Sicherheit

Wehe, wenn die Oder kommt

15 Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser fehlt in Frankfurt immer noch ein Deich

- Die Gummistiefel sind bei Familie Ullrich stets griffbereit. Im Keller stehen Heizung und Waschmaschine auf zusätzlichen Sockeln. Statt mit Öl wird seit geraumer Zeit mit Gas geheizt. Ullrichs sind hochwassererfahren. Sie haben das Oderhochwasser 1997, die größte bekannte Flut mit 114 Toten in Tschechien und Polen und einem Gesamtschaden von 330 Millionen Euro in Deutschland, erlebt.

Jederzeit könnte ein neues Hochwasser ihren Garten fluten. Denn Ullrichs wohnen im Frankfurter Buschmühlenweg am südlichen Stadtrand, wo kein Deich sie schützt.

Vor 15 Jahren wurden sie und die anderen etwa 500 Anwohner ab 18. Juli vom Hochwasser "regelrecht überrollt". Erst kroch die Oder unter dem Gartenzaun durch, verwandelte das gepflegte grüne Kleinod in eine Wasserlandschaft, um dann über den Hof in den Keller zu schwappen. "Frösche, Fische, Dreck - wir hatten alles im Haus", beschreibt Renate Ullrich. Der Keller war bei einem Pegelstand von 6,57 Metern am 27. Juli komplett geflutet, drei Treppenstufen hoch stand das Wasser auch im Erdgeschoss. "Wären die Deichbrüche in der Ziltendorfer Niederung nicht gewesen, hätte es uns schlimmer getroffen. Dann wäre das ganze Haus abgesoffen", sind Ullrichs sicher.

Bis zum Dach in den Fluten

In der Tat drängten sich die Wassermassen am 23. und 24. Juli durch die beiden Lücken in den Hochwasserschutzanlagen bei Brieskow-Finkenheerd und Aurith in die Niederung, aus der binnen kürzester Zeit ein 5500 Hektar großer See wurde. 252 Gehöfte standen bis zum Dach in den Fluten, die sämtliches Inventar unbrauchbar machten, Ernten ruinierten und Existenzen zu vernichten drohten.

Die Situation war so bedrohlich, dass sich zwischen dem 18. Juli und dem 10. Oktober mehr als 30.000 Soldaten an der Bekämpfung des Hochwassers und seiner Auswirkungen beteiligten. Es war der bis dahin größte Katastropheneinsatz der Bundeswehr. Mehr als acht Millionen Säcke wurden mit 177.000 Tonnen Sand und Kies von THW, Bundesgrenzschutz, Feuerwehren, zivilen Hilfsorganisationen und der Bevölkerung gefüllt. Die Bundeswehr war mit mehr als 3000 Fahrzeugen und Spezialmaschinen im Einsatz. 50 Bundeswehrhubschrauber beförderten in über 2700 Flugstunden rund 2000 Personen sowie etwa 3500 Tonnen Material. Die knapp 3000 Bewohner in dem dünn besiedelten Landstrich mussten evakuiert werden.

Auch Familie Jädicke. Nach ihrer Rückkehr hatte sie noch versucht, ihr ölverseuchtes Siedlungshäuschen mit Spezialgerät zu waschen, doch der Ölgestank war nicht wegzubekommen. Als Nachbarn bereits beim Renovieren waren, mussten Jädickes doch noch abreißen. Anstelle des Geburtshauses von Siegfried Jädicke steht dort am Rande der Thälmann-Siedlung mitten in der Ziltendorfer Niederung ein schmucker, mehrstöckiger Neubau. Ende 1998 war Einzug, heimisch geworden ist der heute 58 Jahre alte Hausherr jedoch nicht. "Das alte Zuhause war besser, nicht so hellhörig, einfach vertraut", sagt er.

