Sanierung

Besucher-Labyrinth Rathaus

Potsdamer Verwaltungsgebäude wird nach jahrelanger Pause weiter saniert. Leitsystem ist geplant

- Zwölf Treppenhäuser, 405 Zimmer, die scheinbar im Kreis führen - das Potsdamer Rathaus nahe des Nauener Tors gilt bei eiligen Behördengängern als Zeit fressendes Labyrinth. Kein Ansprechpartner am Eingang, nur ein Lageplan der "Verwaltungsobjekte der Stadt" an der Wand. Potsdams oberster Wirtschaftsförderer Stefan Frerichs sagt: "Jede zweite Anfrage, die uns persönlich erreicht, lautet: Wo ist die Toilette?" Dem Herren-WC und Damen-WC im Erdgeschoss ist inzwischen sogar ein eigener Aufsteller gewidmet, gleich links im Foyer, gegenüber dem Bürgerservice. Doch weil jede Abteilung mit eigenen Hinweisschildern versucht, den Besucher durch das Zimmer- und Gängechaos in dem verschachtelten Verwaltungsgebäude zu lotsen, blickt fast keiner mehr durch.

Dabei muss jeder der vielen Potsdam-Neulinge erst einmal ins Rathaus. Die Stadt wächst und wächst. Nach jahrelanger Pause will Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) jetzt wieder in das Rathaus investieren: rund sechs Millionen stehen für die Sanierung und ein professionelles Besucher-Leitsystem in den nächsten drei Jahren bereit. Mehr als das Doppelte wäre laut internen Berechnungen jedoch nötig: 14 Millionen Euro.

"Dem Architekten, der dieses Haus zwischen 1902 und 1907 als Regierungsgebäude gebaut hat, ist es hervorragend gelungen, eine Distanz zwischen Behörde und Bürgern herzustellen", sagt Bernd Richter, Chef des Kommunalen Immobilien Service (KIS). Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Rathaus Sitz der Regierung für den Regierungsbezirk Potsdam. Danach zog die Stadtverwaltung ein, ab 1953 der Rat der Stadt Potsdam.

Wer das imposante Gebäude an der Friedrich-Ebert-Straße durch den Haupteingang betritt und die ersten 14 breiten Stufen genommen hat, ist hin- und hergerissen: das Foyer beeindruckt mit einem riesigen Treppenhaus, doch ist es so düster, dass der Gang nach oben fast Überwindung kostet. Im Erdgeschoss sind die häufigsten Anlaufstellen, das Standesamt, die neue Kitaplatz-Vermittlung sowie die Wirtschaftsförderung untergebracht - und der Bürgerservice. An einem normalen Wochentag sagt das Wartemarkensystem hier: "41 Personen sind vor Ihnen".

Keller soll ausgebaut werden

In dem riesigen Raum war zu DDR-Zeiten die Staatsbank zu finden. Im Keller darunter lagerte der Tresor. Das Untergeschoss ist derzeit noch ungenutzt, wird voraussichtlich aber bald für weitere Büroräume ausgebaut. Dann könnten womöglich die alten Baracken auf dem hinteren Gelände abgerissen werden, in dem heute Jugendamt und Bußgeldstelle untergebracht sind. 560 Mitarbeiter arbeiten allein im Stadthaus, wie das Rathaus von vielen Potsdamern auch genannt wird.

Im ersten Stock befindet sich der Plenarsaal. An der Decke hängen noch die alten Lüster, die einstigen Deckengemälde sind verschwunden. Wenn die 56 Feierabend-Stadtverordneten sich hier einmal im Monat von 15 bis 21 Uhr leidenschaftliche Debatten liefern, herrscht dicke Luft. Eine Klimaanlage fehlt. Andreas Menzel, Grünen-Stadtverordneter aus Groß Glienicke, hat einmal die Raumluft gemessen. Das Ergebnis soll erschütternd gewesen sein. Danach dürfte Potsdams Stadtverordnete schon nach den ersten Beschlüssen die Konzentration ausgehen. Zumal es in dem Raum schon eng wird, wenn nur einige Zuschauer da sind. Nach 1990 hatte die Stadt begonnen, das heruntergekommene Gebäude zu sanieren. Doch Fördermittel gab und gibt es dafür nicht, sagt KIS-Chef Bernd Richter. Priorität hatte daher der Brandschutz.

Um die 13 Millionen Euro wurden in die Sanierung bislang schon gesteckt, was dem Besucher nicht unbedingt auffällt. Immerhin besteht der Bau aus mehr als 30.000 Quadratmetern. Die dritte Etage ist fertig, so Bernd Richter. Im Erdgeschoss sei man auch gut vorangekommen. In einigen Treppenhäusern und Gängen bröckelt aber immer noch der Putz. Das gesamte zweite Stockwerk müsse noch gemacht werden. Seit einigen Jahren sei aber nur noch das Nötigste gemacht worden. "Potsdam hat erst einmal in die Schulen, Kitas und Kultureinrichtungen investiert", sagt Richter. Die Bürger haben deshalb trotzdem wenig Verständnis für die schlechte Ausschilderung. Die 26-jährige Katja Haussmann sagt: "Man muss nicht nur den Ansprechpartner suchen, man muss anschließend auch wieder hinausfinden." Für sie und ihren Freund Mike Maedel (30) ist klar: "Da muss sich dringend was ändern." Sie hatten dieses Mal Glück: Für den neuen Personalausweis mussten sie nur zum Bürgerservice. Ziel ist laut KIS- Sprecher Markus Klier eigentlich auch, dass dort 80 Prozent der Belange der Bürger erledigt werden.

2013 werden die Schilder montiert

Im März ist nun das neue Leitsystem für die Besucher ausgeschrieben worden, gut sichtbare Schilder sollen die Bürger künftig zu den Ansprechpartnern führen. Vorgesehen ist auch eine digitale Information im Eingangsbereich, über die Veranstaltungen flexibel angekündigt werden. Die Planung soll bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein, so dass 2013 damit begonnen wird. Auch Sehbehinderte sollen sich durch ein Orientierungssystem im Boden dann besser zurechtfinden können.

Der Leiter der Wirtschaftsförderung, Stefan Frerichs, fordert seit langem ein solches Leitsystem, wie es selbst kleine Städte in Brandenburg schon haben. Als der studierte Geowissenschaftler aus Ostfriesland vor einigen Jahren im Rathaus anfing, brachte ein Kollege ihm das Problem gleich näher: Es wäre nicht verwunderlich, "wenn irgendwann einmal in den Gängen ein Gerippe mit einem Aktendeckel gefunden wird". Noch hat jeder aus dem Potsdamer Rathaus herausgefunden. Zuweilen ist es nur eine Frage der Zeit.