Hobrechtsfelde

Im Galopp über die Rieselfelder

Von der Brache zum Erholungsgebiet: Im Norden Berlins grasen jetzt Pferde und Rinder

- Die Hauptprotagonisten sind zum Ortstermin gar nicht erst erschienen. Den 30 Pferden und 170 Rindern war es in der Mittagshitze schlicht zu heiß. Und so haben sie sich lieber in den schattigen Wald verzogen, statt sich den Besuchern der "Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde" zu zeigen. Unter diesem Namen wird in Panketal (Barnim) am nordöstlichen Stadtrand von Berlin ein ehrgeiziges Entwicklungsprojekt verwirklicht - die Umwandlung einer unwirtlichen Landschaft in einen Erholungsraum für Großstädter. Den 200 Rindern und Pferden kommt dabei eine ganz wichtige Rolle zu: Sie sollen auf natürliche Art und Weise dafür sorgen, dass das 850 Hektar große Areal nicht über kurz oder lang völlig zuwuchert. "Mit dieser Art der Beweidung entsteht auf den ehemaligen Rieselfeldern und in den angrenzenden Waldflächen eine halboffene Weidelandschaft - ein in Deutschland besonders selten gewordener Landschaftstyp", sagte Umweltstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) über das Projekt. Die Tiere lockern den teils "verfilzten" Boden auf. Eingeschleppte Pflanzenarten, sogenannte Neophyten, würden zurückgedrängt, sagte Projektmanager Andreas Schulze. Bereits 2011 wurden in Hobrechtsfelde die ersten englischen Parkrinder und schottische Hochlandrinder angesiedelt. Auch Konik-Ponys, deren Urahnen Wildpferde waren, leben dort. Allesamt robuste Rassen, die das ganze Jahr ohne Stall und fast ohne Zufütterung auskommen. Mit Elektrozäunen werden mehrere Mini-Herden zwar zusammengehalten, doch innerhalb der bis zu 150 Hektar großen Areale können sich die Tiere frei bewegen. Besucher können die Gebiete durch Klapptore betreten, um dann den Anblick der Wildtiere wie auch der Landschaft zu genießen.

Ideen preußischer Stadtplaner

Das wissenschaftlich begleitete Versuchsprojekt ist im Mai vorigen Jahres gestartet worden. Es wird bis 2015 von verschiedenen Geldgebern mit rund 3,2 Millionen Euro gefördert. Das Land Berlin beteiligt sich mit 700.000 Euro daran. Die "Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde" liegt zwar fast komplett im Land Brandenburg, doch über seine Stadtgüter ist Berlin Eigentümer eines Großteils der Flächen.

Diese besondere Konstellation ergibt sich aus der Weitsicht früherer Stadtväter. Die hatten, als Ende des 19. Jahrhunderts die Berliner Bevölkerung in der Boomzeit der industriellen Revolution geradezu explodierte, große Flächen im Umland aufgekauft. Zunächst vor allem, um die Versorgung der Stadtbewohner mit landwirtschaftlichen Produkten sicherzustellen. Doch dann halfen die Flächen auch bei der Lösung eines anderen, übelriechenden und zudem gesundheitsgefährdenden Problems - der Entsorgung der Abwässer. Die Idee dafür hatte der preußische Stadtplaner James Hobrecht, der ab 1869 ein unterirdisches Kanalsystem bauen ließ, über die das Schmutzwasser vor die Tore der Stadt gepumpt und dort auf 20 großen Freiland-Flächen "verrieselt" wurde. Unter Nutzung der natürlichen Filtereigenschaften der Böden wurden die Abwässer gereinigt, einige Rückstände wurden gar noch als Dünger für den Gemüseanbau genutzt. Der größte Rieselfelderkomplex entstand ab 1898 in Buch und im benachbarten, 1908 nach James Hobrecht benannten Stadtgut Hobrechtsfelde. Bis zu 37 Millionen Kubikmeter Abwasser pro Jahr wurden dort auf die Felder geleitet. 1987 war mit dieser umweltbelastenden Entsorgung auch im Ostteil Berlins Schluss. Klärwerke übernahmen danach fast vollständig die Abwasserbehandlung.

Weil wegen der hohen Schadstoffbelastung eine Rückkehr zur normalen Landwirtschaft nicht möglich war, beschlossen die DDR-Oberen schon 1987 - anlässlich der 750-Jahr-Feier von Berlin - das Areal in ein Erholungsgebiet zu verwandeln. "Damals wurde viel gepflanzt, aber fast alles davon ging wegen Wassermangels wieder ein", sagte Bernd Hoffmann vom Förderverein Naturpark Barnim, der Träger des neuen Entwicklungsvorhabens ist.

Seit dem Projektstart vor einem Jahr ist einiges geschafft. Das Gebiet wird mit kilometerlangen Wander- und Reitwegen erschlossen. Es gibt einen Kunstpfad "Steine ohne Grenzen" und eine Aussichtsplattform. Der denkmalgeschützte Getreidespeicher in Hobrechtsfelde wird zum Besucherzentrum ausgebaut. Am 1. September findet dort das diesjährige Naturparkfest statt. Für Fördervereinschef Hoffmann "ein guter Anlass, diese noch relativ unbekannte Landschaft einmal kennenzulernen."

Weitere Informationen im Internet www.naturimbarnim.de/projekte