Countdown Flughafen: Noch 82 Tage

Erst 1200 Häuser haben Lärmschutz

"Ich hör jetzt nichts mehr, da kann man prima schlafen", sagt Hellmut Schust und weist auf das Schlafzimmer schräg gegenüber. Der Raum ist frisch renoviert, das Fenster darin nagelneu. Eingebaut erst Mitte vergangener Woche.

Und nicht mehr hören muss Hellmut Schust vor allem die Autos, die beinahe ohne Unterlass unter seinem Schlafzimmerfenster vorbeirollen. "Dabei ist das noch gar nichts", sagt der 75-Jährige. "Was denken Sie, was im Sommer los ist, wenn die alle ihre Motorräder wieder rausholen", fügt er hinzu.

Das Rentner-Ehepaar Schust wohnt im Schönefelder Ortsteil Waltersdorf (Dahme-Spreewald). Über die Straße vor dem Haus fließt der Verkehr zur Autobahn und zu den großen Möbelhäusern gleich am Ortsrand. Doch die vier neuen Fenster, die den Lärm draußen halten sollen, haben die Schusts einem anderen Nachbarn, dem Flughafen Schönefeld, zu verdanken. Denn wenn am 3. Juni der Hauptstadt-Airport BER in Betrieb geht, wird auch die neue Start-und-Lande-Bahn im Süden des Terminals für den Flugverkehr freigegeben. Dann werden über das Haus der Familie Schust im Minutenabstand die Jets donnern.

Um die Beeinträchtigungen für die Anwohner zumindest zu begrenzen, hatte die Flughafengesellschaft mit der Baugenehmigung auch zahlreiche Lärmschutzauflagen erteilt bekommen. Mehr als 25.000 Eigentümer haben Anspruch auf baulichen Lärmschutz und finanzielle Entschädigung, weil sie zum Beispiel nicht mehr ungestört auf der Hausveranda sitzen können. Doch bei gerade einmal 1200 Häusern sind bislang tatsächlich neue schallisolierende Fenster oder Frischluft spendende Lüfter eingebaut worden. Die meisten Schönefeld-Anwohner werden zur BER-Eröffnung wohl ohne Lärmschutz dastehen.

Flughafenchef Rainer Schwarz macht eine andere Rechnung auf. Er verweist darauf, dass erst rund 16.000 Hauseigentümer einen Bedarf an Schallschutz angemeldet haben, das sind also gerade zwei Drittel derjenigen, die einen rechtlichen Anspruch haben. 13.550 Eigentümer hätten rechtzeitig und vollständig die Unterlagen eingereicht. 97,5 Prozent von ihnen haben von der Flughafengesellschaft bereits eine Kostenerstattungsvereinbarung erhalten. Die noch ausstehenden 325 Eigentümer sollen ihre Vereinbarung in den nächsten Wochen erhalten. "Juristisch ist das Lärmschutzprogramm rechtzeitig vor Eröffnung des BER abgearbeitet", sagt Schwarz.

Allerdings: Erst 4000 Haubesitzer haben der Kostenerstattungsvereinbarung zugestimmt und eine Handwerksfirma mit den Bauarbeiten beauftragt. Die Ursachen für die Zurückhaltung der Anwohner sind laut Schwarz "ganz unterschiedlich". Einen ganz erheblichen Grund dürfte die Flughafengesellschaft aber selbst geliefert haben. Denn zwischen ihr und einem nicht kleinen Teil der betroffenen Hauseigentümer gibt es unterschiedliche Auffassungen über das sogenannte Lärmschutzziel, also die konkrete Vorgabe für die Spezialisten, die die Schallschutzmaßnahmen im jeweils betroffenen Haus berechnen. Während viele Anwohner davon ausgehen, dass tagsüber in Wohnräumen der Lärmpegel nicht höher als 55 Dezibel sein darf, hält die Flughafengesellschaft bis zu sechs Mal am Tag eine Überschreitung des Grenzwertes für zulässig. Was auf den ersten Blick wie eine Haarspalterei unter Gutachtern aussieht, ist tatsächlich ein Streit, bei dem es um sehr viel Geld geht. Das Problem: Gerade in den Ortschaften in unmittelbarer Flughafennähe ist die Einhaltung einer Lärmobergrenze nur mit gigantischem Aufwand oder technisch gar nicht erreichbar. In einem solchen Fall könnte eine Regelung aus der Baugenehmigung zur Anwendung kommen, wonach die Hauseigentümer eine Entschädigung von 30 Prozent des Verkehrswertes ihrer Immobilien erhalten müssen. Laut Rechtsanwalt Frank Boermann, der zahlreiche Flughafen-Anwohner juristisch vertritt, könnten bei etwa 5000 bis 6000 Häusern die Lärmschutzmaßnahmen nicht ausreichen. Der Eigentümer eines 200.000 Euro teuren Hauses hätte demnach einen Entschädigungsanspruch von 60.000 Euro.

Das wäre ein Vielfaches der Summe, die die Flughafengesellschaft derzeit für den Einbau von Schallschutzfenstern und sogenannten Außenentschädigungen ausgibt. Nach Angaben der Flughafengesellschaft entstehen durchschnittlich Kosten von etwa 12.000 Euro pro Eigentümer. Nach Schätzung von Anwohneranwalt Boermann könnten bei der Anwendung schärferer Lärmschutzvorgaben auf die Flughafengesellschaft Mehrkosten von bis zu 200 Millionen Euro zu den bislang eingeplanten 140 Millionen Euro zukommen.

Eine schwierige Entscheidung

Mit den bisher versandten Kostenübernahmen liegt der Flughafen dagegen bestens im Limit. Gerade einmal 40 Millionen Euro seien bislang für Lärmschutzmaßnahmen in den Wohnhäusern der Anwohner, aber auch in besonders schutzwürdigen Einrichtungen wie Kitas und Seniorenheimen tatsächlich ausgegeben worden. Damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen, will Flughafenchef Schwarz im Potsdamer Infrastrukturministerium einen Klarstellungsantrag stellen, der die bisherige praktizierte Berechnung von Lärmschutz und Entschädigungen bestätigt. Die Landesregierung steht dann vor einer schwierigen Entscheidung. Geht sie auf den Wunsch der Flughafenbetreiber ein, werden ihr die Anwohner und die Opposition im Landtag Wortbruch vorwerfen. Lehnt sie das Ansinnen der Flughafengesellschaft ab, könnten auf das Land als Miteigentümer erhebliche Mehrkosten zukommen.