der maßgeblich Verantwortlichen bei diesem Katastrophenflughafen", begründet der 62-jährige Stahnsdorfer die Aktion. Und Schwarz sei schließlich auch nicht der erste, dem die Flughafengegner auch privat zu Leibe rückten. Auch die Aufsichtsräte der Flughafengesellschaft FBB hätten eine ganz ähnliche akustische Kostprobe bekommen. Im vergangenen Juli etwa wurde der Wohnort von Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) in Babelsberg beschallt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) blieb dagegen weitgehend verschont, weil er sich anders als Schwarz juristisch gegen die Aktion gewehrt hatte. Der Protestzug mit mehr als 4000 Bürgern, der im Februar vom Bürgerverein Brandenburg-Berlin organisiert wurde, musste rund 200 Meter vom Wohnhaus Wowereits entfernt am U-Bahnhof Konstanzer Straße in Wilmersdorf stoppen, weil das Verwaltungsgericht Berlin die Kundgebung direkt vor dem Haus untersagt hatte.

Neben den Düsenjet-Geräuschen schallen nun auch die Protestnoten von Roland Skalla ans Ufer. Er plädiert dafür, der Flughafengesellschaft FBB noch ein U anzuhängen: "Für unfähig, undemokratisch, unehrlich und unmenschlich". An der halbstündigen Aktion am Griebnitzsee beteiligten sich nach Polizeiangaben etwa 50 Menschen, die Veranstalter sprachen dagegen von rund 100. Während das Floß langsam abdreht, packen viele Aktivisten schnell ihre Plakate ein. Sie wollen gleich zur nächsten Protestaktion. Mit einem "Info-Tag gegen den Fluglärm" wird am Nachmittag vor dem neuen Terminal in Schönefeld gegen die erwartete Lärmbelästigung des Großflughafens protestiert. Am Griebnitzsee ist mittlerweile wieder Ruhe eingekehrt. Die Polizistin mit dem Messgerät zieht ein vorläufiges Fazit. "Die Demonstranten haben sich an die Auflagen gehalten", sagt die Beamtin. "Es war nie lauter als 72 Dezibel."

BER-Finanzierung weiter unklar

Flughafenchef Rainer Schwarz sieht sich indes nicht nur der Kritik der Flughafengegner ausgesetzt, sondern gerät vor allem durch die offenen Finanzierungsfragen immer weiter unter Druck. Grund dafür ist die wachsende Unsicherheit darüber, ob der anvisierte Eröffnungstermin im Frühjahr nächsten Jahres eingehalten werden kann. "Alle Beteiligten wissen längst, dass der voreilig angekündigte März-Termin für die Eröffnung des Flughafens nicht mehr zu halten ist", sagte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestags, Anton Hofreiter (Grüne), dem Magazin "Der Spiegel".