Countdown Flughafen: Noch 91 Tage

Großalarm in Schönefeld - Ein Flughafen probt den Notfall

Erst ein kurzer Feuerschein, dann steigt dichter, beißender Rauch auf. Über die Landebahn irren Menschen, hinkend und blutüberströmt. Schmerzensschreie sind zu hören, manchmal auch nur noch ein Wimmern. Im Tower einige hundert Meter entfernt schrillen die Alarmglocken: Ein Flugzeug brennt.

Was für jeden Passagier und jeden Airport-Mitarbeiter eine Horrorvorstellung ist, sollte am Sonnabend in Schönefeld fast Realität werden - aber nur zu Übungszwecken. Statt eines Flugzeugs stehen zwei Busse im Qualm auf der Landebahn, die Passagiere sind Freiwillige, die ihre Verletzungen nur spielen - wenngleich oft beängstigend realitätsnah. Doch alle anderen Akteure sind echt: Feuerwehrleute, Notärzte, Sanitäter, Rettungsflieger und Polizisten. Auf der neuen südlichen Start- und Landebahn läuft die erste große Sicherheitsübung am neuen Hauptstadt-Airport BER. "Auch wenn schwere Unfälle inzwischen etwas ganz Seltenes sind, so müssen wir uns dennoch auf eine solche Situation gut vorbereiten", sagt BER-Sicherheitsmanager Christian Leininger.

Das Szenario am Sonnabend: Ein aus Moskau kommender Airbus A320 mit 100 Menschen an Bord setzt bei schlechtem Wetter bei der Landung zu hart auf, Reifen platzen und das rechte Fahrwerk bricht. Die Maschine schlägt dadurch mit dem rechten Triebwerk auf, rutscht über die Piste und fängt an zu brennen.

Nur drei Minuten nach dem Alarm ist die Flughafen-Feuerwehr vor Ort. Da kann sie gleich mal eines ihrer Prunkstücke, den Panther, vorführen: Panther, so heißt das fast eine Million Euro teure Löschfahrzeug, das mit einer langen, beweglichen Wasserkanone in Sekundenschnelle den Brand löschen kann. Doch nun kommt erst der eigentliche Hauptteil der Übung: Sechs Tote müssen geborgen, 88 zum Teil schwer Verletzte medizinisch versorgt werden. Das kann die Flughafen-Feuerwehr nicht allein. Hilfe wird herbeigerufen, aus den umliegenden Gemeinden und Landkreisen sowie aus Berlin. Nach einer halben Stunde sind rund 500 Einsatzkräfte mit mehr als 100 Fahrzeugen am Unfallort. Schließlich landen auch noch drei Rettungshubschrauber, zwei aus Brandenburg und einer aus Berlin.

"Hauptzweck der Übung ist zu sehen, wie die Alarmierung der ganz unterschiedlichen Rettungskräfte läuft und wie das Zusammenwirken am Ort der Havarie funktioniert", sagt Leininger. Das sieht für den Beobachter am Rand des Geschehens zunächst alles andere als planvoll aus: Wild schreiende Passagiere werden von den Sanitätern zunächst gar nicht beachtet. Statt zu helfen, riegeln Polizisten erst einmal das Gelände ab. Das habe durchaus Sinn, erklärt ein Sprecher der Flughafen-Feuerwehr. Es gehe zuerst darum, einen Überblick zu gewinnen, wie viele Tote und Verletzte es gibt. Letztere sollen auch nicht nach dem Prinzip "Wer am lautesten schreit, bekommt Hilfe" gleich am Ort versorgt werden, sondern allesamt aus der Gefahrenzone herausgeholt werden. Damit unverletzte, aber traumatisierte Passagiere nicht in Panik verschwinden, wird der gesamte Unfallort eben als erstes abgesperrt.

Nach und nach kommt Ordnung in das Chaos. Die Unverletzten werden mit Bussen weggefahren, die schweren Fälle kommen in zwei eilig aufgebaute Zelte, in denen Notärzte sie begutachten und entscheiden, was zu tun ist. "In aller Regel wird versucht, alle Unfallopfer möglichst in entsprechend vorbereitete Krankenhäuser zu transportieren", sagt Notfallmanager Leininger. Ein leitender Notarzt legt die Prioritäten fest. Kleinere Operationen noch am Unfallort seien im Prinzip möglich, jedoch die Ausnahme.

Knapp zwei Stunden nach Beginn der Übung zeigt sich Sicherheitsmanager Leininger mit dem Verlauf "im Großen und Ganzen zufrieden". Es habe kleinere Probleme etwa in der Alarmierung und der Koordination der Kräfte gegeben, sagt er. "Unfallopfer" berichten indes, dass sie lange am Boden liegend auf Hilfe warten mussten. "Erst nach einer halben Stunde kümmerte sich dann ein Sanitäter um mich", sagt etwa Petra Bold, die laut Unfallszenario Rippenfrakturen und eine Kopfverletzung erlitt. Offenbar ein wenig schwerer Fall, denn auch nach gut einer Stunde wartete sie noch auf den Abtransport ins Krankenhaus.

Flughafensprecher Leif Erichsen sieht in solchen Berichten kein Problem. "Es ist ja gerade der Sinn von Probeläufen, Schwachstellen rechtzeitig zu entdecken und Lehren daraus zu ziehen."

Weitere Informationen, Bilder, Videos und interaktive Grafiken zum Flughafen BER unter: morgenpost.de/flughafen