Gewalt

Reitlehrer unter Missbrauchsverdacht

Der Betreiber eines Hofes in Reckahn in der Gemeinde Kloster Lehnin soll Minderjährige sexuell missbraucht haben - Anzahl der Opfer unklar

- Frank E. ist im Dorf Reckahn so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Der 56-Jährige, der einen Reit- und Kutschenhof führt, hat vor einigen Jahren die Landesmeisterschaften der Einspänner in den 400-Einwohner-Ort in der Gemeinde Kloster Lehnin (Potsdam-Mittelmark) geholt. Seit Jahren das lokale Ereignis. In gut einer Woche sollte es wieder so weit sein. Doch der Wettbewerb wird in diesem Jahr höchstwahrscheinlich nicht in Reckahn stattfinden. Denn der Organisator, Frank E., sitzt seit vergangenem Dienstag in Untersuchungshaft. Der Vorwurf wiegt schwer: Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen.

Es war der Hinweis eines Vaters, der die Polizei aufmerksam machte. Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll sich der Mann Ende Juni an die Beamten gewandt und Strafanzeige gegen Frank E. gestellt haben. Der Reitlehrer habe, so sein Vorwurf, seine Tochter auf dem Reiterhof in Reckahn sexuell missbraucht. Die Polizei nahm daraufhin die Ermittlungen auf. Am Dienstag vergangener Woche erschienen die Beamten schließlich mit einem Durchsuchungsbeschluss auf dem Reiterhof von Frank E. Die Ermittler sicherten umfangreiches Beweismaterial. Da der Tatverdacht offenbar so schwer war, nahmen die Beamten Frank E. fest. Ein Richter erließ zudem einen Haftbefehl gegen den 56-Jährigen. Gegen strenge Meldeauflagen wurde dieser jedoch ausgesetzt. Auf die Unterbringung in Untersuchungshaft verzichtete die Potsdamer Staatsanwaltschaft, die in diesem Fall die Ermittlungen führt. "Die Untersuchungshaft dient nicht der Bestrafung eines Verdächtigen, sondern der Sicherung des Verfahrens", sagte der Sprecher, Christoph Lange. Da bei Frank E. weder die Gefahr bestanden hatte, dass er flüchtet oder etwa mögliche Zeugen beeinflussen könnte, durfte er wieder nach Hause gehen. Auch Wiederholungsgefahr bestand laut Lange "zu diesem Zeitpunkt nicht".

Nach Freilassung wieder in U-Haft

Doch nur wenige Tage später erhärteten sich die Vorwürfe gegen Frank E. Im Laufe der Ermittlungen habe es laut Staatsanwaltschaft Hinweise auf weitere Straftaten des Verdächtigen gegeben. Ob sich weitere Zeugen oder Opfer über das Wochenende gemeldet hatten, wollte Lange nicht kommentieren. "Die Hinweise haben uns jedenfalls dazu veranlasst, den Haftbefehl wieder in Kraft zu setzen", so Lange. Das soll heißen, dass die Ermittler die Befürchtung hatten, dass es zu weiteren Straftaten kommen könnte. Seit vergangenem Dienstag sitzt Frank E. deshalb nun doch in Untersuchungshaft.

Zu den genauen Tatvorwürfen will sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern. "Wir stehen noch am Anfang der Ermittlungen", sagte Sprecher Lange. In mindestens einem Fall laute der Tatvorwurf jedoch "sexueller Missbrauch". Frank E. soll an Minderjährigen "sexuelle Handlungen vorgenommen" haben, sagte Lange. Dem Vernehmen nach sollen sich die Taten über mehrere Jahre hingezogen und die letzten in der jüngeren Vergangenheit begangen worden sein. Ob sich Frank E. zu den Tatvorwürfen geäußert hat, ist nicht bekannt. Ein Geständnis soll er noch nicht abgelegt haben. Die Untersuchungen würden weiter laufen, sagte Lange. Ermittler sind sich jedoch sicher, dass "noch weitere Fälle ans Licht kommen", so ein Beamter.

Im Ort selbst ist die Bestürzung groß. "Ich habe ihn immer als engagierten Einwohner der Gemeinde kennengelernt", sagte ein Bürger. "Deshalb habe ich gar nicht glauben können, als ich von den Vorwürfen erfahren habe", sagte er weiter. Frank E. soll seit 20 Jahren im Reit- und Fahrsport tätig sein. Er bildete auf seinem Hof in Reckahn sowohl Reiter als auch Kutschfahrer aus, bot Kremserfahrten an und organisierte die besagten populären Meisterschaften der Einspänner. Zudem ist er Vorsitzender des Fahrvereins Kloster Lehnin. Auch die Ehefrau von Frank E. soll eine bekannte Persönlichkeit sein und für den Ort viel getan haben, heißt es.

Vater des Opfers kannte Frank E.

Brisant ist, dass der Vater des mutmaßlichen Opfers ein guter Bekannter von Frank E. gewesen sein soll. Dieser habe mit dem Reiterhofbetreiber lange Zeit auf dem Hof zusammengearbeitet. Die minderjährige Tochter habe auf dem Reiterhof das Reiten gelernt. Für die Bewohner ist der Vertrauensverlust daher immens. Im Umfeld von Frank E. wundert man sich, dass es noch nie Gerüchte gegeben habe - schließlich sollen einige Taten bereits Jahre zurückliegen. Zudem sei auf dem Hof immer viel los gewesen - wie er die Straftaten unbemerkt begangen haben sollen, ist für viele rätselhaft.

Polizei und Staatsanwaltschaft wird der Fall noch einige Zeit beschäftigen, sofern Frank E. kein Geständnis ablegt. Da es sich offenbar um mehrere Fälle handelt, müssen noch viele Zeugen vernommen werden. Wie schwer die Vorwürfe wiegen, hänge laut Staatsanwaltschaft auch vom Alter der mutmaßlichen Opfer ab. Daher sei es momentan schwierig abzuschätzen, wie eine eventuelle Anklage lauten werde, sagte Sprecher Lange.

Die Ermittler arbeiten daran, die Hintergründe der Taten aufzuklären. Neben den vielen Zeugenbefragungen ist für die Beamten auch die Tatsache problematisch, dass sich bei Sexualdelikten viele Opfer aus Scham oder Angst entweder erst sehr spät oder gar nicht an die Behörden wenden. Die Polizei ist deshalb auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. "Uns interessiert, ob es weitere Zeugen oder mögliche Geschädigte gibt, die auf dem Reiterhof in Reckahn zu tun hatten und Angaben zu dem Fall machen können", sagte ein Sprecher der Brandenburger Polizei. Zeugen können sich unter der Telefonnummer 03381-560-0, im Internet unter www.internetwache.brandenburg.de oder bei jeder anderen Polizeidienststelle melden.