Kultur

Die Retter der Kammerspiele

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Gudrun Mallwitz

Kleinmachnow bewilligt Geld für altes Kino. Carolin Huder und Michael Martens wollen es umbauen

- Nur die Sache mit dem Popcorn muss noch ausdiskutiert werden. Für sie gehört Popcorn in einem Kino einfach dazu, er findet das nicht. Ansonsten sind sie sich schon sehr einig darüber, was sie aus den Kammerspielen in Kleinmachnow machen wollen: Kino, Kultur, Kneipe - und das für alle Generationen. Carolin Huder (44) und Michael Martens (53) haben es geschafft: Die Gemeindevertreter stimmten nach langer Diskussion dafür, den beiden Bewerbern in den nächsten beiden Jahren rund 400.000 Euro für den Umbau des alten Kinos und den Start zur Verfügung zu stellen. "Jetzt beginnt die Arbeit", sagt Michael Martens. In diesem Herbst schon wollen sie die neuen Kammerspiele eröffnen.

Erst getrennt beworben

Dabei war das 76 Jahre alte Kino mit dem Charme vergangener Zeiten schon totgesagt. Zu lange bereits versuchte der Besitzer und derzeitige Betreiber gemeinsam mit der Gemeinde, einen Nachnutzer zu finden. In der Not wollte die Kommune das Haus sogar kaufen. Doch nun kommt es anders: Es bleibt in Privateigentum und soll an die neuen Betreiber verpachtet werden. Noch vor etwa einem Jahr waren beide Interessenten gescheitert. Damals bewarben sie sich getrennt. "Wir kannten uns nur über unsere Töchter vom Fußball", sagt Carolin Huder. Nach der Absage der Gemeindevertreter taten sie ihre Ideen zusammen - und überzeugten mit dem neuen Konzept zur Rettung der Kammerspiele.

Kein Wunder: Beide wohnen seit vielen Jahren mit ihren Familien in Kleinmachnow und wissen, worauf sie sich einlassen. Carolin Huder bringt als Chefin des bekannten Volkstheaters "Heimathafen Neukölln", nicht nur Erfahrung als Kulturmanagerin mit, sondern auch die nötigen Kontakte. Ihr schwebt vor, auch mal eine Produktion des "Heimathafens" nach Kleinmachnow zu bringen. "Theater, Musicals, Shows, Comedy, Lesungen, wir wollen eine breite Palette für die ganze Familie bieten", sagt Carolin Huder. Vor allem auch Konzerte für das junge Publikum.

Die Jugendlichen in Kleinmachnow beklagen, dass es für sie viel zu wenig Angebote am Ort gibt. Etwa 3000 Jugendliche leben in der mittlerweile auf über 20.000 Einwohner gewachsenen Gemeinde, die an Berlin-Zehlendorf angrenzt. "Ich will auch Bushido fragen, ob er bei uns auftreten würde", kündigt Carolin Huder schon mal an. Der Rapper hat in Kleinmachnow eine Villa gekauft. Michael Martens will nicht nur seine Kenntnisse als Diplomkaufmann einbringen. Der Filmliebhaber freut sich darauf, ein vielseitiges Kinoprogramm-Paket zu schnüren. Knapp 4000 Filme lagern in seinem Keller, er hat sich dort ein modernes Heimkino eingerichtet. "Während der Berlinale ist er nicht ansprechbar", sagt Carolin Huder. Michael Martens gehört zu denen, die während der Filmfestspiele mit dem Schlafsack vor der Ticketausgabe übernachten. Ein Premierenkino ist in den Kammerspielen nicht geplant, sagt Martens. Die Filme sollen möglichst zeitnah nach dem Start gezeigt werden. "Wir wollen dabei viel für Kinder und Jugendliche bieten", sagt Martens. Geplant sei zum Beispiel speziell für sie ein Film-Festival. Kleinmachnow gilt mittlerweile als eine der kinderreichsten Kommunen bundesweit.

Wie soll sich das Haus finanzieren? Für den Umbau des alten Gebäudes, den Brandschutz und neue Technik gibt es den Zuschuss von der Gemeinde, später soll sich der Betrieb selbst tragen. Die künftigen Kammerspiele-Chefs wollen dafür eine Genossenschaft gründen und Genossenschaftsanteile zu je 250 Euro anbieten. "Reich wird damit niemand", sagt Carolin Huder. "Die Dividende ist Kultur", sagt Michael Martens. Als Genosse winken aber zahlreiche Ermäßigungen - und ein Mitspracherecht bei den jährlichen Genossenschaftsversammlungen. "Wer mitgestalten will, ist bei uns richtig", sagt Carolin Huder.

Ansonsten setzen die beiden auch verstärkt auf Einnahmen aus der geplanten Gastronomie. Im Foyer soll eine Kneipe entstehen, in der Frühstück angeboten wird, aber auch kleine Gerichte auf der Karte stehen sollen. Auch vor dem Haus wollen sie Tische und Stühle aufstellen.

Außerdem wollen sie die Räume auch für Veranstaltungen wie Vorträge und Podiumsdiskussion vermieten. Oder für private Feiern. Der große Saal mit den originalen, roten Stühlen fasst 360 Plätze, der zweite Saal lässt sich flexibel mit bis zu 100 Stühlen ausstatten.

Besucher aus Berlins Südwesten

Als Konkurrenz zum "KultRaum" sehen sich die künftigen Kammerspiele-Betreiber nicht. Ein Verein unter Vorsitz von Christiane Heinke bringt seit etwa drei Jahren in einem Kleinmachnower Einfamilienhaus am Kapuzinerweg 16 Stars wie Bassbariton Thomas Quasthoff oder Gayle Tufts, die "amerikanische Berlinerin", auf die kleine Bühne. "In Kleinmachnow gibt es genügend kulturinteressiertes Publikum", sagt die künftige Kammerspiele-Chefin Carolin Huder. Eine Studie der Gemeinde habe ergeben, dass im Einzugsbereich über Teltow und Stahnsdorf sowie den Südwesten Berlins rund 200.000 Kulturinteressierte wohnen. Sie sagt: "Und das kann man mit guten Angeboten sicherlich noch steigern."

Sobald der Pachtvertrag unterschrieben ist, wollen Carolin Huder und Michael Martens in Absprache mit dem Denkmalschutz an der Karl-Marx-Straße loslegen. Zufall oder gutes Omen: Der "Heimathafen Neukölln" liegt übrigens auch an der Karl-Marx-Straße, wenn auch in Berlin. Als Mitautorin hat Carolin Huder an dem Buch "111 Orte, die man in Berlin gesehen haben soll" mitgewirkt. Künftig sollen die Kammerspiele zu einem der Orte werden, die man nicht nur als Kleinmachnower gesehen haben soll.