Kriminalität

Jugendamt sah keine Gefahr für Klara

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Dominik Ehrentraut und Steffen Pletl

Die Mutter des toten vierjährigen Mädchens war den Behörden bereits seit Jahren bekannt

- Nach dem Tod eines vierjährigen Mädchens in Erkner (Oder-Spree) ist die 20-jährige Mutter in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht worden. Ein Haftbefehl sei laut Staatsanwaltschaft noch nicht erlassen worden. "Die Frau ist in einem sehr labilen Zustand", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder), Ulrich Scherding, am Montag. Gegen die 20-jährige Annemarie S. werde wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt, so Scherding weiter. Am Sonnabend hatten Polizeibeamte die Leiche der vierjährigen Klara in der Wohnung von Annemarie S. in Erkner gefunden. Nun stellen sich weitere Fragen - ob etwa der Tod der Kleinen hätte verhindert werden können. Denn Annemarie S. war verschiedenen Jugendämtern bereits bekannt. Dass die vierjährige Klara jedoch in Gefahr sein könnte, soll keinem Jugendamt bekannt gewesen sein.

Nach Angaben des Landkreises Oder-Spree hatte es bereits in den Jahren 2008 und 2010 Kontakte zu der 20-jährigen Mutter gegeben. Zuletzt habe sich am 20. März dieses Jahres der Großvater von Klara an das Jugendamt gewandt. Er wünschte sich Unterstützung durch das Jugendamt im Umgang zwischen den Großeltern und Annemarie S., da "dieser Umgang aktuell nicht beständig laufe", hieß es in einer Erklärung des Landkreises. Hinweise darauf, dass das Kind in Gefahr sei, habe es nicht gegeben, hieß es weiter.

Mehrere Male umgezogen

Annemarie S. lebte zuvor in Sassnitz auf Rügen, Göhren und in Rostock, ehe sie nach Erkner zog. Zwischenzeitlich wurde Klara sowohl in den Jahren 2008 als auch 2010 von den Großeltern der väterlichen Seite in Woltersdorf betreut, die sich später auch an das Jugendamt wandten. Wo der Vater des Kindes sich momentan aufhält, ist dem Jugendamt nicht bekannt. Aus welchen Gründen die Großeltern Klara bei sich aufnahmen, ist ebenso ungewiss. Sozialarbeiter hätten jedoch die Großeltern mehrere Male besucht, um sich über die Lebensumstände von Klara zu informieren.

Am 26. März besuchte eine Sozialarbeiterin Annemarie S. in Erkner, traf sie jedoch nicht in der Wohnung in der Ahornallee an. Einen weiteren Termin am 19. April im Jugendamt ließ sie verstreichen. Stattdessen rief Annemarie S. am selben Tag im Amt an und bat um Rückruf, um einen neuen Termin zu vereinbaren. Die Rückrufe des Amtes seien jedoch unbeantwortet geblieben. Einen letzten Termin im Amt gab es laut einem Sprecher des Landkreises vergangene Woche. "Doch auch zu diesem Termin ist sie nicht gekommen", teilte er mit. Dass die Tragödie vorhersehbar gewesen sein könnte, stritt der Sprecher ab. "Dem Jugendamt lagen in der Bearbeitung des Falles keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls vor", hieß es dazu in einer Mitteilung. Auch der Großvater von Klara habe zu keiner Zeit angegeben, dass das Kind in Gefahr sei. Zudem habe es keine entsprechenden Hinweise aus der Nachbarschaft, von der Kindertagesstätte, die Klara besuchte, oder von anderen Institutionen gegeben. Auch die Jugendämter in Rostock und im Landkreis Rügen-Vorpommern hätten keine entsprechenden Hinweise gegeben. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits angekündigt, auch die betreffenden Jugendämter zu befragen.

Die Leiche der kleinen Klara wurde am vergangenen Sonnabend in der Wohnung von Annemarie S. in der Ahornallee in Erkner entdeckt. Nach derzeitigen Erkenntnissen soll Klara erstickt worden sein. Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, soll sich Annemarie S. am Sonnabend an ihre Mutter gewandt haben. Was sie ihr genau sagte, ist noch unbekannt. Offenbar hatte sie ihr Dramatisches über ihre Tochter berichtet, denn die Großmutter des Kindes rief nach dem Gespräch die Polizei. Als die Beamten an der Wohnungstür im ersten Stock des Mehrfamilienhauses klingelten, trafen sie Annemarie S. an und entdeckten das leblose Kind. Die Mutter wurde daraufhin sofort festgenommen. Der Verdacht, dass Klara mit einem Kissen erstickt wurde, wird offiziell nicht kommentiert. Aus "ermittlungstaktischen Gründen" würden dazu keine Angaben gemacht, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Scherding. Das Kind wurde jedoch bereits obduziert. Aufgrund der Ergebnisse waren die Ermittler schon früh von einem Tötungsdelikt ausgegangen.

Der Fall in Erkner ist für die Ermittler schwierig. Denn Annemarie S. soll unter psychischen Problemen leiden. Deshalb ordnete ein Richter an, dass die 20-Jährige zunächst in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden soll. Bislang konnte sie noch immer nicht vernommen werden. Gerüchte, nach denen sie drogenabhängig gewesen sein soll, wollten Ermittler nicht bestätigen. Auch ob sie suizidale Absichten gehabt haben könnte, ist noch nicht geklärt. Am Montag waren erneut Kriminalbeamte in Erkner und suchten in der Wohnung von Annemarie S. nach Hinweisen.

Noch kein Haftbefehl

Annemarie S. soll aus Norddeutschland stammen. Sie war nicht berufstätig und lebte nicht mit dem Vater ihres Kindes zusammen. Nach Erkner ist sie erst im vergangenen November gezogen. Nachbarn berichten, dass sie die Mutter und ihr Kind lediglich einige Male gesehen hätten. Klara sei jedoch sehr lebhaft gewesen und habe häufig nicht auf ihre Mutter gehört, sagten Anwohner. Vor kurzem soll ein neuer Freund in die Eineinhalb-Zimmer-Wohnung gezogen sein. Welche Rolle er spielt, ist noch ungewiss. Gegen den Mann wird jedoch nicht ermittelt. Er soll sich zum fraglichen Zeitpunkt am Sonnabendmittag gar nicht in der Wohnung aufgehalten haben.

Wie es nun mit Annemarie S. weitergeht, ist noch ungewiss. Erst einmal versuchen die Ermittler, sie zu vernehmen. Ob ein Haftbefehl erlassen wird, sei derzeit noch offen, sagte Staatsanwaltssprecher Scherding. Nun würden zunächst Zeugen aus der Nachbarschaft und dem familiären Umfeld der Beschuldigten befragt, so der Sprecher weiter.