Slubice

"Die Vergangenheit ist ein Tabuthema"

Der polnische Jurist Roland Semik erklärt Einwohnern und Besuchern die deutsche Seite von Slubice - und stößt auf Vorbehalte

Wer als Tourist oder Schnäppchenjäger über die Frankfurter Stadtbrücke ins polnische Slubice kommt, ahnt meist nichts von der wechselvollen Geschichte der Grenzstadt. Kaum noch etwas deutet heute darauf hin, dass der Ort bis 1945 Frankfurts deutsche Dammvorstadt östlich der Oder war. Das soll sich noch in diesem Frühjahr ändern: Ein zweisprachiger historischer Lehrpfad durch Slubice wird aufgebaut.

An 25 markanten Stellen wird es Infotafeln geben, auf denen nachzulesen ist, was sich dort zu deutschen Zeiten befand. So erfährt der Besucher gleich hinter der Stadtbrücke, dass die Fußgängermeile Ulica Jednosci Robotniczej - heute wegen der vielen Tabakgeschäfte auch Zigarettenstraße genannt - bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Friedrichstraße hieß, benannt nach dem deutschen Kaiser Friedrich III.

Polen kamen 1945 nach Slubice

Wer dem Lehrpfad folgt, wird die unscheinbaren Fassaden der Häuser entlang des Oderdammes bald mit anderen Augen betrachten. Der polnische Jurist Roland Semik erzählt, dass dort die reichen Frankfurter lebten, Industrielle und Kaufleute. "Die prachtvollen Balkone und Stuckverzierungen sind nach 1945 allerdings abgeschlagen worden", sagt er. Semik ist gemeinsam mit dem Frankfurter Regionalhistoriker Eckard Reiß Initiator dieser geschichtlichen Aufklärung.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn der 28-Jährige ist ein Zugereister. Er stammt aus Radom nahe Warschau. 2003 begann er an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina mit seinem Jura-Studium. Wie viele seiner Kommilitonen interessierte er sich zunächst nicht sonderlich für den Studienort. "Studenten leben hier wie in einer Enklave, bleiben unter sich", meint er fast entschuldigend. Erst die Liebe änderte Semiks Einstellung. Vor fast fünf Jahren lernte er die Slubicerin Katarzyna Malczewska kennen. Sie erzählte ihm viel über ihre Heimat, deren Geschichte erst 1945 begann, als Polen aus den ehemaligen Ostgebieten an die Oder zwangsumgesiedelt wurden.

In der Nähe der Wohnung seiner Freundin gab es eine Baustelle. Dort kamen Zeugnisse der deutschen Geschichte Slubices unverhofft zum Vorschein: Porzellanscherben, Münzen aus dem 18. Jahrhundert, Flaschenverschlüsse, eine Gasmaske, Erkennungsmarken von einem deutschen Artillerieregiment aus dem I. Weltkrieg. Die Freundin wohnte in einem 1910 erbauten Haus. Auch dort zeigten sich beim Renovieren Spuren einstigerdeutscher Bewohner - Geld, Zeitungen, Zigarettenpäckchen. "Ich wurde neugierig, suchte nach deutschen Quellen, da Slubice nicht einmal ein Heimatmuseum hat", beschreibt der Jurist die Anfänge seines Hobbys, das mittlerweile den größten Teil seiner Freizeit beansprucht.

Die Geschichte sei in der polnischen Grenzstadt ein Tabuthema, vor allem die Zeit vor dem Kriegsende, sagt Semik. "Es gibt auch nur ein Buch über Slubices Historie der Nachkriegszeit, allerdings nur auf polnisch." Die zwangsweise angesiedelten Neu-Bewohner hätten keine Verbindung zu der leeren Stadt gehabt, die kurz zuvor noch von Deutschen bewohnt worden war. Außerdem hätten sie gehofft, nur übergangsweise dort leben zu müssen und irgendwann in die eigentliche Heimat zurückkehren zu können. Dieses Desinteresse hielte bis heute an. Grund genug für Semik, genauer nachzuforschen, Ausstellungen mit alten deutschen Postkarten zu organisieren und sich als bilingualer Stadtführer zu engagieren.

Der Frankfurter Historische Verein und das Viadrina-Institut für angewandte Geschichte wurden für den 28-Jährigen zu wichtigen Ansprechpartnern, das Frankfurter Stadtarchiv zum bevorzugten Studienort. "Ich finde es reizvoll, mich mit Themen zu beschäftigen, über die kaum jemand etwas weiß", sagt er. Zudem würden die Slubicer einem Polen eher zuhören, als einem Deutschen. Er habe inzwischen viele Kontakte zu Interessierten der Nachkriegs-Generation. Die älteren Slubicer hätten hingegen Vorbehalte, befürchteten, dass die Deutschen irgendwann zurückkehren und die ehemalige Dammvorstadt wieder in Besitz nehmen könnten.

Ein besonderes Interesse hat Semik am ehemaligen Frankfurter Friedhof, der 1814 eröffnet wurde und sich unweit des größten polnischen Grenzmarktes am südlichen Stadtende von Slubice befindet. In den 1980-er Jahren wurden viele Grabplatten zerstört und aus der Friedhofsmauer gerissen. "Das waren keine Vandalen. Es geschah vielmehr auf Geheiß der Slubicer Stadtverwaltung", sagt Semik. Er fand heraus, dass viele Grabsteine in der Oder landeten. Fischer erzählten ihm, dass man sie bei Niedrigwasser auf dem Grund des Grenzflusses liegen sieht. "Auf dem kommunalen Friedhof herrscht Platzmangel, deswegen werden derzeit die deutschen Gräberfelder beseitigt", sagt Semik. Er findet das durchaus legitim, fordert aber, dass dies mit Respekt für die dort liegenden Toten geschehen müsse.

Friedhofsgedenkstätte für Deutsche

Das geschichtsträchtige Areal sei mit schweren Baumaschinen begradigt worden, dabei seien Gebeine ans Tageslicht gekommen und unbeachtet liegen geblieben. Er habe sich an die Stadtverwaltung, die Polizei und die Öffentlichkeit gewandt und einen pietätvolleren Umgang mit der Vergangenheit eingefordert, sagt Semik.

Inzwischen sind die Gebeine geborgen und in einem Gemeinschaftsgrab neu begraben, die letzten Reste alter Grabplatten eingesammelt. An einem Ende der alten Friedhofsmauer steht ein neues Granitkreuz - eine zentrale Gedenkstätte für die deutschen Toten. "Ich habe etwas erreicht, ein kleines Stück Umdenken", sagt Semik. Sein Traum sei jedoch ein deutsch-polnisches Regionalmuseum für den Ort. Einiges an Ausstellungsstücken aus der deutschen Geschichte habe er ja bereits gesammelt. Doch es gebe noch mehr Schätze aus der Vergangenheit. Viele Slubicer hätten sogar wertvolle Dokumente aus deutschen Zeiten gefunden. "Sie sprechen aber nicht darüber, aus Angst, dass man sie ihnen wegnimmt."