Falkensee

Wo geht's denn hier zum Zentrum?

Falkensee wächst. Was fehlt, ist eine Stadtmitte. Die Pläne dafür stoßen auf wenig Begeisterung

- Ein Zentrum hätten sie alle gern in Falkensee. Am frühen Morgen ist der Bahnhof der Ort, an dem sie sich auf dem Weg nach Berlin treffen. Etwa 12.000 der inzwischen rund 42.000 Einwohner pendeln jeden Tag zwischen Falkensee und ihrem Arbeitsort hin und her. Wenn am Abend alle wieder aus dem Zug oder ihrem Auto gestiegen sind, bleiben sie nicht etwa noch zu einem ausgiebigen Einkauf in den Geschäften oder auf einen Cappuccino im Cafe. Die stark befahrene Bahnhofstraße lädt eher weniger zum Verweilen ein.

Falkensee, das ist auf 43 Quadratkilometern eine Ansammlung von Ein- und Mehrfamilienhäusern in den ehemaligen Dörfern Falkenhagen und Seegefeld. "Die Stadt wird nie ein klassisches Zentrum haben", sagt Bürgermeister Heiko Müller (SPD). Trotzdem soll die stark wachsende Stadt eine neue Mitte bekommen. Wie sie aussehen, was sie bieten soll, darüber gehen die Meinungen massiv auseinander.

Mindestens 70 Millionen Euro sollen bis zum Jahr 2020 in das neue Stadtzentrum fließen, allein 35.000 Euro sind bereits mit öffentlichen Geldern verbaut worden. Bürgermeister Müller schwebt für die künftige Stadtmitte um den Bahnhof herum aber nicht etwa eine reizvolle Piazza vor, die Bahnhofstraße als Haupt-Einkaufstraße soll auch nicht zur Fußgängerzone werden. "Das wäre schön, ist aber eine Illusion", sagt Müller. Stattdessen will er über Funktionsbauten "mehr Menschen in die Stadtmitte locken".

Funktionsbauten statt Piazza

Das Gesundheitszentrum an der Dallgower Straße ist schon da. Das Bürgeramt soll voraussichtlich im Herbst in ein saniertes Haus an der Bahnhofstraße ziehen. Auf dem Gelände neben dem Gutspark wird hinter dem großen Pendler-Parkplatz nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung auch die neue Zwillingshalle gebaut. Drei Mal wurden ihre Pläne in den vergangenen Jahren schon verändert. Aus Kostengründen. Aus der ursprünglich vorgesehenen Vier-Feld-Halle soll nun eine Drei-Feld-Halle werden. "Finanziell", sagt Müller, "hat uns das am Ende vermutlich aber dann doch nichts gebracht." Kosten werde sie rund 15 Millionen Euro. Da, wo heute wilder Mohn auf der Wiese blüht, soll ab 2013 mit dem Bau begonnen werden. "Fertig sein könnten wir frühestens im Jahr 2014", sagt Müller. Die eine Hallenhälfte ist für den Sport reserviert, die andere für kulturelle Veranstaltungen. In die derzeitige Stadthalle dürfen - wegen des Brandschutzes und der Statik - nur bis zu 199 Besucher. 1200 Plätze soll dagegen die Nachfolge-Halle bieten.

Außerdem entsteht ein Begegnungszentrum. Die Bibliothek ist bereits hier. Auch die Europaschule. Für sie wird gerade ein neuer Hort gebaut. An der angrenzenden Scharenbergstraße setzt Müller auf privates Engagement. "Hier können neue Geschäfte und Cafés entstehen", sagt der Bürgermeister.

Seit zehn Jahren wird geplant

Nicht jedem gefallen seine Pläne. Doch sie sind das Ergebnis einer insgesamt zehn Jahre währenden Debatte. "So lange diskutieren wir nun schon um ein Zentrum", sagt die Grünen-Fraktionschefin Ursula Nonnemacher. Was derzeit aber nicht nur bei den Grünen, sondern auch bei dem Koalitionspartner CDU heftig umstritten ist, ist der Verlauf der künftigen Straßenanbindung der neuen Zwillingshalle an die Bahnhofstraße. Laut jetzt gültigem Bebauungsplan ist vorgesehen, die neue Straße über die bisherige am Gutspark zu führen. Eine andere Variante, allerdings heftig umstritten, ist, sie direkt an die Kreuzung Bahnhofstraße/Seegefelder Straße anzubinden. "Damit würde der Seegefelder Anger aber durchschnitten", kritisiert Nonnemacher. Hier steht heute die alte Stadthalle. Der Platz an der alten Kirche ist für viele die einzige noch verbleibende Möglichkeit auf ein attraktives Zentrum.

Der Mitbegründer der Interessengemeinschaft "Zentrum", Fabian Hausel, warnt: "Die Stadt ist dabei, eine einmalige Chance zu vertun. Statt Menschen holt sie mit ihren Plänen nur noch mehr Verkehr in die Stadtmitte". Wo heute die Stadthalle steht, sollen laut Hausel auch noch mehr als 100 Parkplätze unter anderem für die künftige Zwillingshalle gebaut werden. Der 44-jährige Web-Designer ist vor etwa anderthalb Jahren mit der Freundin und den beiden Töchtern nach Falkensee gezogen. Er sagt: "Was fehlt, ist eine Vision für das Zentrum."

Bürgermeister Müller erwägt nun eine Bürgerbefragung, ähnlich wie Potsdam sie zum Freizeit- und Sportschwimmbad-Neubau gerade hinter sich hat. "Die Menschen sollen über beide Straßenvarianten und die Bebauung des Platzes an der Seegefelder Kirche entscheiden." Er gibt zu bedenken: "Wir können nicht mit dem pulsierenden Berlin konkurrieren. Aber wir können mit guten Schulen, Dienstleistungen und Sport- und Freizeiteinrichtungen punkten." Und all das werde das neue Zentrum bieten.

Die Falkenseerin Vera Jesse (40) und die Berlinerin Christine Feix (35) sind da skeptisch. Im Januar vorigen Jahres haben sie ihren Laden "Biofreunde" an der Bahnhofstraße eröffnet. "Das, was die Stadt plant, löst die Probleme nicht", sagt Vera Jesse. Und ihre Geschäftspartnerin ist sich sicher, dass die geplante neue Halle doch nur noch mehr Verkehr hier her bringe. Falkensee brauche viel dringender "viel mehr schöne Geschäfte und nette Cafés im Zentrum".

Die 24-jährige Olga Paczynska scheint sich mit der Situation schon abgefunden zu haben. Sie wohnt noch zuhause bei den Eltern in Falkensee und studiert an der Humboldt-Universität in Berlin. "Ich habe hier nichts, wohin ich gehen kann", sagt sie. "Mein Leben spielt sich in Berlin ab." Die Familie wohnte bis vor zehn Jahren in Spandau.