Countdown Flughafen: Moch 27 Tage

Kein Schallschutz für Datschen

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Gudrun Mallwitz

In der Waldsiedlung fehlen für viele Häuser die Bauunterlagen. Die Brandenburger hoffen noch auf eine Lösung - und finanzielle Hilfe

- Vier Wochen nur noch, dann wissen sie alle, wie es sich anfühlen wird, das künftige Leben in der Waldsiedlung. Schon heute donnert zuweilen alle paar Minuten ein Flieger über die hohen Baumwipfel. Manchmal ist es auch über mehrere Stunden still. In dieser Zeit scheinen die Vögel in der Waldsiedung noch übermütiger als anderswo zu zwitschern. Wenn die Rüsters in ihrem Garten arbeiten oder auf der Terrasse sitzen und auch gerade kein Zug auf den nahe gelegenen Gleisen vorbeifährt, sagen sie nicht selten zu sich: Wie schön haben wir es hier. Nach Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld am 3. Juni werden die Ruhezeiten noch kürzer: Dann könnte durchschnittlich alle sechs Minuten ein Flieger über die Siedlung hinwegdonnern, in Spitzenzeiten morgens und abends sogar alle zwei Minuten. Und noch immer ist das Haus der Familie Rüster wie so viele andere nicht so gegen den Lärm geschützt, wie es möglich wäre.

Kein Geld für das Flachdach

"Das Ingenieurbüro, das unser Haus begutachtet hat, befürwortete keinen Schallschutz für unser Flachdach", sagt Heike Rüster. Und weil sie und ihr Mann Widerspruch eingelegt haben, wollten sie auch noch nicht mit dem genehmigten Austausch der Fenster beginnen. Die Start- und Landebahn des künftigen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld liegt etwa drei Kilometer von der Waldsiedlung entfernt, nur 250 Meter trennen die Passagiere während der Landung von den Menschen da unten, beim Hochsteigen 600 Meter. Heike und Thomas Rüster sind nicht zimperlich. Der 47-Jährige ist hier aufgewachsen; als die Mutter starb, zog er mit seiner kleinen Familie in sein Elternhaus am Waldweg. "Zu DDR-Zeiten war hier ganz schön was los", sagt er. "Da ließen die russischen Maschinen das Haus manchmal zittern." Thomas Rüster ist kein Flughafengegner, im Gegenteil. Er arbeitet sogar auf dem Flughafen Schönefeld. Als Kraftfahrer transportiert er die Flugbesatzung zu den Flugzeugen oder zurück zum Flughafengebäude.

Die Rüsters und ihre fünfjährige Tochter Saskia aber wollen in der Einflugschneise wenigstens nachts schlafen können. Den Antrag auf Schallschutz-Kostenerstattung haben sie im September 2010 gestellt. "Im April 2011 kam dann ein Ingenieur, der das Haus begutachtet hat", berichtet Heike Rüster. Doch als die Kostenerstattungsgenehmigung Anfang März dieses Jahres vorlag, waren Rüsters entsetzt: Die Dämmung des alten Flachdaches wurde nicht einmal erwähnt. "Dabei besteht es nur aus Strohmatten und Dachpappe", sagt Heike Rüster. "Man hatte uns nach unserem Widerspruch zugesichert, sich innerhalb von vier Wochen zu melden", sagt Heike Rüster. "Doch bis jetzt haben wir immer noch keine Antwort."

Im Heideweg sind die einen schon gut vorbereitet, die anderen kämpfen noch. Familie Mette hat "vom Flughafen um die 29.000 Euro für den Schallschutz bekommen". Die Fenster sind ausgetauscht, das Dach ist neu gemacht. "Im Sommer 2010 stellten wir den Antrag, dann ging alles zügig", sagt Evelin Mette. "Im Herbst kam das Ingenieurbüro zur Begutachtung, im März 2011 haben sie mit den Arbeiten angefangen, im Mai waren sie fertig. "Wir machen uns keine großen Sorgen", sagt die gebürtige Mahlowerin. "Wir wollen hier auch nicht weg."

