Hauptbahnhof

Wohnen oder schwimmen?

Potsdam streitet um ein Filetgrundstück am Hauptbahnhof. Die Bürger entschieden für ein Schwimmbad. Die Politik will Wohnungen

- Wer in Potsdam am Hauptbahnhof ankommt, wird nicht gerade mit einem schönen Blick belohnt: Schräg gegenüber am Brauhausberg steht neben dem alten Sportschwimmbad das ehemalige Terrassen-Restaurant Minsk seit Anfang der 90er Jahre leer; der graue Beton des DDR-Baus ist graffitibeschmiert. Dahinter erhebt sich wie eine Trutzburg die alte Kriegsschule mit ihrem düsteren Turm. Einst war hier die SED-Bezirksleitung untergebracht, bis noch voraussichtlich Ende des Jahres 2013 wird der marode Bau den Landtag beheimaten.

Wenn es nach Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) gegangen wäre, sollten am Brauhausberg eigentlich 400 repräsentative, mehrgeschossige Wohnhäuser entstehen. Dies sah auch ein entsprechender Masterplan des Architekturbüros Kohl & Krier vor. Realisierbar wäre er aber nur ohne die Schwimmhalle gewesen. Das neue Bad hätte Jakobs nicht nur deshalb lieber am ehemaligen Buga-Park im Bornstedter Feld gesehen. Er erhoffte sich damit auch eine Belebung der Biosphäre. Der Tropengarten mit 20.000 Pflanzen bräuchte dringend zusätzliche Besucher. Er hofft dabei auf Unterstützung durch die Rathauskooperation von SPD, CDU, Grünen und FDP. "Wir brauchen innerstädtischen Wohnraum und die sechs Millionen Euro, die wir durch den Verkauf des Grundstückes einnehmen."

Potsdamer für neues Schwimmbad

Die Potsdamer aber votierten bei einer Bürgerbefragung eindeutig für ein neues Sport- und Freizeitbad am alten Standort. 65,2 Prozent sprachen sich dafür aus. Das Interesse war groß: Mit fast 53 Prozent beteiligten sich mehr an der Abstimmung als an der Kommunalwahl vor knapp vier Jahren. Am 6. Juni wollen die Stadtverordneten darüber beraten, wie es weitergeht. Dabei wird es heftig zugehen: Denn um die künftige Gestaltung des Filetgrundstückes tobt ein erbitterter Streit.

Oberbürgermeister Jakobs hatte schon vor der Entscheidung klar gemacht, dass er das Votum respektieren werde. Auch die in der Stadtverordnetenversammlung vertretenden Fraktionen wollen sich dem Bürgerwillen beugen. Allerdings gehen die Vorstellungen darüber auseinander, was da entstehen soll. Nur eins ist bislang Konsens: Das neue Schwimmbad soll ein 50 Meter langes Sport-Schwimmbecken bekommen, ein Lehrbecken für Schwimmanfänger, ein Kinderplanschbecken und zwei Großrutschen. Der Wellnessbereich sieht sieben Saunen und Dampfbäder, ein Außenschwimmbecken, Whirlpool und Solebecken vor. Konkrete Pläne existieren bislang aber nur für den nun obsoleten Standort am Buga-Park.

Das neue Schwimmbad soll für maximal 23 Millionen Euro errichtet werden. Die Stadt rechnet damit, das neue Bad sowie das bestehende Bad am Stern pro Jahr mit 2,59 Millionen Euro bezuschussen zu müssen. Das ist rund eine Million Euro mehr als bisher. Jakobs will den Stadtverordneten in der Sitzung am 6. Juni zudem vorschlagen, die alte Schwimmhalle erst nach Fertigstellung des neuen Familien- und Sportbandes abzureißen. Wann das neue Bad fertig ist, steht noch nicht fest. Im September soll der Zeitplan vorgestellt werden. "Wenn alles gut geht, kann das Bad frühestens im Jahr 2016 eröffnet werden", sagt der Sprecher des Oberbürgermeisters, Stefan Schulz. Erst einmal sei ein städtebaulicher Wettbewerb geplant.

Auch Kunsthalle als Option

Die Bürgerinitiative "Pro Brauhausberg" kämpft seit vorigem Jahr gegen eine dichte Wohnbebauung. Ihr Sprecher Thomas Hintze sagt: "Wir haben uns für den Erhalt der Schwimmhalle am bisherigen Standort stark gemacht. Wir wollen aber auch das Minsk erhalten." Dem Bankfachwirt ist es nach eigener Aussage gelungen, rund 300 Mitstreiter aus dem gesamten Stadtgebiet und darüber hinaus zu gewinnen. Er selbst wohnt direkt neben der derzeitigen Schwimmhalle. Hintze sieht in der früheren Gaststätte Minsk den "perfekten Platz" für die Kunsthalle, die Software-Milliardär Hasso Plattner Potsdam schenken möchte. Auch die Linke kämpft für den Erhalt des DDR-Baus. Sie könnte ihr Votum für die Schwimmhalle davon abhängig machen. Linke-Fraktionchef Hans-Jürgen Scharfenberg sagt: "Es handelt sich um ein für Potsdam so wichtiges Areal, dass hier nicht allein die Finanzen den Ausschlag geben dürfen."

Baudezernent Matthias Klipp (Die Grünen) widerspricht: "Ich glaube nicht, dass man sich in einer so stark wachsenden Stadt, die jedes Jahr 1000 neue Wohnungen braucht, von einem derart zentral gelegenen Wohnungsbaustandort verabschieden kann."