Finanzierung

Eine Gemeinde wartet auf den Aufschwung

Hohe Kredite bremsten jahrzehntelang die Entwicklung von Stahnsdorf. Doch bald sind sie zurückgezahlt. Ein Stimmungsbild

- Geld haben andere im Berliner Umland. Nicht aber Stahnsdorf. "Wir konnten uns jahrelang nicht viel leisten", sagt Bürgermeister Bernd Albers. "Das ändert sich jetzt langsam." 1992 hatte die Gemeinde südlich von Berlin-Zehlendorf billiges Ackerland für ein Gewerbegebiet ausgewiesen - in der Annahme, es gehöre der Kommune. Als sich der Irrtum herausstellte, war aus dem Gelände wertvolles Rohbauland geworden. Die bundeseigene Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft" verlangte damals rund 85 Millionen Mark. Inzwischen hat die Kommune den größten Teil der von ihr aufgenommenen 20-Millionen-Euro-Kredite abbezahlt. Die letzten Raten werden in zwei Jahren fällig. "Etwa 2,5 Millionen Euro sind noch aufzubringen", sagt Albers. Fast zwei Jahrzehnte ging es in Stahnsdorf weniger voran als anderswo. Der 43 Jahre alte Bürgermeister will den Investitionsstau endlich auflösen. "Dafür bin ich als Mitglied der freien Wählergruppe Bürger für Bürger zu den Wahlen 2008 angetreten", sagt der Diplom-Jurist, der in Stahnsdorf aufgewachsen ist.

Hälfte der Straßen nicht gemacht

Noch immer ist die Hälfte der Straßen in Stahnsdorf nicht asphaltiert. Die Freiwillige Feuerwehr hat zwar mittlerweile ein modernes Löschfahrzeug. Doch anders als der alte W 50 aus dem "VEB Ifa Kombinat" in Ludwigsfelde passt das neue 270.000 Euro teure Drehleiterfahrzeug nicht richtig in das alte Feuerwehrhaus. "Was nicht passt, wurde erst mal passend gemacht", sagt Albers. "Die Feuerwehr senkte den Garagen-Boden leicht ab. Und es hat funktioniert, sagt Albers. "Fahrzeug rein, Tor zu". Eine Dauerlösung sehe aber anders aus. Bürgermeister Albers hätte deshalb gern neben dem Gemeindezentrum an der Annastraße ein neues Feuerwehrdepot - mit genügend Platz für das Löschfahrzeug. Außerdem denkt er an den Bau eines Bürgersaals für etwa 200 Besucher. Albers setzte bislang auf den Ausbau der Kitas und Schulen - ein Muss in der Zuzugsgemeinde. Seit 15 Jahren hat sich die Einwohnerschaft auf rund 14.400 Stahnsdorfer verdoppelt - die neuen Ortsteile Güterfelde und Schenkenhorst mit eingeschlossen. Bald sollen auch die Zeiten vorbei sein, in denen die Grundschulkinder das Klassenzimmer auch noch nachmittags als Hort nutzen. An der Lindenhof-Grundschule ist bereits ein neuer Hort entstanden. Der reicht aber nicht für alle Kinder aus. An der Heinrich-Zille-Grundschule wird derzeit für 1,6 Millionen Euro ein neuer Hort gebaut.

Besonders stolz ist Albers auf den Bau des Gymnasiums an der Heinrich-Zille-Straße, das der Kreistag als künftiger Schulträger plant. "Ab dem Schuljahr 2013/14 wird es erstmals möglich sein, in Stahnsdorf das Abitur abzulegen", sagt er. Zurzeit besuchen die Stahnsdorfer Kinder vor allem die Gymnasien in Teltow oder Kleinmachnow. Die Gemeinde hat auch viele Millionen Euro in die sieben kommunalen Kitas investiert. Etwa 500 Kinder im Kita-Alter werden betreut. Albers muss sich seit Wochen den Vorwurf anhören, die Kita-Satzung sehe für einkommensschwache Familien zu hohe Gebühren vor. Albers sagt, auch er wünsche sich geringere Kitabeiträge. Er erwarte dann aber Vorschläge zur Finanzierung.

