Landwirtschaft

Bauern befürchten den Ausverkauf

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Gudrun Mallwitz

Kapitalkräftige Anleger treiben die Preise für Landkauf und Pacht in die Höhe

- In Brandenburgs Dörfern geht die Angst vor einem Ausverkauf um. Immer häufiger legen große Unternehmen von außerhalb ihr Geld in der Landwirtschaft an. Sie pachten oder kaufen riesige Flächen - von der Treuhand-Nachfolge-Gesellschaft BVVG von ehemaligen LPG-Betrieben oder privaten Landeigentümern. Oder übernehmen gleich ganze Betriebe. "Es kommen Leute ins Spiel, die landwirtschaftlichen Boden überteuert kaufen. Die ortsansässigen Landwirte haben dabei keine Chance", beschreibt Bauer Ulf Zinnow aus Potsdam-Grube das wachsende Problem. Er spricht von einem "schwungvollen Immobilienhandel".

Das Brandenburger Agrarministerium bestätigt die Entwicklung. "Das ist ein Riesenproblem", sagt Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade. "Boden ist ein begehrter Rohstoff - und das zunehmend auch für Anleger aus dem In- und Ausland." Der Druck im Kessel steige, auch wegen des Booms der erneuerbaren Energien. Ackerland gehe für Windkraft und großflächige Solaranlagen verloren. "Die Kaufpreise für Acker- und Grünland haben sich in den vergangenen Jahren verdoppelt", sagt Schade. Zu verhindern sei dies auf dem freien Grundstücksmarkt nicht. Die hiesigen Agrarbetriebe müssten aber weiter gestärkt werden, damit sie nicht verkaufen müssen und mitbieten können.

Bei den meisten landwirtschaftlichen Flächen in Brandenburg handelt es sich um Pachtland. "Die externen Investoren zahlen inzwischen teilweise bis zu 300 Euro Pacht pro Hektar für Acker- oder Grünland", bestätigt Reinhard Jung, der Sprecher des Bauernbundes Brandenburg, der die Familienbetriebe vertritt. "Üblich wären 150 bis 200 Euro pro Hektar." Nicht nur, dass damit die mittelständischen Unternehmen kaum mehr eine Chance haben, an Flächen zu gelangen. "Leute, die nicht in der Region verankert sind, saugen nur die Wertschöpfung aus dem ländlichen Raum", kritisiert Jung. Für ihn ist die Schwäche der Brandenburger Landwirtschaft in Weichenstellungen der Nachwendezeit angelegt. "Es gibt zu wenig selbstständige Landwirte, zu wenig Privatinitiative, zu wenig Wertschöpfung - dafür trotz aller Sondersubventionen unterstützungsbedürftige Großbetriebe", sagt Jung. "Und diese großen Unternehmen sind ideale Anlageobjekte für außerlandwirtschaftliche Investoren."

Von 6900 auf 5600 Unternehmen

Vor zehn Jahren wirtschafteten laut Statistik rund 6900 Unternehmen in der Landwirtschaft, derzeit sind es nur noch etwa 5600. Und die Flächen, auf denen sie arbeiten, sind mit durchschnittlich 240 Hektar fast sechs Mal so groß wie im Bundesdurchschnitt. Dieser liegt bei 43 Hektar pro Betrieb. Wie auch in den anderen ostdeutschen Ländern wurden nach dem Zusammenbruch der DDR die früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in große Betriebe umgewandelt. Die großen Genossenschaften in Brandenburg bewirtschaften sogar im Schnitt 1426 Hektar.

Die Brandenburger CDU und die Bündnisgrünen halten diese Strukturpolitik ebenfalls für falsch. Die beiden Oppositionsparteien sehen sich durch Experten bestätigt. Im Auftrag der Enquetekommission, die sich im Landtag rückwirkend mit der Politik Brandenburgs nach der politischen Wende befasst, wurden mehrere Gutachten zu den Agrarstrukturen angefertigt. Am heutigen Freitag wird die Kommission erneut über das Thema diskutieren.

