SEK

Die unheimliche Truppe

Auf einem Armee-Gelände bereiten sich Brandenburgs Elitepolizisten auf ihre Einsätze vor

- 25 Kilo, wenn nicht mehr, ist die Ausrüstung schwer. Der Schweiß läuft den Männern in Strömen hinab unter ihren schwarzen Einsatzanzügen, den kugelsicheren Westen und den Titanhelmen. Schwül ist es an diesem Tag, 28 Grad heiß. Der Auftrag muss dennoch erfüllt werden. Ein Amokschütze hat sich in einer Schule verschanzt, es soll mehrere Verletzte geben. Vor allem schnell muss es jetzt gehen. Das ist keine Geiselnahme im klassischen Sinne mit Zeit für Verhandlungen und gegenseitigen Zugeständnissen, jede Sekunde kann ein weiterer Mensch zum Opfer werden. In kleinen Gruppen rennen die Elite-Polizisten die Treppen hoch, sichern Stockwerk für Stockwerk, bringen einen Hausmeister, einen Lehrer und Kinder in Sicherheit. Dann plötzlich wird der Täter in einem Raum entdeckt. Er feuert auf die eindringenden Beamten, die sind jedoch schneller und treffen ihn in Arm und Schulter. Der Mann wird überwältigt, medizinisch versorgt und anschließend abtransportiert.

Ständig wechselnde Szenarien

Was an diesem Morgen an einem geheimen Ort in Brandenburg geschah, war eine Übung. Täter, Hausmeister und Schüler - alles Polizisten. Farbpatronen ersetzten echte Kugeln. "Aber der Stress ist echt, auch für die erfahrenen Beamten", berichtet Kommandoführer Steffen Z. (47). "Solche Übungen machen wir regelmäßig, mit ständig wechselnden Szenarien." Danach kommt die Manöverkritik, Brandenburgs SEK-Chef hat kleine Fehler beobachtet, die künftig vermieden werden sollen.

Das SEK mit Sitz in Potsdam ging im Jahr 1990 aus der Diensteinheit IX der Volkspolizei hervor, die 1974 als Reaktion auf die Ereignisse bei den Olympischen Spielen zwei Jahre zuvor gegründet worden war. Durchschnittlich 80 bis 100 Einsätze müssen die Männer pro Jahr bewältigen, es gab in der Vergangenheit auch Langzeiteinsätze mit Ermittlungszeiten von bis zu eineinhalb Jahren. Die Männer werden gerufen, wenn normale polizeiliche Mittel nicht mehr ausreichen - Geiselnahmen, Banküberfälle, Amokläufe, zur Terrorbekämpfung und zur Festnahme von Erpressern und Entführern. Sie verhindern, dass Lebensmüde aus dem Fenster springen oder Täter die eigene Familie umbringen wollen und übernehmen den Schutz stark gefährdeter Personen.

Die Öffentlichkeit erfährt zwar von den meisten Einsätzen des SEK nichts, aber auch diese Beamten stehen bisweilen im Rampenlicht. Am 18. April dieses Jahres hatte ein 26 Jahre alter Berliner in Hennigsdorf nördlich von Berlin gedroht, ein Firmengelände in die Luft zu sprengen. Die Polizei richtete einen Sperrkreis von 500 Metern ein, stundenlang herrschte wegen der Umleitungen Verkehrschaos auf den umliegenden Straßen. Das SEK wurde angefordert.

Als die Beamten später in das Büro an der Ruppiner Chaussee eindrangen, fanden sie den Mann tot am Boden - er hatte sich erhängt. Am 28. Januar dieses Jahres konnten Elite-Polizisten einen 54-Jährigen in Sachsen-Anhalt auf einem Rastplatz festnehmen, der zuvor einen Waffel-Fabrikanten aus Potsdam-Mittelmark erpressen wollte. 800.000 Euro sollte dieser bezahlen, sonst werde seine zwölf Jahre alte Tochter ermordet. Zusammen mit LKA-Ermittlern stellten die Männer von Steffen Z. am 10. Februar 2011 einen Kindesentführer in Kleinmachnow. Der maskierte Mann hatte die Mutter der vierjährigen Karoline mit einer Sichel bedroht und ihr das Kind entrissen. Er forderte 60.000 Euro für die Freilassung. 13 Stunden vergingen mit Hoffen und Bangen, bis der Mann das Geld bekam und das Kind freiließ. Zu diesem Zeitpunkt wurde er bereits von einem Mobilen Einsatzkommando beschattet und dann vom SEK überwältigt, als die Kleine zu Hause klingelte. Verletzt wurde niemand.

