Medizin

Husein auf dem Weg in ein neues Leben

Husein muss nicht lange überlegen. Was nach der Operation das Schönste für ihn sei? "Fußballspielen", sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. Es klappt tatsächlich: Der Ball hüpft immer wieder gegen die Wand des Flurs der Neuroorthopädie der Oberlinklinik in Potsdam-Babelsberg, und Huseins Herz hüpft vermutlich mit.

Als der Neunjährige im September zum ersten Mal zur Untersuchung nach Potsdam kam, konnte er mit seinem rechten Fuß nicht auftreten und zog sein Bein nach. Ärzte der Oberlinklinik und des Klinikums Ernst-von-Bergmann haben dem Jungen aus Afghanistan durch eine Operation ein besseres Leben geschenkt. Husein hat - vermutlich als Zweijähriger - so starke Verbrennungen erlitten, dass sein rechter Fuß stark deformiert wurde. "Ich musste meistens liegen", erzählt Husein.

Komplizierter fünfstündiger Eingriff

Der Fuß hatte sich durch die ausgefallenen Muskeln und die starke Narbenbildung beim Wachstum um 160 Grad nach hinten verdreht. So etwas sehen die Ärzte in Deutschland nur selten. Der im Bergmann-Klinik für Plastische Chirurgie zuständige Chefarzt Mojtaba Ghods sagt: "Bei uns wird in solchen Fällen früher operiert." Zusammen mit den Oberlinklinik-Chefärzten Gert Pietsch, Neuroorthopädie, und Robert Krause, Extremitäten- und Kinderorthopädie, bildete Ghods ein Team. "Es war für uns alle eine Herausforderung, die sehr schwere Fußfehlform von Husein zu behandeln", sagt Chefarzt Pietsch. Die rund fünfstündige Operation in der Oberlinklinik sei sehr aufwendig gewesen, da "wir unbedingt eine Amputation des rechten Fußes verhindern wollten". Aus dem Oberschenkel wurden Haut und Gewebe entnommen und in den Fuß verpflanzt. "Nach der OP kam es wegen Wundheilungsstörungen zu erheblichen Verzögerungen", berichtet Pietsch. "Doch nun scheint alles gut zu klappen."

Seit einigen Tagen übt Husein das Gehen - mit einem eigens von einer Potsdamer Firma für ihn kostenlos angefertigten Spezialschuh. Fast ein Jahr ist er nun in Deutschland. Mit acht Jahren war er mit der Hilfsorganisation Friedensdorf International nach Oberhausen in Nordrhein-Westfalen gekommen. Dort lebt er zusammen mit anderen Kindern aus krisengeschüttelten Ländern.

Bei der Suche nach Hilfe für Husein stießen die Betreuer auf die Ärzte in Potsdam. Die beiden Krankenhäuser haben in solchen Fällen schon mehrmals kopiert. Auch dieses Mal wurden die Behandlungskosten von den beiden Kliniken übernommen. Das Operations- und Anästhesie-Team führte die Hautoperation an einem ansonsten freien Sonnabend durch. Über die Höhe der Kosten wollen die Ärzte keine Auskunft geben.

Woher die Verletzung Huseins stammt, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich sei ein Unfall in der häuslichen Küche. Huseins Vater soll auch Verbrennungen erlitten haben. Husein stammt aus einer Großfamilie in einem Dorf in der Provinz Balkh. Für die Familien in den armen, ländlichen Gegenden ist ein Kind mit einer Behinderung ein großes Problem. Denn die Eltern erwarten von ihren Kindern, dass sie später für sie sorgen. Husein, so sagen die Ärzte, wird mit seinem operierten Fuß viel mehr machen können als vorher.

Seit einigen Tagen übt Husein sogar das Fahrradfahren - mit einem Spezialfahrrad. Er ist ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, sagen Ärzte und Schwestern. Was machst Du denn jetzt, was vorher nicht ging, wird er gefragt. "Ich kann alles machen", sagt Husein. In dem einen Jahr hat er schon recht gut Deutsch gelernt.

Sehnsucht nach Mama

Womöglich wird Husein schon am heutigen Mittwoch ins Friedensdorf nach Oberhausen zurückfahren. Dort sind im Schnitt 300 Kinder untergebracht. Die Hälfte etwa wird derzeit in Kliniken behandelt, sagt Christian Heisig, Projektleiter beim Friedensdorf International. Wann Husein seine Heimat zurückfliegt, stehe noch nicht genau fest. Sicher sei aber: "Spätestes im Sommer wird er wieder daheim sein." Jemand will von Husein wissen, was denn das Schönste daran sein wird. Die Antwort kommt, ohne zu zögern: "Da hab ich Mama wieder."