Countdown Flughafen: Noch 70 Tage

10.000 Demonstranten im Marsch auf Schönefeld

Christian Reif ist mit Fahrrad und selbstgebautem Lautsprecher zum Flughafen nach Schönefeld gekommen. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt aus der Box auf seinem Gepäckträger. "80 Dezibel", ruft der Zeuthener gegen den selbst produzierten Lärm an.

"Daran wird sich Wowereit gewöhnen müssen, wir geben nicht auf", so der Mittfünfziger. 70 Tage vor der Eröffnung demonstrieren Fluglärmgegner am Sonnabend zum zehnten Mal am künftigen Großflughafen BER in Schönefeld. Ihre Forderung: Ein striktes Nachtflugverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr. Es soll die letzte Großdemonstration vor der Eröffnung sein, kündigt Matthias Schubert vom Aktionsbündnis für ein lebenswertes Berlin-Brandenburg (ABB) an. Doch der Kampf werde auch nach dem BER-Start am 3. Juni weitergehen.

Nach den Angaben des Bündnisses sind es rund 10.000 Teilnehmer, die die Hauptzufahrtstraße zum Flughafen, die Bundesstraße B 96a, an diesem Nachmittag blockieren. Unabhängige Beobachter sprechen von knapp 7000. Die Demo in Schönefeld ist Teil eines bundesweiten Aktionstages gegen Fluglärm, bei dem an diesem Sonnabend an den sechs größten deutschen Flughäfen gegen die wachsende Lärmbelastung demonstriert wird.

In Schönefeld führt der Protestmarsch direkt vor das alte Flughafenterminal an der B 96a. "Alle Flugzeuge, die jetzt landen, werden euch sehen", heizt von der Bühne Rockmusikerin Lise Reznicek den Demonstranten ein, die jubelnd ihre Protestplakate in die Höhe recken. "Fluglärm macht krank!" und "Keine Flugrouten über dem Müggelsee!" steht darauf geschrieben.

Taxifahrer und Passagiere, die mit dem Auto zum und vom Flughafen abreisen wollen, beobachten das Treiben auf der Straße. Nicht alle haben für die Aktion Verständnis, manche machen ihrem Ummut genervt mit Hupen Luft.

Während der Abschlusskundgebung soll eine Telefonkonferenz zwischen den Fluglärmgegnern an den Airports in Schönefeld, Frankfurt/Main, Köln, Düsseldorf, Leipzig und München geschaltet werden. Und auf einmal ist es minutenlang still, selbst Flugzeuge sind nicht zu hören. "Köln hat ein technisches Problem", entschuldigt der Redner auf der Bühne. Umso größer der Applaus, als aus den Lautsprechern das Trillerpfeifenkonzert aus der Rheinmetropole erklingt. "Nur gemeinsam sind wir stark, wir müssen für ein Nachtflugverbot an allen deutschen Flughäfen kämpfen", appelliert Christine Dorn vom VUV, vom Verein zur Förderung der Umweltverträglichkeit des Verkehrs, an die Demonstranten, sich in die Unterschriftenlisten einzutragen. "90.000 haben wir schon gesammelt und an den Petitionsausschuss des Bundestags geschickt", sagt sie. Fluglärm sei längst kein lokales Problem mehr, sondern ein flächendeckendes . Die Deutsche Herzstiftung unterstützt die Fluglärmgegner in ihrer Forderung nach einem strikten Nachtflugverbot. Es gebe ausreichend wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Fluglärmbelastung krank mache. Ein deutlicher Anstieg bei Herz-Kreislauf- sowie psychischen Erkrankungen sei im Umfeld von Flughäfen zu beobachten. "Bei jedem Neubau und jeder Erweiterung eines Flughafens müssen Gesundheitsaspekte ein ganz neues Gewicht bekommen", fordert Michael Wichert von der Deutschen Herzstiftung.

Das Aktionsbündnis ABB wirft der Flughafengesellschaft vor, bewusst über die möglichen Auswirkungen des Flugbetriebs hinweggetäuscht zu haben. Sprecher Matthias Schubert kritisiert die Weigerung beider Landesregierungen, ein striktes Nachtflugverbot durchzusetzen.

Juristisch ist der geplante Flugbetrieb am BER jedoch gesichert, das zuständige Bundesverwaltungsgericht hat den Flugbetrieb in den sogenannten Nachtrandzeiten genehmigt. Zwischen 22 und 24 Uhr sowie zwischen fünf und sechs Uhr dürfen demnach maximal 103 Flüge am BER starten oder landen, in einer durchschnittlichen Nacht sollen es 77 sein dürfen. Dieses Kontingent wird jedoch vorerst nicht ausgeschöpft. Im Durchschnitt 40 Flugbewegungen sieht der Sommerflugplan 2012 am BER für jede Nacht vor.

Klagen und Protest

Das ist vielen Fluglärmgegnern noch zu viel. Mit Klagen, einem Volksbegehren und weiteren Protestaktionen wollen sie auch nach der Eröffnung des Großflughafens am 3. Juni weiterkämpfen. So haben die Kommunen Kleinmachnow und Stahnsdorf in der vergangenen Woche zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und drei Privatpersonen Klage gegen das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung erhoben. Die Kläger lehnten die Wannsee-Route im Südwesten Berlins aus Lärmschutz- und Umweltschutzgründen ab. Im Mai startet zudem ein Volksbegehren für die Einführung eines Nachtflugverbots. Für die erste Stufe müssen dazu in Berlin 170.000 Unterschriften gesammelt werden, in Brandenburg 80.000.

Und auch die Protestaktionen sollen weitergehen. Jeden Montagabend werden nach der Eröffnung des BER 500 bis 1000 Demonstranten in der Abflughalle protestieren, kündigt ABB-Sprecher Matthias Schubert an. Am Tag der Inbetriebnahme sei zudem eine 20 Kilometer lange Menschenkette am BER geplant.

Weitere Informationen, Bilder, Videos und interaktive Grafiken zum Flughafen BER im Internet unter: morgenpost.de/flughafen