Ein-Euro-Job

Arbeitslose gegen Ambrosia

Ein-Euro-Jobber laufen Streife auf der Suche nach der Allergie-Pflanze

- Jeden Morgen gehen Dutzende Berliner Arbeitslose auf Jagd. Ihr Revier sind die Straßen, Plätze und Parks der Hauptstadt. Ihre Beute: Ambrosia-Pflanzen. Deren Blütenstaub löst bei Allergikern starken Heuschnupfen, Kopfschmerzen oder Asthma aus. Als Ambrosia-Scouts sollen die Ein-Euro-Jobber helfen, noch vor der Blüte Anfang August das Problem in den Griff zu bekommen. Denn die Pflanze kann wirklich gefährlich sein: Eine Berührung führt bei empfindlichen Menschen zu Hautausschlägen, Nesselsucht oder roten, juckenden Quaddeln.

Deshalb stellen die Jobcenter Langzeitarbeitslose zur Verfügung, die meist von freien Trägern eingesetzt werden. "Sie sind ein gutes Heilmittel im Kampf gegen die einjährigen Pflanzen", sagt Thomas Dümmel, der Initiator des "Berliner Aktionsprogramms gegen Ambrosia".

Zwölf Männer und eine Frau sitzen an diesem Morgen an einer Werkbank im Ökologischen Bildungszentrum Lasker Höfe in Friedrichshain. André Hartung, verantwortlich für die Scouts, legt mit ihnen die Routen fest. Auch heute wird wieder jeder von ihnen sechs Stunden lang auf den Straßen von Friedrichshain und Kreuzberg unterwegs sein. Fundmeldungen von aufmerksamen Berlinern hat Hartung heute nicht bekommen. Also heißt es: selbst auf die Suche gehen.

Karl-Heinz Rudolph und Klaus-Dieter Gewinner starten den Tag im Volkspark Friedrichshain. Gleich am Eingang findet Gewinner in einem Rosenbeet ein verdächtiges Objekt, doch es entpuppt sich als Beifuß. "Wir nennen es Schummelambrosia, weil es der echten Ambrosia sehr ähnlich sieht", sagt der 57-Jährige. In seiner kräftigen Hand hält der frühere Fernfahrer das zarte Pflänzchen. Gewinner hat einen geübten Blick. Vor seinem Einsatz als Scout gab es eine Schulung inklusive Anschauungsunterricht im Botanischen Garten, wo Ambrosia wächst. Immer wieder gebe es Fundmeldungen von Berlinern, oft sei es letztlich Beifuß, sagt Hartung. Doch in anderen Fällen erweisen sich die Meldungen als richtig.

Fündig wurden seine Scouts bereits unter Balkonen. Dass das Kraut gerade dort wachse, sei kein Zufall: "Ambrosiasamen sind oft im Vogelfutter enthalten und werden so verbreitet", sagt Hartung. Im Volkspark machen die Scouts an diesem Vormittag keine Beute. Die Arbeit sei trotzdem deutlich interessanter, als untätig zu Hause herumzusitzen, da sind sich die Männer einig.

Die Jobcenter setzen die Arbeitslosen in der sogenannten Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung ein, im Volksmund Ein-Euro-Jobs genannt. Deren Zahl hat in Berlin nach einem starken Abbau wieder zugenommen. Im Juni waren mehr als 17.000 Berliner mit diesem Instrument beschäftigt, 1000 mehr als im Vormonat, aber fast 2000 weniger als vor einem Jahr.

In sechs Berliner Bezirken sind in diesem Sommer Scouts unterwegs. Auch in Brandenburg wurden Ein-Euro-Jobber losgeschickt, um die gefährlichen Pflanze aufzuspüren. Das gelang in den vergangenen Jahren vor allem in den Landkreisen Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße, wo die größten Vorkommen im Land festgestellt wurden. Die meisten Pflanzen wurden aber von Privatleuten gefunden und gemeldet. Inzwischen gibt es sogar eine App für Smartphones, die bei der Jagd auf die Ambrosia Hilfestellung leistet.

Der Berliner Thomas Dümmel setzt große Hoffnungen in die Helfer von den Jobcentern: "Wenn wir so weitermachen, können wir die einjährige Ambrosia in zwei bis drei Jahren bekämpfen", sagt der Wissenschaftler. Dank einer neuen EU-Richtlinie dürfen importierte Samenlieferungen, etwa für Vogelfutter, keine Ambrosiasamen mehr enthalten.

Ambrosia auf dem Vormarsch

Seit etwa 2006 hat sich die Ambrosia in Berlin stark ausgebreitet. Die Pflanze Ambrosia artemisiifolia stammt aus Nordamerika und wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa eingeschleppt. In diesem Jahr registrierte Dümmel bisher 284 Funde mit rund 190.000 Pflanzen. 2011 waren es am Ende des Jahres 1048 Funde mit rund 635.000 Pflanzen und 2010 entdeckten Scouts und ehrenamtliche Helfer 1,5 Millionen Pflanzen an 1285 Stellen. "2010 waren auch die meisten Scouts unterwegs", erklärt Dümmel.

Dauerhaft lasse sich das mehrjährige Kraut indes nur mit Hilfe einer Verordnung ausrotten. Er fordert von der Verwaltung daher eine Richtlinie, die Baufirmen vorschreibt, dass nur saubere Erde auf neue Flächen aufgebracht werden darf. Denn gerade durch Erdarbeiten auf Baustellen würden die Wurzeln der Pflanzen verteilt - deshalb sind sie besonders im Osten der Stadt verbreitet, wo in den vergangenen Jahren besonders viel gebaut wurde. Aus der Gesundheitsverwaltung heißt es dazu: "Der Senat plant keine Änderung der entsprechenden baurechtlichen Vorschriften. Dafür gibt es keine rechtliche Grundlage."