Hochschulfusion

Potsdam soll die Juristen verlieren

Experten unterstützen Fusionspläne für die Hochschulen, bemängeln aber die Finanzierung. Unis sind weiter dagegen

- Die Debatte um die Zukunft der Universitäten und Hochschulen Brandenburgs verschärft sich. Die Pläne von Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos), eine Energie-Universität Lausitz zu schaffen, sorgen seit Monaten für heftige Proteste. Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus (BTU) und die Fachhochschule Senftenberg würden dabei verschmelzen. Auch die von der Hochschulstrukturkommission vorgeschlagene Konzentration der Juristenausbildung an der Viadrina in Frankfurt/Oder ist umstritten. Denn damit wird das klassische Jura-Studium in Potsdam in Frage gestellt. Es soll zugunsten einer neuen Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften aufgegeben werden.

Am Mittwoch debattierte der Wissenschaftsausschuss des Landtages den vor zwei Monaten vorgelegten Bericht der Hochschulstrukturkommission. Erstmals nach 20 Jahren hatte das 13-köpfige, unabhängige Expertengremium unter Friedrich Buttler im Auftrag der rot-roten Landesregierung die Strukturen an den drei Universitäten Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Oder sowie der fünf Fachhochschulen im Land untersucht. Was dabei heraus kommt, ist keineswegs nur positiv für die junge Hochschullandschaft in Brandenburg.

Es wird zu wenig Geld investiert

So bescheinigt die Kommission dem Land, dass es im bundesweiten Vergleich zu wenig Geld in seine Hochschulen investiert. "Auch wenn die Finanzlage nicht gut ist, sollte Brandenburg seine Entwicklungsmöglichkeiten nicht derart beschneiden", warnte der Kommissionsvorsitzende und ehemalige Brandenburger Wissenschafts-Staatssekretär Buttler am Mittwoch vor den Abgeordneten im Landtag. "Das Land muss mehr für die Qualifizierung der Lehrer und den Erfolg der Studierenden tun." Brandenburg sollte bemüht sein, die besten Köpfe im Land zu halten." Die Hochschulen wiederum müssten sich enger verzahnen und besser kooperieren. Es gebe zu viele Doppelangebote. Die Studienplatzkapazitäten sind nach Auffassung der Kommission nicht zu beanstanden. "Bis 2025 reichen 50.000 Studienplätze selbst bei steigendem Bildungsinteresse aus", sagte Buttler. Seine Haupt-Empfehlung: Eine stärkere Konzentration des Studienangebots und mehr innovative Studiengänge. An den Hochschulen seien zudem mehr Tutoren und Mentoren nötig. Die Kommission plädiert explizit dafür, die Fachhochschulen beizubehalten. Damit widerspricht sie den Lausitz-Plänen von Wissenschaftsministerin Kunst. "In Brandenburg beträgt der Anteil der Fachhochschulen 30 Prozent, das liegt unterhalb des Bundesdurchschnitts", so Buttler. Er verteidigte zudem den Vorschlag, die klassische Jura-Ausbildung mit dem ersten Staatsexamen an die Viadrina zu verlegen. Die Absolventenzahlen seien zu niedrig, um zwei Fakultäten aufrecht zu erhalten. Im Bund kämen auf einen Professor durchschnittlich 9,4 Absolventen, in Potsdam nur 8,4 Absolventen, in Frankfurt sogar lediglich 3,1.

Derzeit gibt es an der Universität Potsdam 1986 Jurastudenten. Viele sind aus Berlin, sie schätzen den kurzen Weg ins benachbarte Potsdam. Die Universität geht davon aus, dass etwa die Hälfte aller ihrer Studenten in der Hauptstadt wohnt. In Frankfurt (Oder) sind derzeit knapp 1800 Jura-Studenten eingeschrieben.

Die reine Informatik-Ausbildung soll in Potsdam nach dem Vorschlag der Kommission ebenfalls aufgegeben werden. An der größten Universität des Landes studieren derzeit rund 900 angehende Informatiker. Nach der parlamentarischen Sommerpause wird die Diskussion wieder aufgenommen werden.

Nach einer Rechnung der Kommission müsste das Land 23,5 Millionen Euro mehr als die bisher 262 Millionen Euro im Jahr in seine Hochschulen investieren. Laut dem Präsidenten der Universität Potsdam, Oliver Günther, hat die Uni wie andere Hochschulen im Land ein massives Strukturproblem. Das Problem liege in der chronischen Unterfinanzierung durch das Land, sagte Günther. Er ist an der Spitze der Universität Potsdam der Nachfolger der heutigen Wissenschaftsministerin Sabine Kunst. Die Berliner Universitäten hätten über 8.000 Euro zur Verfügung, anderswo in Deutschland seien es sogar mehr als 10.000 Euro. "Da stehen wir ganz schlecht da", sagte Günther. Die Finanzausstattung durch das Land sei nicht mit den Studentenzahlen gewachsen. "Was mich noch mehr bedrückt, ist der geringe Anteil, den Brandenburg aus seinem Gesamtetat für die Hochschulen bereitstellt", sagte der Präsident. Das Land gebe nur 2,5 Prozent seines Etats von rund zehn Milliarden Euro für die Hochschulen aus. "Auch das ist bundesweiter Minusrekord", so Günther. Rot-Rot lasse im Entwurf für den Doppelhaushalt 2013/2014 nur einen kleinen Aufwuchs im einstelligen Millionenbereich erkennen.

Günther kann durchaus hoffen, dass seine Universität die Juristenausbildung beibehalten kann. Quer durch alle Parteien wird dies inzwischen gefordert. Auch die Bildungsexperten der Regierungskoalition von SPD und Linken haben am Mittwoch dafür plädiert. Bei allen Plänen ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Nicht nur bei der Opposition gibt es jede Menge Kritik zur Ausgestaltung der künftigen Lausitz-Universität. Der Wissenschaftsexperte der CDU, Michael Schierack warf Ministerin Kunst zudem vor, "auf Monolog statt Dialog" zu setzen. Das Ministerium hingegen verweist darauf, ständig mit allen Akteuren im Gespräch zu sein.

Platzeck nächste Woche erwartet

Nach Angaben von Wissenschaftsstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) will das Kabinett im Dezember über die Hochschulplanung entscheiden. An der Uni Potsdam ist es derzeit ruhig. Franziska Wilke, Jura-Studentin im sechsten Semester, sagte der Berliner Morgenpost: "Derzeit planen wir keine weitere Protestaktion." In Cottbus hingegen haben am Mittwoch rund 80 Studenten und Mitarbeiter der Universität erneut gegen die "Zwangs-Fusion" protestiert. Bei der achten Demonstration seit Juni fertigten sie Transparente für künftige Proteste. So wie am nächsten Dienstag. Dann kommt Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) zu einem Arbeitsbesuch nach Cottbus.