Theater

Mit der Zauberflöte durch die Mark

Die "Wanderoper Brandenburg" feiert bereits die dritte Premiere. Das Projekt will eine kulturelle Lücke schließen

- Arnold Schrem fühlt sich bestätigt: Oper und Operette sind für viele Brandenburger Schüler "eine völlig neue Welt". Diese Erfahrung hat der Bad Freienwalder Opernregisseur mit der von ihm gegründeten "Wanderoper Brandenburg" gemacht, die derzeit mit zwei Inszenierungen durch die Mark tourt. Nach den Vorstellungen suchten der 62-jährige Berliner und die Künstler häufig das Gespräch mit ihrem jungen Publikum. Dabei wurden sie mit Fragen überhäuft - nach dem Lernpensum, den Proben, aber auch: "Was macht ihr eigentlich tagsüber?".

"Kulturelle Grundversorgung" nennt Schrem sein Projekt "Wanderoper Brandenburg" selbstbewusst. Darin schwingt ein gewisser, fast trotziger Stolz mit, den er sich hart verdient hat. Seit zwei Jahren bemüht sich der engagierte Anhänger des Musiktheaters mit einer Handvoll Mitstreitern im Verein "Wanderoper", genau jene Kultur zurück aufs Land nach Brandenburg zu bringen, die sonst nur noch am Stadttheater Cottbus angeboten wird - zu wenig für das Flächenland Brandenburg, glaubt Schrem. Temporäre Angebote gibt es zudem mit der Kammeroper Rheinsberg und der Oper Oder-Spree.

Musical in Bad Freienwalde

Die vielen kleinen Bühnen in Kulturhäusern oder Stadthallen werden jedoch nicht mehr bespielt. "Musiktheater vereint viele Kunstformen und bereichert die meisten Sinne - abstrakt und konkret zugleich" sagt Schrem. "Wer damit aufwächst, kommt nicht auf die schiefe Bahn", lautet sein Ansatz. Um dem nachzugehen, wartet die "Wanderoper" jetzt bereits mit ihrer dritten Inszenierung auf: Am 19. Juni feiert das ursprünglich für den Broadway geschriebene Musical "Mann und Frau und überhaupt" von Tom Jones im Bad Freienwalder Kurtheater Premiere, um dann durch Brandenburg zu touren.

"Das Stück behandelt Lebensprobleme, die entstehen, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Eltern in eine Sinnkrise geraten", sagt Schrem, der damit eine Altersgruppe ansprechen will, die allzu oft vergessen wird. Dabei wird Brandenburg demographisch gesehen immer älter, gibt es immer mehr Senioren. Zwei Darsteller und zwei Musiker bestreiten die komplette Musical-Inszenierung. In Ermangelung einer üppigen finanziellen Ausstattung ist bei der Wanderoper, deren Trägerverein in diesem Jahr im bundesweiten Wettbewerb "365 Orte im Land der Ideen" ausgezeichnet wurde, alles eine Nummer kleiner, aber ebenso professionell, wie der 62-Jährige betont.

Er weiß, wovon er spricht, schließlich inszenierte er auch die Kinderoper "Hänsel und Gretel" sowie Mozarts "Zauberflöte" in abgespeckter Form - was die Zahl der Darsteller und Musiker betrifft. Die extra bearbeiteten Fassungen sorgten gerade bei der Zauberflöte für ungeahnte Effekte. Denn die Sänger wurden lediglich von dem Akkordeonspieler Tobias Morgenstern begleitet. Nora Lentner, Darstellerin der "Pamina", war zunächst skeptisch, was den Einsatz des Akkordeons in der Oper betrifft, gibt sie zu. "Doch durch dieses volksnahe Instrument bekommt das Ganze etwas Bodenständiges, das Berührungsängste mit dem Musiktheater beim Publikum sichtbar schwinden lässt", erzählt sie begeistert.

Seit einem dreiviertel Jahr gibt es die Wanderoper nun bereits. Wie wichtig dieses Angebot tatsächlich ist, hat Schrem zuletzt im uckermärkischen Templin erlebt. "Die Leute haben erzählt, dass sie dort noch nie Oper erlebt haben", sagt er. Flächendeckend in jedem Landkreis will er mit der Wanderoper gastieren, künftig viermal jährlich mit verschiedenen Genres, zu denen auch Ballett und Musical gehören sollen. Noch sei das allerdings ein "mühsames Ringen um jeden Spielort", vor allem im Westen Brandenburgs tue man sich schwer. Dabei hat das Projekt prominente Fürsprecher: Der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, steht ebenso hinter der Oper wie mittlerweile auch Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst, die die Wanderopern-Schirmherrschaft übernommen hat. Von dort kommt finanzielle Unterstützung ebenso wie vom Bildungsministerium, von der Stadt Bad Freienwalde und der EWE Stiftung.

"Musiktheater kann man nicht aus Eigeneinnahmen finanzieren - jedenfalls nicht ausschließlich. Ansonsten könnte ich das Ganze nur auf Laientheater-Niveau inszenieren - und das will ich nicht", sagt der Wanderopern-Intendant. Derzeit wird vor allem die "Zauberflöte" verstärkt für Open-Air-Veranstaltungen gebucht. So gastiert die "Wanderoper Brandenburg" im Juni sowohl auf der Galopprennbahn in Hoppegarten und am Fürstenwalder Dom, als auch bei der "Aqua mediale" im Spreewald. Für "Hänsel und Gretel" gibt es bereits zahlreiche Anfragen für die Herbst- und Adventszeit.

Beflügelt von der guten Resonanz denkt Schrem schon an die nächste Saison. Die musikalische Komödie "Feuerwerk" des Schweizer Komponisten Paul Burkhard soll auf die Bühne. Berühmt geworden ist vor allem das Lied "O mein Papa". Erneut soll es dazu eine dreimonatige, von der Arbeitsagentur Berlin finanzierte Opernwerkstatt für beschäftigungslose, professionelle Musiker geben, wie sie Schrem in diesem Jahr für die Erarbeitung der "Zauberflöte" hat nutzen können.

Gespräche und Workshops

"Das hilft uns bei den Produktionskosten - und die beteiligten Künstler bekommen eine berufliche Weiterbildung, die es bundesweit in Sachen Musiktheater bisher nicht gibt", sagt er.

Speziell für Schulen will Schrem zudem die Kammeroper "Weiße Rose" von Udo Zimmermann ins Repertoire nehmen, nach der Geschichte über die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Intensiver will er sich der theaterpädagogischen Arbeit widmen - das Gesehene in anschließenden Schülergesprächen oder Workshops vertiefen und erklären. "Vor allem Lehrer haben sich da relativ hilflos an uns gewendet. Viele von ihnen scheinen Musiktheater auch nicht mehr aus eigenem Erleben zu kennen."

Außerdem gibt es ein Kooperationsangebot der Eberswalder Musikschule. Die ist im nächsten Jahr Ausrichter des Brandenburger Landesmusikschultreffens. Gemeinsam mit der Wanderoper wollen die Gastgeber Benjamin Brittens Oper "Noahs Flut" inszenieren. "Dieses Werk hat Britten ausdrücklich für Laien geschrieben, es ist also ideal für Musikschüler", sagt Schrem.