Countdown Flughafen: Noch 52 Tage

Das Generalshotel ist bald Geschichte

Denkmal mit Arbeiten des Künstlers Fritz Kühn soll dem neuen Regierungsflughafen weichen. Der Bund zahlt eine Million Euro für den Abriss

- Sie spricht ruhig und bestimmt, dennoch ist sie fassungslos. "Es ist eine unglaublich große Kulturlosigkeit", sagt Helgard Kühn. Die 67 Jahre alte Nachlassverwalterin und Schwiegertochter von Fritz Kühn (1910-1967) meint den Umgang mit dem Erbe des weltweit bedeutenden Metallbildhauers. Ein Teil davon - so Kühns Arbeiten für das 1996 als Denkmal deklarierte "Generalshotel" bei Schönefeld - sollen dem geplanten Regierungsflughafen weichen. Das größtenteils gut und original erhaltene Gebäude aus dem Jahr 1949 soll nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) "voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahres" abgerissen werden. Damit verschwinden nicht nur die von Kühn eigens für dieses Haus entworfenen kunsthandwerklichen Arbeiten wie Treppengeländer, kunstvolle Heizungsgitter oder geschwungene Leuchten.

Der Abriss zerstört auch eines der letzten bauhistorischen Zeugnisse der Besatzungszeit durch die Sowjetunion. Für deren Generäle und Staatsgäste wurde der fast schon neoklassizistische und prunkvoll ausgestattete Bau des Architekten Gerhard Hell zunächst errichtet.

"Es gibt nur ganz wenige architektonische Zeugnisse aus der Besatzungszeit wie das Generalshotel", bestätigt Andreas Butter, ein Experte für die Architektur der sowjetischen Besatzungszone und der DDR von 1945 bis 1951. Butter hat darüber an der Technischen Universität Berlin promoviert. "Sicher, es handelt sich hier nicht um ein Bauwerk der Moderne, sondern eher um konservative Repräsentationsarchitektur. Dennoch ist es nicht nachvollziehbar, dass dieser noch so gut erhaltene Bau abgerissen wird", sagt Butter. Der Kunsthistoriker versteht nicht, warum das Generalshotel nicht in die neuen Pläne für den Regierungsflughafen integriert werden konnte. Bei der Bima in Bonn heißt es auf Nachfrage, dass der Verbleib des Gebäudes mit den Betriebsabläufen des Regierungsflughafens nicht vereinbar sei.

Kulturerbe aus DDR-Zeiten

Es bleibt also dabei: Laut der 20. Änderung des Planfeststellungsbeschlusses zum Ausbau des neuen Großflughafens vom 15. September 2011 ist der Abriss beschlossene Sache. Das Vorhaben trage dem besonderen öffentlichen Verkehrsinteresse zur Sicherung der Funktion Berlins als Regierungssitz und Bundeshauptstadt Rechnung - so wird der Abriss im Bürokratendeutsch des Infrastrukturministeriums begründet. Und: Die Beseitigung des Gebäudes sei "denkmalrechtlich erlaubnisfähig". Dabei geht es im Falle des Generalshotels nicht nur um ein Denkmal, sondern auch um den Umgang mit Kulturerbe aus dem Osten.

Das gesamte Werk des Künstlers Fritz Kühn wurde 1983 zum geschützten Kulturgut der DDR erklärt und als nationales Kulturerbe anerkannt. Artikel 35 des Einigungsvertrages verpflichtet die Bundesrepublik Deutschland dazu, dafür Sorge zu tragen, dass die kulturelle Substanz im Ostteil Berlins und in den neuen Bundesländern keinen Schaden nehme. Folglich müsste es, wie Helgard Kühn sagt, "neben dem Urheberschutz unter zusätzlichem Schutz stehen und mit dem Gebäude erhalten bleiben". Denn, so Helgard Kühn, "das ist baugebundene Kunst, die Treppe beispielsweise wurde ja genau für dieses Haus entworfen, die kann man nicht einfach ausbauen und irgendwo hinstellen." Sie sei besonders verwundert, dass die maßgebliche Beteiligung Kühns an dem Bauwerk den Denkmalschützern zunächst nicht einmal bekannt war. In dem Denkmal-Gutachten vom 21. Februar 1996, das der Berliner Morgenpost vorliegt, werden zwar die "bemerkenswerten Ausstattungsdetails" im Foyer sowie auch in anderen Bereichen des überaus repräsentativen Bauwerks von 1949 explizit gewürdigt. Der Künstler Fritz Kühn wird jedoch mit keinem Wort erwähnt. So ist denn auch im Planfeststellungsbeschluss zu lesen, "dass die künstlerische Herkunft der Arbeiten (...) zum Zeitpunkt der Unterschutzstellung des Denkmals nicht bekannt" war.

Dokumentation wird erstellt

1,1 Millionen Euro hat die Bima für den Abriss des Bauwerks, die Bergung wertvoller Bauteile und die denkmalpflegerische Dokumentation veranschlagt. Letztere soll unter anderem mit einem Kurzfilm für eine interaktive Computernutzung aufgearbeitet werden. Realisiert wird das im Rahmen eines Forschungsprojektes des Zentrums für zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam.

Helgard Kühn hofft indes weiter, dass der Abriss verhindert werden kann. Die Schwiegertochter des Metallbildhauers hat sich bereits an "unendlich viele Behörden gewendet". In einem dicken Aktenordner sind all die Briefe abgeheftet, die sie seit Bekanntwerden der Abrisspläne geschrieben hat. An den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, an Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), an das Brandenburger Kulturministerium und auch an den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Bernd Neumann (CDU). "Der hat nicht mal geantwortet, ebenso wie das Kulturministerium und die Luftfahrtbehörde ", beklagt Helgard Kühn.

Doch sie gibt sich nicht geschlagen. "Ich gebe noch nicht auf", sagt Kühn. Als letzte Alternative betrachtet sie eine Umsetzung des Gebäudes, wie es schon einmal am Potsdamer Platz in der Mitte Berlins praktiziert worden ist: Da wurde der historische Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade in das Sony Center integriert. "Bislang hat niemand nachhaltig begründet, warum das nicht gehen soll. Die technischen Möglichkeiten dafür gibt es", betont Helgard Kühn. Für den Flughafen würden schließlich Riesensummen ausgegeben. "Da kann es doch nicht sein, dass dieses erhaltenswerte Gebäude geschliffen wird und nicht mal fest steht, wohin Kühns Kunst kommen soll."