Doch die Truppe musste auch schon Niederlagen einstecken - am 20. April 2007 lief ein Sportschütze in Waßmannsdorf Amok und feuerte wild um sich. Anrückende SEK-Beamte gerieten in einen wahren Feuerhagel, einem Beamten wurde in die Schulter, einem anderen in den Kopf geschossen. Wie durch ein Wunder überlebte er, ist heute auf einem Auge aber nur eingeschränkt sehfähig.

Teamfähigkeit ist ein Muss

Der Weg zur Schwinge mit dem Brandenburger Adler - dem Abzeichen des SEK - ist lang und hart. Insgesamt beläuft sich die Ausbildung laut Steffen Z. auf etwa ein Jahr plus sechs Monaten Bewährungszeit im Team. Immer wieder sind Prüfungen und Tests zu absolvieren, deren Nichtbestehen zum Abbruch der Ausbildung führen. "Die Schwerpunkte liegen hier auf den Gebieten Einsatztaktik, Schießen, psychische Leistungsfähigkeit und Zweikampf", so der Kommandoführer weiter. Doch schon lange davor wird ausgelotet, wer überhaupt für diesen Dienst infrage kommt. Grundvoraussetzungen sind eine abgeschlossene Polizeiausbildung mit Praxiserfahrung im Alltag sowie eine gesundheitliche und psychologische Eignung. Geistige Beweglichkeit, soziale Kompetenz sowie Teamfähigkeit sind ein Muss. "Wir suchen nach zähen und auch leidensfähigen Männern, die in psychischen Ausnahmesituationen nicht die Nerven verlieren", sagt Steffen Z.

Das Angebot für die Bewerber ist groß. Jeder SEK-Mann kann sich nach bestandenem Basislehrgang zusätzlich qualifizieren, beispielsweise als speziell ausgebildeter Rettungssanitäter oder Präzisionsschütze, zum maritimen Spezialisten sowie zum Höhenretter. Wegen des Geldes, das weiß Steffen Z., ist noch nie einer gekommen. Es gibt neben dem normalen Polizeigehalt eine sogenannte Erschwerniszulage von 157 Euro, die allerdings bereits von den zusätzlichen Versicherungen verschlungen werden.

Szenenwechsel. Ein militärisches Übungsgebiet, irgendwo in Brandenburg. Alte Panzer neben Häuserruinen und Hubschraubern. Plötzlich knallt ein Schuss, und eine 150 Meter entfernt aufgestellte Zielscheibe ist genau im innersten Kranz - Durchmesser zwei Zentimeter - getroffen. Aus dem kniehohen Gras erheben sich zwei Männer. Unbemerkt hatten sie sich herangepirscht, getarnt durch spezielle Kleidung und bemalte Waffen. Die Präzisionsschützen kommen regelmäßig auf das Areal, um zu trainieren. "In der Stadt sehen wir natürlich anders aus", erzählt der Teamführer. Aber wenn etwa die Übergabe bei einer Entführung im Wald stattfinden soll, müssen wir uns anpassen." Zwei Stunden lang verschießen die Männer Patrone um Patrone, kalkulieren Wind und Regen in die Flugbahn ihrer Projektile ein. "Wir müssen im absoluten Notfall einen Täter auch final bekämpfen, um Geiseln zu retten. Wir trainieren hier so viel, damit der eine Schuss dann auch sitzt. Jeder von uns hofft aber, den niemals abgeben zu müssen."