Kindertagesstätten

Kein Platz für die Kleinen

Durch den Zuzug junger Familien fehlen Kita-Einrichtungen vor allem in Babelsberg und auch im Norden von Potsdam

- In einem ähnelt Potsdam-Babelsberg dem Berliner Innenstadtbezirk Prenzlauer Berg immer mehr: Junge Eltern mit Kinderwagen dominieren das Straßenbild. Familien zieht es verstärkt in den beliebten Stadtteil Babelsberg. Dementsprechend gefragt sind hier die Kinder-Betreuungsangebote. "Für viele Eltern ist es immer noch schwer, für ihre Kinder einen Platz in ihrer Wunsch-Kita zu bekommen - das gilt vor allem für Babelsberg und den Norden Potsdams", sagt Potsdams Jugendamtsleiter Norbert Schweers. Im Norden liegt das Bornstedter Feld. Hier entstanden in den vergangenen Jahren rund 6000 Wohnungen. Schweers Einschätzung zufolge hat sich hingegen die Lage in der direkten Innenstadt durch den Aus- und Neubau von Kitas "etwas entspannt".

804 neue Plätze ab Herbst

Jedes Jahr entstehen in Potsdam durchschnittlich 500 neue Kita-Plätze. "Damit reicht unser Angebot insgesamt aus", sagt Jugendamtsleiter Schweers. Ab September stehen laut Verwaltung in Potsdam sogar 804 Plätze mehr zur Verfügung als im Kita-Jahr 2011/12. "Demnächst werden wieder drei neue Kitas in Betrieb gehen", so Schweers. Derzeit werden 13.789 Kinder in den 114 Potsdamer Kindertagesstätten betreut. Familien fühlen sich in dem überschaubaren, grünen und kulturreichen Potsdam wohl. Zumal das angrenzende Berlin nicht weit ist.

Innerhalb der vergangenen vier Jahre habe die Stadt bereits fast 3700 neue Kita-Plätze geschaffen, sagt Schweers. Und die Zahlen werden laut Prognose vorerst weiter nach oben klettern: Besuchten in Potsdam 2007/8 noch 2019 Kinder eine Krippe, werden es im kommenden Kita-Jahr schon 3003 sein. Waren vor vier Jahren 4430 Kinder in einer Kita, so werden es bald 5536 sein. Und 6054 Hortplätze wird es im kommenden Jahr in der Landeshauptstadt geben. 4466 Plätze waren es im Jahr 2007/2008.

"Ab Herbst werden in Potsdam 58 Prozent der Kinder bis drei Jahren in Einrichtungen betreut", kündigt Jugendamtsleiter Schweers an. Das sei weit mehr als andernorts. Der Bundesdurchschnitt liege derzeit bei 20 Prozent. Wenn ab 1. August 2013 deutschlandweit der Rechtsanspruch auch für Kinder ab dem 1. Lebensjahr gilt, werde Potsdam sogar einen Versorgungsgrad von 65 Prozent erreicht haben, so Schweers.

In diesem Jahr stehen für den laufenden Betrieb laut Jugendamtsleiter Schweers für die Kitas und die 300 Tagespflege-Plätze 68,5 Millionen Euro zur Verfügung. Rund 50 Millionen bringe Potsdam auf, beim Rest handele es sich um den Landeszuschuss, den alle Träger erhalten. Die finanzielle Unterstützung durch die rot-rote Landesregierung ist nach Ansicht der Stadt Potsdam aber viel zu gering. Die Landeshauptstadt klagt deshalb mit den anderen kreisfreien Städten Cottbus, Brandenburg an der Havel und Frankfurt/Oder vor dem Landesverfassungsgericht gegen das Land. Denn die Regierung unter Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hatte nach heftigen Protesten in ganz Brandenburg zum 1. Oktober 2010 die Personalausstattung in den Kitas verbessert, sie stellte danach nach Ansicht der Kommunen aber nicht genug Geld dafür zur Verfügung. Die Personalkosten seien merklich gestiegen: Statt bisher auf sieben kommt seit der Aufstockung des Personals auf sechs Kinder im Krippenalter eine Erzieherin. Bei den Drei- bis Sechsjährigen ist eine Erzieherin jetzt für zwölf und nicht mehr für 13 Kinder zuständig. Das Verhältnis Betreuer und Kinder ist laut Statistik dennoch nirgendwo so schlecht wie in Brandenburg. Es fehle das nötige Geld, heißt es in der rot-roten Koalition. Auch die brandenburgische "Kita-Initiative", die sich im Jahr 2008 gegründet hat, mahnt nach wie vor Verbesserungen an.

Zu den Eltern, die derzeit in Potsdam auf Suche sind, gehören auch Tanja Rehfeld und Christian Türpisch aus Potsdam-Babelsberg. Ihre Zwillinge Tim und Ben sind fünf Monate alt. Beim Betreuungsplatz-Service "Kita-Tipp" im Rathaus erhoffte das Elternpaar sich Hilfe. Doch die Familie wurde enttäuscht. Die Stadt verspricht im Internet als Dienstleistungen: "Ihr Weg zum Kita-Platz" und: "Aussagen zur allgemeinen und konkreten Platzsituation in den Kitas" sowie "Kontaktaufnahme zur Einrichtungsleitung/zum Kita- und Tagespflegeträger". Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als die Eltern sich mit den Kindern zum Rathaus aufmachten. Tanja Rehfeld schildert ihr Erlebnis: "Die nette Dame drückte uns nichts weiter als Broschüren in die Hand." Die gebürtige Potsdamerin ist schon ein wenig verärgert. "Welche Kitas es in Babelsberg gibt, wäre auch so herauszufinden. Das hätten wir uns auch im Internet runterladen können." Die jungen Eltern hatten sich zumindest Auskunft erhofft, welche Einrichtungen in ihrer Nähe freie Plätze anbieten. Nun müssen sie die Suche doch komplett selbst in die Hand nehmen. Das Paar hat sich vorgenommen, mit den Zwillingen die Kitas abzuklappern. "Jede Woche steht eine Einrichtung auf unserem Plan" sagt Tanja Rehfeld. "Immerhin brauchen wir für unsere beiden Jungs zwei Plätze gleichzeitig."

5000 Anfragen beim Kita-Tipp

Der Kita-Tipp war am 1. Oktober 2010 eröffnet worden - als weitere Errungenschaft im familienfreundlichen Potsdam. Jugendamtsleiter Schweers räumt ein, dass der Service noch verbessert werden kann - durch die Einführung einer neuen Software. "Die Stadt bereitet diese vor, begleitet vom Institut für Forschung, Fortbildung und Entwicklung an der Fachhochschule Potsdam", sagt Schweers. Damit werde künftig ein schneller Überblick über die Platzsituation möglich. Er sagt, das Interesse sei enorm. Bislang haben drei Mitarbeiterinnen rund 5000 Beratungen durchgeführt. Ein Drittel davon persönlich, zwei Drittel telefonisch oder per Mail.

Die Eltern müssen sich aber weiter in Geduld üben: Mit dem online-basierten Infosystem sei erst Anfang 2013 zu rechnen, sagt Schweers. Künftig soll es mit den freien Trägern der Kitas eine Vernetzung geben. Plätze werde die Beratungsstelle allerdings auch dann nicht direkt vergeben können.