Entschluss

"Potsdam kennt statt Demut nur Neid"

Hasso Plattner baut seine Kunsthalle doch nicht im Stadtzentrum. Große Enttäuschung auch bei prominenten Unterstützern

- Hasso Plattner griff nicht mal mehr zum Hörer. Er hatte genug von dem Gezerre und schickte lediglich eine E-Mail an Potsdams Oberbürgermeister. In einem offenen Brief teilte er Jann Jakobs mit, dass er sich entschieden habe: "Die Planung für meine Kunsthalle wird sich nun auf den Campus am Jungfernsee konzentrieren." Der Software-Milliardär zog damit die Konsequenz aus einer wochenlangen hitzigen Debatte über sein millionenschweres Geschenk für die historische Stadtmitte. Die Kunsthalle sollte an der Stelle des 17-stöckigen Hotels "Mercure" am Lustgarten entstehen. Doch das sorgte bei so manchem alteingesessenen Potsdamer und vor allem bei den Linken für harsche Proteste.

Die private Sammlung mit Kunstwerken aus der DDR wird nun aller Voraussicht nach in einer Kunsthalle am nördlichen Stadtrand zu besichtigen sein - und der unübersehbare Betonklotz gegenüber dem Stadtschloss mit seiner von Plattner gespendeten 20-Millionen-Euro-Fassade bleibt erst einmal stehen. Plattners Absage hat noch ganz andere Folgen. Sie ist auch eine Blamage. Immer wieder beklagen sich Investoren, sie würden in Potsdam nicht gut behandelt. Nun hat es sogar einen getroffen, der einen Teil seines Reichtums abgeben will.

Seit Jahren ist Potsdam in aller Munde. Wegen seiner Schönheit und seiner Vorzüge als Wohnstadt direkt neben Berlin. Aber auch wegen der Probleme, die sich die Stadt oft selbst macht. Hier wird ohne Rücksicht über alles gestritten. Zwar ist Potsdam angeblich eine "Stadt für alle", doch sind sich Alteingesessene und Zuzügler, Plattenbaubewohner und Villenbesitzer offenbar fremd geblieben. Plattner bekam den Kulturkampf nun zu spüren.

Jauch spricht von "Trauerspiel"

"Dieses Trauerspiel samt der verheerenden Außenwirkung wird die Stadt noch lange verfolgen", sagte TV-Moderator Günther Jauch am Donnerstag. "Eine solche Chance bekommt Potsdam nie wieder." Die "sozialistische Notdurftarchitektur" habe im Lustgarten wenig zu suchen, sagte er jüngst über das Hotel "Mercure". Zusammen mit anderen Prominenten warb er vor etwa zwei Wochen bei einer Demonstration mit mehr als 1000 Menschen für die Kunsthalle anstelle des DDR-Baus aus den 60er-Jahren. "Eine großartige Sammlung hätte ihren würdigen Platz in der Mitte Potsdams gefunden", bedauert der Wahlpotsdamer zudem. Für Jauch stellt sich die Frage: "Wer möchte da für Potsdam noch ebenso mutig wie großzügig mäzenatisch tätig sein?" Er ist selbst Förderer der Stadt, ihm ist der Wiederaufbau des Fortunaportals am Stadtschloss zu verdanken. Auch Modedesigner Wolfgang Joop zeigte sich betroffen. "Diese Stadt kennt statt Demut und Dankbarkeit nur Neid und Missgunst", sagte der gebürtige Potsdamer. "Man hätte bestimmte Leute mit Ignoranz strafen sollen. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass Hasso Plattner nicht auf diese Leute gehört hätte." Die Schauspielerin Nadja Uhl ist ebenfalls enttäuscht. Sie sagte aber auch: "Ich kann Hasso Plattner verstehen. Er wollte der Stadt eine Kunsthalle schenken und sich keine Probleme kaufen." Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) wollte die Entscheidung "aus Respekt vor Herrn Plattner" nicht kommentieren.

Plattner hatte bereits Anfang Juni angekündigt, mit der Kunsthalle auf sein privates Grundstück am Jungfernsee ausweichen zu wollen. Nach der Kundgebung wollte der Milliardär es sich noch mal überlegen. Sechs der acht Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung stimmten schließlich für die Kunsthalle am Lustgarten. In den vergangenen Tagen entspann sich jedoch eine Debatte darüber, wie die Kunsthalle aussehen und auf welche Weise sie entstehen soll. Hasso Plattner erreichten Sätze wie die des Präsidenten der brandenburgischen Architekturkammer, Bernhard Schuster: "Wir sind ja nicht mehr bei Königs. Heutzutage hat die Gesellschaft ein gehöriges Wort mitzureden." Der Mäzen wies die Forderungen nach einem Architekturwettbewerb zurück. In seinem "offenen Brief" unterstrich er jetzt, die Kunsthalle sei ein öffentlich zugängiges Gebäude, aber kein öffentliches Gebäude. Sein Fazit: "Ein privater Bau kann nicht widerspruchsfrei an einem Standort wie dem ,Mercure'-Hotel erfolgen." Es sei aber nie Aufgabe oder Absicht gewesen, in die langfristige Stadtplanung einzugreifen. "Ich habe nur nachgefragt, ob es noch interessante Bauplätze in der Innenstadt gibt." Damit sprach Plattner etwas Entscheidendes an. Der Architekt des Landtagsschlosses, Peter Kulka, sagte: "Plattners großzügiges Angebot einer Kunsthalle mit dem Abriss des 'Mercure' zu verknüpfen war unverschämt." Es hätte noch andere geeignete Plätze für die Kunsthalle im Lustgarten gegeben, meint Kulka. "Wenn ich der Öffentlichkeit ein Geschenk mache, möchte ich nicht unter Druck gesetzt werden."

Hotel "Mercure" bald leer?

Als Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) nach der Absage vor die Kameras trat, tröstete er sich und die Potsdamer damit, dass Plattner seine Kunsthalle immerhin in Potsdam errichten möchte. "Ich befürchte aber, dass wir mit dem ,Mercure' bald eine leere Hülle stehen haben", sagte Jakobs. Ende des Jahres laufe der Pachtvertrag der Hotelgruppe Accor mit dem US-Eigentümer aus. "In den Bau will doch keiner mehr investieren", glaubt Jakobs. 14 Millionen Euro wolle der US-Eigentümer dafür haben. "Das gibt auch der städtische Haushalt nicht her." Der Abriss würde noch mal einige Millionen Euro kosten. Hasso Plattner hätte wohl auch diese Kosten übernommen.