Wie Kleinmachnow und Teltow ist auch Stahnsdorf als Wohnort für die Berliner zunehmend beliebt. "Wir bieten Familien vor allem Ruhe und ungewöhnlich viel Grün", sagt Bernd Albers. Anders als die anderen Gemeinden hat Stahnsdorf sogar einen Grünordnungsplan verabschiedet. Auf den Uppstallwiesen grasen nicht weit von den Wohnsiedlungen die Pferde; schmale Spazierwege schlängeln sich durch die mit leuchtendem Löwenzahn übersäten Wiesen im Landschaftsschutzgebiet.

Ruhe findet man in Stahnsdorf nicht nur auf dem Südwestkirchhof. Er wurde vor mehr als hundert Jahren von evangelischen Kirchengemeinden in Berlin vor der Stadt angelegt. Beschaulichkeit herrscht auch auf dem alten Dorfplatz mit dem Dorfweiher. Dort hat der Franzose Didier Canet vor fast zehn Jahren ein früheres Gehöft mit Stallungen gekauft. Der 51-Jährige Konditor wickelt seit 2006 von dort teilweise die Produktion auch für seine drei Berliner Filialen von "Aux Délices Normands" ab. Im idyllischen Vierseithof haben die Café-Besucher die Qual der Wahl zwischen Leckereien wie Royal au chocolat, Himbeertarte oder herzhafter Quiche. Im Garten können die Gäste auch eine ruhige Kugel schieben - beim Boulespiel. "Ich habe es nie bereut, nach Stahnsdorf gekommen zu sein", sagt Besitzer Dedier Canet. "Ich liebe die Atmosphäre im alten Dorfkern."

Nach Stahnsdorf ist vor einigen Jahren auch die Familie Mühlner/Trawiel gezogen. Diana Trawiel und Daniel Mühlner wohnten vorher in Kleinmachnow. Der achtjährige Daven geht in Stahnsdorf zur Schule, der 16 Jahre alte Bruder Duncan in Teltow. Die Familie bezog zuerst ein Haus im Grashüpferviertel, im vorigen Jahr hat sie in der Nähe des Dorfplatzes neu gebaut. Daniel Mühlner pendelt jeden Tag zur Arbeit nach Berlin - er ist Beamter im Bundesinnenministerium.

Bürgermeister Albers und Daniel Mühlner sind in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung. Mühlner ist seit Herbst vorigen Jahres Chef der Stahnsdorfer CDU. Diese stellte bis 2008 den Bürgermeister. Mühlner sagt: "Es reicht nicht, Stahnsdorf nur als Dorf zu verkaufen". Er vermisst ein "professionelles Konzept für die Entwicklung der Gemeinde". Und Mühlner ist der Ansicht, dass unter Albers zuviel Geld ausgegeben wird. "Stahnsdorf ist finanziell noch nicht über den Berg", warnt er. "Derzeit leben wir eher von der Hand in den Mund." Für ihn wäre es erst einmal wichtig, sich noch mehr um Investoren zu bemühen. "Das würde aber voraussetzen, dass Wirtschaftsförderung zur Chefsache wird", sagt Mühlner. Größter Gewerbesteuerzahler ist Vodafone. Das Callcenter des Telekommunikations-Unternehmens wollte schon mal nach Berlin umziehen, ist dann aber doch in Stahnsdorf geblieben.

Gewerbegebiet nicht ausgelastet

Ansonsten steht das Gewebegebiet an der Ruhlsdorfer Straße immer noch zur Hälfte leer. Das macht auch Bürgermeister Albers Sorgen. Vor allem: "Bislang hat sich kein einziger Interessent gemeldet, der sich bei uns wegen der Nähe zum demnächst fertigen Hauptstadtflughafen in Schönefeld ansiedeln möchte", sagt er. Stattdessen brächten die geplanten Flugrouten wegen des zu befürchtenden Lärms nur mächtig Unruhe in das "dörfliche" Stahnsdorf. Die Gemeinde will zusammen mit Kleinmachnow klagen.