Auch Mario Knust und seine Frau Sandra Hey wollen mit der fünfjährigen Tochter bleiben. Allerdings ist für sie der Papierkrieg noch nicht zu Ende. Als sie 2006 das Haus in der Waldsiedlung kauften, existierten keine Bauunterlagen mehr. Das ist kein Einzelfall in Blankenfelde-Mahlow. Im Behördenarchiv sind bei einem Brand im Krieg auch viele Dokumente vernichtet worden. Die Familie kann trotzdem auf eine Kostenerstattung für Schallschutz hoffen. Für das Zimmer unter dem Dach war allerdings nichts drin, weil die Deckenhöhe nicht den erforderlichen Maßen entsprach. "Das ist für mich nachvollziehbar", sagt Knust. Was er nicht akzeptiert: Auch für das Esszimmer soll es nichts geben. Der Ingenieur, der sich das Haus im Auftrag der Flughafengesellschaft ansah, wertete den Anbau als Raum, der "zum ständigen Aufenthalt nicht geeignet ist" - obwohl das Zimmer beheizt ist. "Es kamen ständig neue Argumente", sagt Mario Knust, der derzeit den vierten Widerspruch laufen hat. "Zuletzt hat das Ingenieurbüro die fehlende Baugenehmigung angeführt. Komisch ist nur, dass andere Räume anerkannt wurden, obwohl uns für die ja auch keine Genehmigung vorliegt." Mario Knust wandte sich mit seinem Problem an die Flughafenkoordinatorin Heidemarie Köppen. Sie berät Bürger in der Beratungsstelle, die Gemeinde und Landkreis vor etwa einem Jahr eröffnet haben. "Sie hat uns gut beraten, konnte das Problem aber auch nicht lösen", sagt Mario Knust.

Heidemarie Köppen kennt Fälle, in denen wegen einer fehlenden Baugenehmigung gar nichts geht. Wenn Leute ihre Datsche zum ständigem Wohnsitz ausgebaut haben, zum Beispiel. "Die haben überhaupt keinen Anspruch auf Schallschutz-Entschädigung" sagt sie. Es würde auch gar nicht funktionieren, diese Häuser "umzurüsten". Was ihr schon nahe geht, ist der Fall eines älteren Ehepaars. Das hatte sich ein Fertighaus gekauft, das nur als Gartenhaus und nicht als Wohnhaus anerkannt wird. "Für die Leute ist das eine wirklich schlimme Situation", sagt sie. Denn das Haus wird auch nicht auf eigenen Kosten gegen den Lärm geschützt werden können. Und sie bekommen nicht einmal die für Wohnhäuser übliche Außenentschädigung von 4000 Euro. Nur maximal 50 Cent pro Quadratmeter, wie bei Datschen vorgesehen."

Die Flughafengesellschaft hat das Schallschutzprogramm jüngst noch mal um 17 Millionen Euro auf 157 Millionen Euro aufgestockt. Das reicht nach Ansicht von Bürgermeister Ortwin Baier (SPD) aber immer noch nicht aus. Das Programm sei 2008 auch viel zu spät gestartet. "Die Schutzziele und Zonen standen, vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt, seit 2006 fest." Laut Planfeststellungsbeschluss darf tagsüber in Wohnräumen bei geschlossenem Fenster ein Maximalpegel von 55 Dezibel nicht überschritten werden. Nachts in Schlafräumen nicht häufiger als sechsmal.

Auch das Haus der Sperlichs am Waldweg ist noch immer ohne Schallschutz, obwohl die Eheleute bereits 2009 einen Antrag gestellt hatten. "Wir sind optimistisch, hoffen auf 37.000 Euro", so Rosemarie Sperlich. Dieser Betrag sei notwendig, um das Haus, in dem sie seit 1994 wohnen, mit Schallschutz auszustatten. Doch noch immer sei ungewiss, wann mit dem Einbau begonnen werden könne.

Unklare Kriterien

"Die Gemeinde Blankenfelde-Mahlow ist von allen Flughafen-Gemeinden am meisten betroffen", sagt Alexander Fröhlich, Referent des Bürgermeisters. "Bis zu 20.000 Menschen werden hier künftig durch jeweils rund 360 Starts oder Landungen täglich den Lärm abbekommen", sagt er. Dass Berlin und Brandenburg und der Bund als Flughafengesellschafter auch noch am Schallschutz sparen, werde von vielen Bürgern "als Hohn empfunden". Für sie sei zudem nicht klar, nach welchen Kriterien da entschieden werde. "Manche starten mit einer Erstattung von 2000 Euro und landen nach zig Widersprüchen bei 40.000 Euro." Weil die meisten wissen, was ihr Nachbarn bekommen hat oder was nicht, kämpfen sie alle weiter. So wie die Bewohner in der Waldsiedlung. Der Lärmschutzbeauftragte des Flughafens, Patrick Strogies, hofft nun nur auf eins: Dass "alle Beteiligten zusammen möglichst rasch Lösungen finden."