Extremismus

Neonazis rekrutieren Nachwuchs mit Kampfsport

Verfassungsschutz: Szene wächst in Brandenburg. Und die Militanz nimmt zu

- "Sorge bereitet auch deren zunehmende Militanz", sagte Innenminister Dietmar Woidke (SPD) am Donnerstag in Potsdam. Ansätze zu einem zweiten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Brandenburg sieht der Verfassungsschutz aber nicht. Die Experten veranschlagen das aktive rechtsextremistische Spektrum auf landesweit 1150 Personen. Die NPD fällt dabei mit noch 350 Mitgliedern zahlenmäßig hinter die "Freien Kräfte" und weitere unorganisierte, gewaltbereite Neonazis wie etwa Skinheads deutlich zurück.

"Kühnen-Bewegung" als Vorbild

Die größte der derzeit acht Neonazi-Gruppen findet sich im Süden Brandenburgs in den Landkreisen Elbe-Elster und Spree-Neiße. Sie nennt sich Neonationalsozialistisches Netzwerk "Widerstand Südbrandenburg". Ihr Schwerpunkt: die Niederlausitz mit Lübben und Lübbenau. Vorbild sei die "Kühnen-Bewegung" des 1991 gestorbenen Neonationalsozialisten Michael Kühnen. Für ihre Propaganda nutze das Netzwerk inzwischen überwiegend das Internet, sagte Woidke.

Die deutliche Zunahme an freien Kräften kann auch mit dem Verbot von rechtsextremen Kameradschaften zu tun haben. Für ein Verbot müssen vereinsähnliche Strukturen nachgewiesen werden, zudem muss sich die Vereinigung gegen die verfassungsmäßige Ordnung richten. Viele Kameradschaften lösen sich nach Hausdurchsuchungen von selbst auf und ziehen sich aus der Szene zurück. Einige von ihnen orientierten sich aber als freie Kräfte neu. Dann wird es schwieriger, für die Behörden einzugreifen.

Zuletzt hat das Innenministerium im April vorigen Jahres die neonationalsozialistische Vereinigung "Freie Kräfte Teltow-Fläming" untersagt. Dies war möglich geworden, weil diese wie eine Kameradschaft auftrat. Die Neonazis haben vor allem Jugendliche im Blick. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der rechtsextremistischen "Hass-Bands" um zwei auf 24 erneut gestiegen. Nur in Sachsen soll es inzwischen mehr solcher Musikgruppen als in Brandenburg geben. Doch inzwischen bildete sich laut Verfassungsschutz ein neues, rechtsextremistisches Kampfsportmilieu heraus. Die gefährliche Entwicklung spielt erstmals in einem Verfassungsschutzbericht eine Rolle. Der Kampfsport - vor allem Kickboxen und "Free-Fight" - gewinne für die Rekrutierung und den Zusammenhalt der Gruppen an Bedeutung, sagte Brandenburgs Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. "Kickboxen und Free Fight sind im rechtsextremistischen Lager zunehmend gefragt." Die in diesen Sportarten vermittelte Disziplin und Kampfbereitschaft seien für Rechtsextremisten "zentrale Eckpfeiler in ihrer rückwärtsgewandten Weltsicht".

Laut Verfassungsschutzchefin ist in der Szene die Bereitschaft zur gewalttätigen Konfrontation mit Linksextremisten und teilweise auch mit der Polizei gestiegen. Gewalttätige Neonationalisten orientierten sich dabei am ideologisch motivierten, brutalen Straßenkampf der politischen Schlägertruppe der "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei" (NSDAP) - der damaligen "Sturmabteilung" (SA). Mit der aggressiv-kämpferischen Haltung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gehe eine offene Zurschaustellung rechtsextremistischer Kampfsport-Aktivitäten einher.

"Fight-Nights", die seit einigen Jahren deutschlandweit stattfinden, seien sehr beliebte und gut besuchte Events. Viele Besucher hätten mit Rechtsextremismus nichts zu tun. Die Szene versuche aber, die Veranstaltungen als Plattform zu nutzen. Als Beispiel nannte Verfassungsschutz-Chefin Schreiber den Kickboxer Markus Walzuck. Er habe bei einem Kampf im südbrandenburgischen Lauchhammer "ungeniert öffentlichkeitswirksam rechtsextremistische Symbolik zur Schau gestellt. Rechtsextremisten ließen sich also öffentlich als Kampfsportler feiern, so Schreiber. Die Eröffnungsrede eines Kampfes gleiche einer Kampfansage an den demokratischen Rechtsstaat.

Zudem verdienen die Neonazis Geld mit dem Kampfsport. Neben Ein- und Antrittsgeldern bei Turnieren kassieren sie auch für bedruckte Shirts oder Videos von inszenierten Kämpfen. Gestiegen sei auch das Interesse am herkömmlichen Kampfsporttraining, auch im Fitnessstudio. Bislang bewegte sich die rechtsextreme Kampfsportszene vorwiegend im Dunkeln. Die Akteure trafen sich in abgeschotteten Garagen. "Nunmehr werden die Garagentore geöffnet", heißt es im Verfassungsschutzbericht, der dieser neuen Entwicklung zehn Seiten widmet.

Kampfsport-Aktivitäten von Rechtsextremisten seien vor allem im Süden Brandenburgs zu beobachten. Vor zwei Jahren wurde die rechtsextremistische Kampfsportvereinigung "Northsidecrew" in Lübben gegründet. Ihr gehören bis zu zwölf Neonationalsozialisten aus der Region an, so der Verfassungsschutz. Einige von ihnen arbeiten im Türstehergewerbe und haben Verbindungen zu Cottbuser Fußball-Hooligans. Auf Kampfsport-Aktivitäten setze auch das neonationalsozialistische Netzwerk "Widerstand Südbrandenburg". Es organisiere sogenannte "Nationale Kampfsportturniere".

Gewaltbereite Autonome in Städten

Im Linksextremismus ist das Potenzial um 45 auf 570 Personen weiter gesunken. Der Verfassungsschutz zählte weniger gewaltbereite Autonome - mit 250 Personen sind es 50 weniger als noch im Vorjahr. In Brandenburg sind autonome Gruppen vor allem in den größeren Städten wie Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus aktiv. Sie haben durchschnittlich 15 Mitglieder.

Trotz der gestiegenen Anforderungen für den Verfassungsschutz will Innenminister Woidke am geplanten Personalabbau beim Verfassungsschutz festhalten. Bis zum Jahr 2014 sollen rund 20 von derzeit 109 Stellen wegfallen. Dies kritisieren vor allem die oppositionelle CDU und die FDP. "Der Verfassungsschutz-Bericht 2011 verdeutlicht die Gefahren für Gesundheit und Leben, die auch weiterhin von gewaltbereiten Rechts- und Linksextremisten ausgehen", sagte der innenpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Peter Goetz.

Das Lob des Innenministers für die Präventionsarbeit des Verfassungsschutzes bei gleichzeitiger Stellenreduzierung bleibe ein "plumpes Lippenbekenntnis aus der politischen Textbausteinkiste", kritisierte der CDU-Experte Björn Lakenmacher. Auch die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Ursula Nonnemacher, sieht keinerlei Grund zur Entwarnung im Kampf gegen den Rechtsextremismus.