Geschichte

Liebknecht-Schule soll ihren Namen ändern

Stadtverordnete entscheiden heute über heftigen Streit

- Das mehr als 100 Jahre alte Gebäude an der Frankfurter Wieckestraße erinnert eher an ein Schloss, als an eine Schule. Dennoch wurde es einst für das Städtische Gymnasium I erbaut und mit Unterbrechungen auch als solches genutzt. Dass die Schule seit 1949 den Namenszusatz "Karl Liebknecht" trägt, hat lange niemanden gestört - obwohl der 1919 ermordete Marxist so gar nicht zu dem feudalen Bauwerk passen will.

Seit einem Jahr ist alles anders. Da feierte das Gymnasium sein 100-jähriges Bestehen mit allen derzeitigen und vielen früheren Schülern. Und von jenen, die in den 50er-Jahren dort ihr Abitur machten, kam damals die Anregung, den aus ihrer Sicht "nicht mehr zeitgemäßen Beinamen" zu überdenken. An diesem Vorstoß entzündete sich eine öffentliche, teilweise hitzige Diskussion, die bis heute anhält.

Ein "ideologiefreier Schulbetrieb" könne mit diesem Namen nicht gewährleistet werden, sagen die "Liebknecht"-Kritiker. Sie nehmen den Namenstreits zum Anlass einer politisch-ideologischen Abrechnung mit der DDR. "Der Name einer Schule muss aus der Schule selbst kommen", sagt der kommissarische Schulleiter Torsten Kleefeld. Das sei in Frankfurt nicht passiert, glaubt er und verweist auf den "Druck" der DDR-Führung bei der Namensgebung 1949. Die möglicherweise "diktatorische" Namensgebung dürfe nicht dem Namensgeber angelastet werden, sagen die Liebknecht-Verfechter und werfen dessen Verdienste im Kampf gegen Krieg und Völkermord in die Wagschale.

Schulkonferenz für Umbenennung

Die verunsicherte Schulleitung verteilte Fragebögen an Schüler, Eltern und Lehrer. Die Resonanz war allerdings ziemlich gering. Scheinbar war der Beiname den aktuellen Schul-Angehörenden eher egal. Darin sieht Sandra Seifert, Fraktionsvorsitzende der Linken im Frankfurter Stadtparlament, das eigentliche Problem. "Die meisten heutigen Schüler des Gymnasiums können mit dem Namen Karl Liebknecht doch gar nichts mehr anfangen."

Die öffentliche Debatte führte immerhin dazu, dass die Gymnasiasten selbst über den absehbaren Verlust ihres Schul-Beinamens nachdenken. Denn die Schulkonferenz aus Lehrern, Schülern und Eltern des Gymnasiums hat nunmehr mehrheitlich entschieden, die Bezeichnung "Karl Liebknecht" loswerden zu wollen. "Städtisches Gymnasium I Europaschule" will sich die renommierte Bildungseinrichtung künftig nennen. Am heutigen Donnerstag müssen die Stadtverordneten über den Namensgebung entscheiden. SPD und CDU - mit jeweils zehn Abgeordneten im Frankfurter Stadtparlament - haben bereits ihr Einverständnis für eine Umbenennung signalisiert. Die 19 Abgeordneten der Linke sind dagegen.

Die Wurzeln der Frankfurter Schule reichen zurück bis in das Jahr 1341. In das heutige Schulhaus zog 1911 das damalige Realgymnasium. Heute beherbergt die pädagogische Einrichtung knapp 900 Schüler ab Klasse 7.