Gedenken

Ein neuer Blick auf die Geschichte

Die Kriegs-Gedenkstätte Seelower Höhe wird umgestaltet

- "Das schlimmste Opfer des Krieges ist die Wahrheit", hat ein Besucher vielsagend in das Gästebuch der Gedenkstätte auf den Seelower Höhen geschrieben. Ob ihm dabei bewusst war, wie recht er gerade an jenem geschichtsträchtigen Ort hatte, an dem vor 67 Jahren die schwerste Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden ausgetragen wurde, ist unbekannt. Seit der Wende kämpft das 1972 eröffnete Kriegs-Museum um eine neue Identität, anlässlich seines 40. Geburtstages soll es dieses Jahr soweit sein.

Bis Dezember wird die Gedenkstätte optisch und inhaltlich komplett umgestaltet, damit Besucher noch besser verstehen, welches Leid die Schlacht um die Seelower Höhen den beteiligten Soldaten sowie der Zivilbevölkerung brachte und welche Folgen sie hatte. "Wir wollen Geschichte vermitteln - möglichst objektiv, an einem authentischen Ort", sagt Museumsleiter Gerd-Ulrich Herrmann.

Historiker kämpft um Projektmittel

Dass das eben gar nicht so einfach ist, weiß der Militärhistoriker nur zu gut. Kämpft er doch seit Jahren um die Anerkennung der Gedenkstätte als Kriegs-Mahnmal von nationaler Bedeutung und damit verbundene finanzielle Projektmittel des Bundes. Die Einrichtung, die 1945 als sowjetischer Soldatenfriedhof mit dem noch heute weit sichtbaren Soldatendenkmal des russischen Bildhauers Lew Kerbel begann, wurde 1972 zur "Gedenkstätte der Befreiung" erweitert, gehörte ab da zum Pflichtbesuchsprogramm jedes treuen DDR-Bürgers.

Charakteristisch für die "Seelower Höhen" war, dass die Kämpfe der Roten Armee um den Vormarsch nach Berlin im Frühjahr 1945 geradezu glorifiziert wurden. Nach 1990 drehte sich die historische Betrachtung nach Ansicht des Gedenkstättenleiters "um 180 Grad." Die Aufarbeitung der Schlacht habe sich vorrangig auf deutsche Quellen gestützt, während russische Dokumente und Zeitzeugen in Vergessenheit gerieten.

Insgesamt 450.000 Euro vom Bund und dem Land Brandenburg fließen laut Herrmann jetzt in die Umgestaltung des deutschlandweit einmaligen Museums, dessen Träger der Landkreis Märkisch-Oderland ist. Überzeugen konnte die Gedenkstätte dabei offenbar weniger mit ihrer überregionalen Bedeutung, als vielmehr mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichtsdarstellung auf den Seelower Höhen zu DDR-Zeiten: Die damalige ideologische Instrumentalisierung der Schlacht um die Seelower Höhen soll nun im Vordergrund stehen. "Insofern suchen wir noch Material aus DDR-Zeiten, Fotos, die berühmten Brigadetagebücher - alles, was deutlich macht, wie DDR-Bürger die Gedenkstätte in sozialistischen Zeiten wahrgenommen haben", sagt der Gedenkstättenleiter.

Information ist mehrsprachig

Die neue Ausstellungskonzeption im Hauptgebäude des Museums haben zwei Wissenschaftler erarbeitet, seit dem Herbst 2011 wird an der Umsetzung gearbeitet. "Ausgehend von den historischen Ereignissen thematisieren wir die Erinnerung - und zwar mehrsprachig, um der internationalen Bedeutung dieses einstigen Schlachtfeldes gerecht zu werden", berichtet der Potsdamer Historiker Sebastian Nagel, der als Projektleiter die Neugestaltung betreut. Er findet nicht nur die Aufarbeitung der Kriegsgeschichte spannend, sondern vor allem die Entwicklung der Gedenkstätte. "Die neue Ausstellung wird sich mit der Schlacht auf den Seelower Höhen und den historischen Zusammenhängen ebenso beschäftigen wie mit der wechselvollen Geschichte der Erinnerung an die Ereignisse hier in Seelow als auch auf internationaler Ebene", bestätigt der Gedenkstättenleiter. Für die Umgestaltung wird das Museum von Oktober bis Mitte Dezember geschlossen bleiben.

Erste Veränderungen sind im Außenbereich der Gedenkstätte bereits sichtbar. Das ausgestellte Kriegsgerät ist aufpoliert und restauriert, zudem gibt es 16 Infotafeln. Auch die Geschichte um die Gebeine auf dem ursprünglichen russischen Soldatenfriedhof wird nicht verschwiegen: Jahrzehntelang waren die Gräberreihen zu Füßen des Soldatendenkmals größtenteils leer, die sterblichen Überreste lagen verscharrt und vergessen auf einer Brachfläche an der Bundesstraße 167. Erst durch einen Zufall wurden sie vor vier Jahren entdeckt und umgebettet.

So wie Nagel hält auch Herrmann die Erinnerungen an die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in Deutschland für einen Bildungsauftrag. "Wir müssen zeigen, was Krieg bedeutet, gerade heute, wo er auf der Welt ja zum Alltag gehört", sagt der Gedenkstättenleiter. Die Generation, die davon noch aus eigenem Erleben berichten kann, existiert kaum noch. Und auch im Schulunterricht kommt es seiner Ansicht nach zu kurz.