Pilotprojekt

Hundert Lehrer für die Integration

Nach Sommerferien startet ein Pilotprojekt in Brandenburg. Behinderte Kinder besuchen dann andere Einrichtungen

- Rot-Rot setzt einen neuen Schwerpunkt in der Bildungspolitik. Ziel bis zum Herbst 2014 ist die "Schule für alle". Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) sagte am Mittwoch in Potsdam: "Ich will bis dahin alle Regelschulen im Land in die Lage versetzen, künftig alle Schülerinnen und Schüler aufzunehmen und sie bestmöglich zu fördern." Die Ministerin hat mit viel Widerstand zu kämpfen. Die bisherigen Förderschulen kämpfen um ihre Existenz. Außerdem fürchten viele Eltern von Kindern, die besonders gefördert werden müssen, dass diese an Regelschulen künftig zu kurz kommen könnten.

Zum neuen Schuljahr will das brandenburgische Bildungsministerium das Pilotprojekt "Inklusive Grundschule" starten, kündigte Münch an. Es gebe derzeit schon 80 Bewerbungen öffentlicher und auch freier Schulen. Teilnehmen sollen etwa 70 Schulen. Für die neuen Aufgaben würden 100 zusätzliche Lehrer eingestellt, sagte Münch. Ab 2015 sollen dann alle Grundschulen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichten.

Brandenburg zählt auf diesem Gebiet nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung bundesweit schon jetzt zu den Vorreitern. Die Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder (Oberhavel) erhielt kürzlich den Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule, der vom Behinderten-Beauftragten der Bundesregierung, der deutschen Unesco-Kommission sowie der Bertelsmann- und der Sinn-Stiftung bundesweit an vier Schulen vergeben wurde. Die Hildebrandt-Schule ist eine integrativ-kooperative Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, an der 683 Schüler von der siebten Klasse an unterrichtet werden. 81 von ihnen haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Sie werden an der Ganztagsschule gemeinsam mit den nicht behinderten Schülern unterrichtet.

Die seit Anfang 2009 für Deutschland verbindliche UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen fordert nach Möglichkeit inklusive Bildung für alle Kinder. In Deutschland bleibt das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf jedoch bisher die Ausnahme, ergab die Bertelsmann-Studie.

Änderungen im Studium

Um die Lehrer auf die Anforderungen einzustellen, werde derzeit an der Novelle des Lehrerbildungsgesetzes gearbeitet, kündigte Brandenburgs Bildungsministerin an. Im Juli 2013 soll es in Kraft treten. Ziel sei, schon im Studium Kompetenzen für den gemeinsamen Unterricht zu erwerben. Dazu werde eine 60-stündige Fortbildungsreihe eingeführt.

Im kommenden Schuljahr will Brandenburg insgesamt 600 neue Lehrer einstellen. Dazu startet das Land demnächst eine weitere Werbekampagne. "Unser Bundesland ist attraktiv für den Lehrernachwuchs weil hier noch verbeamtet wird", sagte Münch. Bis zum 2014 werden 2000 Lehrerstellen neu vergeben. Die neuen Kollegen ersetzen allerdings nur diejenigen, die bis dahin ausscheiden, wie Münch jetzt auch einräumte. An den etwa 1000 Schulen sind derzeit etwa 21.250 Lehrer beschäftigt.

In das kommenden Jahren will Brandenburg die Qualität der Bildung weiter verbessern. Im Doppelhaushalt 2013/2014 seien zusätzliche 30 Millionen Euro für Bildungsausgaben vorgesehen, sagte Ministerin Münch. "Dafür müssen wir in anderen Ressorts sparen", sagte die Ministerin mit Blick auf die Konsolidierungsbemühungen der rot-roten Regierung. Wichtig für eine gute Bildung sei auch die frühkindliche Förderung in den Kindertagesstätten. Die Sprachförderung in den Kindertagesstätten werde weiter ausgebaut, die Einrichtungen würden künftig von 28 Sprachberatern betreut. Dafür stünden in Brandenburg jährlich 1,4 Millionen Euro bereit. Obgleich wünschenswert, sei eine weitere Verbesserung des Betreuungsschlüssels in den Kitas aus finanziellen Gründen nicht möglich, sagte die Ministerin.

Eine Herausforderung über die Legislaturperiode hinaus stellt laut Münch der weitere demografische Wandel dar. "Wir müssen noch einmal grundsätzlich über die Organisation unserer Schulen nachdenken", sagte die SPD-Politikerin - ohne Details zu nennen. Aufgrund weiterer geburtenschwachen Jahrgänge sei ab 2017 mit einem erneuten deutlichen Rückgang der Schülerzahlen zu rechnen - und zwar vor allem im ländlichen Raum. Im Speckgürtel um Berlin hingegen werde sich das Problem nicht stellen. "Dort platzen die Schulen aus allen Nähten", so Münch.

Um Strategien für zehn bis zwölf Jahre zu entwickeln, soll im Herbst eine Demografie-Kommission eingesetzt werden. Das Gremium werde Modelle für eine Schulstruktur entwickeln. In fünf Jahren sei damit zu rechnen, dass in Brandenburg wieder verstärkt Schulen geschlossen werden müssen. Eine Schließungswelle, wie es sie ab Mitte der 90er-Jahre gab, sei aber nicht zu befürchten, versicherte die Ministerin.

Kritik von der Opposition

Die Opposition im Landtag übte heftige Kritik an der derzeitigen Bildungspolitik. "Ohne Skrupel verschweigt SPD-Ministerin Münch, was noch zur Bilanz der rot-roten Landesregierung in der brandenburgischen Bildungspolitik dazu gehört: Es gibt weniger Geld, weniger Lehrer, weniger Unterricht", sagte der CDU-Bildungsexperte Gordon Hoffmann. Als Grundstein für einen erfolgreichen Bildungsweg müsste die personelle Ausstattung in den Kindertagesstätten durch einen Stufenplan verbessert werden, forderte FDP-Fraktionschef Andreas Büttner. Beim Thema gemeinsames Lernen sei das Ziel zwar gesteckt, Finanzierung und Konzept bleiben dürftig, kommentierte die bildungspolitische Sprecherin der Bündnisgrünen, Marie Luise von Halem, die jüngsten Pläne.