"Nachzutrauern brauchen wir aber auch nicht, Zeit heilt alle Wunden", entgegnet Sohn Andreas. Schließlich habe die Familie durch die großzügigen Spenden aus ganz Deutschland - rund 50 Millionen Euro kamen zusammen - ihr Heim wieder aufbauen können, so wie alle Hochwasseropfer von 1997. Bis zu 90 Prozent wurden die Schäden reguliert. Mutter Monika Jädicke schaut währenddessen misstrauisch in die Regenwolken. "Sobald Wasser kommt, kriege ich immer noch Panik", sagt sie. Dass die Deiche inzwischen saniert und modernisiert seien, gebe zwar ein beruhigendes Gefühl. "Doch 100-prozentige Sicherheit garantiert einem niemand." So wie Jädicke denken viele in der früheren Oderflutregion.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der sich als damaliger Umweltminister und Krisenmanager den Beinamen "Deichgraf" verdiente, glaubt, dass die Region gestärkt aus der Krise hervorgegangen sei. "Wir haben damals gespürt, dass die viel zitierte innere Einheit einen großen Schritt nach vorne gemacht hat. Nicht nur Soldaten aus ganz Deutschland haben damals im Kampf gegen die Fluten tatkräftig mitgeholfen. Auch zahlreiche Bürger aus Essen, Hamburg und vielen anderen Orten West-Deutschlands haben eigens ihren Urlaub abgebrochen, um ehrenamtlich mit anzupacken." Den Menschen im Oderbruch sagte der Ministerpräsident zudem rasche Hilfe beim nun schon seit zwei Jahren andauernden Binnenhochwasser zu.

Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamts, versichert, dass die nötigen Konsequenzen aus der Katastrophe gezogen worden seien. Alle Deiche seien nach neuesten Standards gebaut worden. Zu solch schlimmen Zuständen wie im Jahre 1997 werde es nicht mehr kommen, sagt Freude.

Das hofft auch Ute Petzel aus Ratzdorf. Die Gemeinde am Zusammenfluss von Oder und Neiße war 1997 die erste, die von den aus Polen und Tschechien kommenden Wassermassen erfasst wurde. Der 355 Einwohner zählende Ort drohte in den Fluten unterzugehen, weil auf rund einem Kilometer eine Lücke im Deich klaffte. "Normalerweise hätte man Vorkehrungen treffen müssen, um diese Lücke zumindest provisorisch zu schließen", sagt Petzel, damals Bürgermeisterin von Ratzdorf, noch heute mit vorwurfsvollem Unterton. Doch die Katastrophenschützer des Kreises Oder-Spree hätten den Ernst der Lage verschlafen, lediglich abgewiegelt und nichts unternommen.

Sechs-Meter-Marke erreicht

"Die Nacht zum 17. Juli werde ich nie vergessen, als das Wasser stündlich um zehn Zentimeter stieg und schließlich die Sechs-Meter-Marke erreichte", sagt die heute 60-Jährige, die daraufhin das gesamte Dorf zusammentrommelte. "Vom Kind bis zum Greis" hätten die Ratzdorfer Sandsäcke gefüllt und gestapelt. "Wir hatten ja keine große Ahnung, bauten Wälle dort, wo wir sie für sinnvoll hielten", erinnert sich Petzel, noch immer froh darüber, dass diese Selbsthilfe funktionierte.

Lediglich zwölf Gehöfte, die unmittelbar am Ufer standen, konnten nicht mehr gerettet werden. Auch nicht am nächsten Tag, als endlich Helfer von außerhalb anrückten - von Technischem Hilfswerk, dem DRK und der Bundespolizei. Bis Anfang August dauerte die Verteidigung Ratzdorfs, teilweise bei tagelangem Dauerregen - erst dann zog sich der deutsch-polnische Grenzfluss zurück.

Nun aber gibt es den kompletten Deich, der sich beim neuerlichen Oder-Hochwasser vor zwei Jahren bereits bewährt hat. "Es ist schon ein beruhigendes Gefühl", sagt Petzel, "sobald der Pegel aber steigt, trifft sich das halbe Dorf am Deich."

Auf einen solchen Schutz warten die Bewohner des Frankfurter Buschmühlenwegs hingegen immer noch.