Die Beteiligung außerlandwirtschaftlicher Investoren sowie anonymer Kapital- und Fondsgesellschaften führe dazu, dass sich die Situation auf dem landwirtschaftlichen Bodenmarkt weiter zuspitzt, sagt Dieter Dombrowski, Vize-Fraktionschef der CDU im Landtag. "In der Region ansässige aktive Landwirte sind mancherorts kaum mehr in der Lage, die hohen Bodenpreise aus dem normalen Betriebsergebnis zu finanzieren", gibt Dombrowski die Stimmung wieder. "Wenn die Betriebe immer größer werden und die Eigentümer nicht mehr hier wohnen, verändern sich die dörflichen Strukturen massiv", so Dombrowski.

"Die großen Strukturen, die künstlich am Leben gehalten wurden, sind heute das ideale Einfallstor für Investoren, die gigantische Flächen erwerben", bedauert Grünen-Fraktionschef Axel Vogel. "Viele der Betriebe bewirtschaften die riesigen Flächen mit minimalem Personalaufwand." Er sieht vor allem auch eins kritisch: Das von den auswärtigen Unternehmen erwirtschaftete Geld bleibe nicht in der Region: weder in der Gemeinde noch im Wirtshaus oder beim Lebensmittelhändler. Das Leben auf dem Dorf werde zerstört.

Zu den Investoren, die in Brandenburg besonders aktiv sind, zählt die KTG Agrar AG. Sie hat hier mittlerweile allein an 13 Standorten Betriebe auf Flächen, die entweder gekauft oder gepachtet sind. Vertreten ist sie zum Beispiel in Oranienburg in Oberhavel, Putlitz in Prignitz und Linthe in Potsdam-Mittelmark. Die Gruppe mit Sitz in Hamburg bewirtschaftet laut eigener Aussage in Ostdeutschland und in Litauen 35.000 Hektar - davon sind 27.800 Hektar gepachtet. Sie gehört zu den führenden Produzenten von Agrar-Rohstoffen in Europa. "Wir produzieren in Brandenburg sowohl konventionell als auch ökologisch und beschäftigen hier rund 370 Mitarbeiter", sagt KTG-Sprecherin Carolin von Behlow. Zur Produktpalette gehören Kartoffeln, Zwiebeln, Getreide, Ölfrüchte/Raps, Mais, Spargel und Beeren.

An der Börse notiert

Das zweite Standbein der Gesellschaft ist die Erzeugung von Bioenergie. Derzeit betreibt KTG Agrar Biogasanlagen mit einer elektrischen Anschlussleistung von rund 30 Megawatt. Das Unternehmen ist seit November 2007 an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert.

CDU, Bündnisgrüne und Bauernbund sehen derzeit nur ein wirksames Mittel, um die künftigen Agrarstrukturen noch zu beeinflussen: Die EU sollte bei den Agrarsubventionen eine Obergrenze einziehen. Verbunden sollte dies auch noch mit einer Beschränkung auf Unternehmen sein, die sich im Eigentum von ortsansässigen Landwirten befinden. Zudem fordern sie, dass die BVVG die Flächen nur noch für ortsansässige Landwirte ausschreibt. Das lehnt der Landesbauernverband kategorisch ab. Ihr Präsident Udo Folgart, der auch für die SPD im Landtag sitzt, kann die Ängste aber durchaus nachvollziehen. "Der schlimmste Fall wäre, wenn eine böse Investorengruppe kommt, den hiesigen Betrieb quasi stilllegt und nur noch von außen bewirtschaftet", sagt Folgart. "Und das Unternehmen dann nur noch mit dem Tieflader die Traktoren anliefert und dann wieder verschwindet." Der Landesbauernverbands-Präsident kennt zwar kein Konzept, mit dem politisch gegengesteuert werden kann. Für ihn steht eins fest: "Ein Investor wird sich künftig daran messen lassen müssen, wie er sich ins dörfliche Leben einbringt - und wie vielen Menschen er einen Arbeitsplatz bietet." Kritiker wenden ein, dass es dann oft schon zu spät ist.