Neu Hartmannsdorf

Auf der Suche nach Rettern für die "Honigkirche"

Imker sollen den bröckelnden Altar der Kirche in Neu Hartmannsdorf reparieren helfen

- Die evangelische Kirchengemeinde von Neu Hartmannsdorf (Landkreis Oder-Spree) hat ein Problem, ein wächsernes. Ihr sind nicht etwa die Kerzen ausgegangen, sie will vielmehr ihren Kirchen-Altar retten. Denn der ist etwas ganz Besonderes. Der etwa einen Meter hohe, sechseckige Schrein wurde vor 18 Jahren unter Anleitung der Berliner Künstlerin Brigitte Trennhaus aus Bienenwachs gegossen. Schicht für Schicht entstand ein Kunstwerk, das auf den ersten Blick an hellen Marmor erinnert. Doch das Kunstwerk ist renovierungsbedürftig.

Führungen wird es dort vorerst nicht geben, der Platz vor Wand und Altar ähnelt einer Baustelle mit Industriestaubsauger, Schöpfkelle, Hammer, Brecheisen, Müllsäcken und morschen Holzresten. Sie stammen aus dem Inneren des einer Bienenwabe nachempfundenen Schreins, der bröckelt, große Risse hat und nur noch durch mehre Spanngurte zusammen gehalten wird. "In seiner Zerrissenheit hatte der Altar schon Charme, es predigte sich wie von selbst", erinnert Stein und, dass das Material schon immer "arbeitete". "Lediglich den Deckel haben wir immer mal wieder glatt gebügelt", sagt die Kirchenführerin.

Ein Altar aus Bienenwachs

Der Altar harmonierte bisher mit der dahinter liegenden goldgelben Wand, die an tropfendes Kerzenwachs erinnert und nach süßem Honig duftet. "Die ist aus Bienenwachs, in das gelber Blütenstaub gemischt wurde", erklärt die Neu Hartmannsdorferin Marianne Stein, die regelmäßig Führungen durch Deutschlands süßeste Kirche anbietet. Ende Juni gegen 18 Uhr würde die Sonne die Wand in jedem Jahr besonders zum Leuchten bringen, verrät sie.

Doch jetzt droht die gesamte Konstruktion, die an einen überdimensionalen hohlen Backenzahn erinnert, auseinanderzubrechen. Der Grund: Das darin eingebettete Holz hat sich zersetzt. Vermutlich durch Feuchtigkeit und Kälte, die im Laufe der Jahre vom Steinfußboden ausgehend dem Altar zusetzten. "Dass da so viel Holz drin ist, hatte keiner von uns vermutet", formuliert Stein, was viele entsetzt.

"Damals ist viel falsch gemacht worden", resümiert Christine Meike vom aktuellen Gemeindekirchenrat. Sie will weder der Künstlerin, noch den damaligen Kirchenratsmitgliedern daran die Schuld geben. Sie hatten dafür plädiert, in den Altar neben einer Bibel und Münzen auch Holz-Teile des ursprünglichen Dachstuhls und der Kirchenglocke zu integrieren, um an die einstige Kriegszerstörung des Gotteshauses zu erinnern. Sie sei von Anfang an dagegen gewesen, den Schrein mit anderen Sachen zu füllen. "Ich wollte im Interesse der Stabilität lieber einen massiven Wachsblock aufbauen", ärgert sich Brigitte Trennhaus, deren Angaben nach die Altar-Probleme bereits seit zwei Jahren bekannt sind. Nun stehe man vor einer "Katastrophe". Die Berliner Künstlerin hatte Anfang der 90er-Jahre die Idee für die charakteristische Umgestaltung des Gotteshauses.

Der ursprüngliche Altar aus der Bauzeit der Kirche von 1858 existierte nicht mehr. An seiner Stelle stand ein schwarzer Holztisch vor einem düsteren Kreuz, erinnert sich Stein. Am Ortseingang von Neu Hartmannsdorf bemerkte Künstlerin Trennhaus damals einige Imker-Schilder. Zudem blühte der Löwenzahn auf den angrenzenden Spreewiesen kräftig gelb. Aus der gesamten Region seien damals Leute mit ihren Bienenwachs-Spenden gekommen, weiß sie noch. "Drei Monate lang haben wir täglich sechs bis acht Stunden geackert." Mit dem Gaskocher wurde das Wachs in einem großen Waschzuber flüssig gemacht und in Schichten in die sechseckige Verschalung gegossen.

Trennhaus plädiert dafür, ihr Kunstwerk zu reparieren. Der Gemeindekirchenrat verhängte jedoch erst einmal einen Baustopp, um den Rat von Fachleuten einzuholen. "Wir wissen ja nicht, ob sich das alte Wachs mit neuem wirklich verbindet, wenn wir den Hohlraum nur verfüllen oder ob ein grundsätzlicher Neuaufbau nicht sinnvoller ist", sagt Christine Meike. Die Gemeinde brauche einen Altar, der künftig beständiger bleibe als nur ein paar Jahre. "Fest steht lediglich: Wir brauchen viel Wachs", sagt sie. Mindestens 1000 Kilogramm, so Schätzungen.

"Das können die Neu Hartmannsdorfer nicht alleine stemmen", sagt Holger Ackermann, Sprecher des Brandenburger Landesimkerverbandes, der alle Berufskollegen in Berlin und Brandenburg um Hilfe bittet. Seiner Ansicht nach wäre es traurig, wenn das als Honigkirche bekannt gewordene Gotteshaus aus Kostengründen ein wichtiges Detail verliere. "Besucher sind stets begeistert von der Schlichtheit und der besonderen Gestaltung unseres Gotteshauses", bestätigt Kirchenführerin Stein.

Reisebusweise würden Gäste aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Asien anreisen. Wer spenden möchte, kann sich an Pfarrerin Friederike Winter unter Tel. 03362/84 02 oder Holger Ackermann unter Tel. 0172/605 04 17 wenden.