Uckermark

Sexualmord nach mehr als 20 Jahren aufgeklärt

Im Frühjahr 1991 erschütterte der Mord an der 15 Jahre alten Schülerin Andrea Steffen die Uckermark. Das Verbrechen konnte jahrelang nicht aufgeklärt werden, deshalb fand im März vergangenen Jahres der größte Massenspeicheltest in der Landesgeschichte statt.

Zwar ergaben die Proben keinen Treffer, dennoch konnte der Sexualmord zumindest indirekt aufgeklärt werden. Das teilte die Staatsanwaltschaft Neuruppin am Freitag mit. Ein 64-jähriger Mann aus der Uckermark habe zugegeben, das Mädchen vergewaltigt und getötet zu haben, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher am Freitag in Eberswalde (Landkreis Barnim).

Der Täter war Schafscherer

Eine Anklage oder eine Festnahme des Täters wird es dennoch nicht geben: Der Täter hat sich am 2. Dezember 2011 - mehr als 20 Jahre nach dem Mord - vor einen Schnellzug geworfen und wurde dabei getötet. In einem Abschiedsbrief hat der zu diesem Zeitpunkt 64-Jährige "die Tat an einer Tramperin" zugegeben, wie die Polizei mitteilte. Das Schreiben war nach dem Suizid des 64-Jährigen nahe der Bahnstrecke Berlin-Bernau in dessen Auto gefunden worden. Handschriftenvergleiche ergaben zweifelsfrei, dass der Brief von dem 64-Jährigen verfasst wurde. Die Untersuchung des Schreibens durch einen Psychologen hat darüber hinaus ergeben, dass es sich um das glaubhafte Geständnis einer geistig nicht beeinträchtigen Person handelt.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich bei dem Sexualmörder, der sich selbst richtete, um den 1949 geborenen Günther G., der zur Tatzeit als selbstständiger Schafscherer gearbeitet hatte.

Spaziergänger hatten am 19. Mai 1991 den nackten Leichnam der Schülerin in einem Waldgebiet östlich von Warnitz (Uckermark) in der Nähe der Autobahn A 11 entdeckt. Fünf Tage zuvor war die 15-Jährige in einem Jugendheim im mehr als 90 Kilometer entfernten Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) zuletzt lebend gesehen worden. An diesem Tag war das Mädchen aus dem Heim ausgerissen und in unbekannter Richtung unterwegs - vermutlich als Tramperin. Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Andrea Steffen Opfer einer brutalen Sexualattacke geworden war. Als Todesursache stellten Gerichtmediziner eine "massive Gewalteinwirkung gegen den Hals" fest.

Mehr als 19 Jahre lang ergab sich keine heiße Spur im Zuge der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Um den Täter möglicherweise doch noch überführen zu können, entschloss sich das Landeskriminalamt dazu, im März und April vergangenen Jahres einen Massenspeicheltest in der Uckermark durchzuführen. Grund dafür war eine in der Berliner Charité gewonnene DNA-Spur. Mehr als 2200 Männer aus der Region und anderen Bundesländern wurden schriftlich aufgefordert, an einem Speicheltest teilzunehmen. Rund 100 Personen, die dem Test mit verschiedenen Begründungen ferngeblieben waren, erhielten im Oktober eine erneute Aufforderung.

Mit Wattestäbchen wurden den Männern Speichelproben entnommen. Die Hoffnungen der Mordkommission, den Sexualmörder über die Proben zu finden, zerschlugen sich aber. Die Reihenuntersuchungen ergaben keinen Treffer.

Polizei vergleicht Handschriften

Stattdessen brachte der Selbstmord des Mannes die Ermittler auf die richtige Spur. "Mit den Angaben aus dem Abschiedsbrief, die wir überprüft haben, konnten wir den Fall jetzt abschließend aufklären", bestätigte der Chefermittler der Eberswalder Mordkommission, Axel Hetke. In dem Abschiedsbrief soll G. einen sexuellen Übergriff, aber nicht die Tötung des Mädchens selbst eingeräumt haben. Den Tod der 15-Jährigen könne er sich eigentlich nicht erklären, heißt es in dem Brief. Nach der Bewertung des Schreibens, in dem Günther G. auch darum bat, seine Familie vor der Presse zu schützen, ergab sich für die Polizei der Verdacht, dass G. im Mai 1991 Andrea Steffen getötet hat.

Neben dem sicheren Handschriftenvergleich und der passenden Blutgruppe ergaben sich weitere Indizien. G. hatte den Ort Günterberg bei Greiffenberg in seinem Brief als Tatort genannt. G. war in der Nähe geboren und aufgewachsen und verfügte, wie eine Fallanalyse ergeben hatte, dort über sehr gute Ortskenntnisse. Auch Bodenproben vom Tatort ergaben eine vollständige Übereinstimmung mit Bodenspuren an der Leiche. Zudem waren an der Leiche blaue Farbpartikel gefunden worden, die damals in der Autoindustrie Verwendung fanden. Der Beschuldigte fuhr zur Tatzeit einen hellblauen Wartburg.

Ebenso als Indiz gewertet wurde die Tatsache, dass G. einen Monat nach der Tat seine gut bezahlte Tätigkeit - offenbar grundlos - aufgegeben hatte. Die Mordkommission vermutet zudem, dass ein "emotional gehaltener" Fernsehbericht über den Mordfall G. zum Entschluss der Selbsttötung gebracht haben könnte. Die Sendung war zwei Tage zuvor im RBB ausgestrahlt worden.

"Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", zitierte der Leitende Oberstaatsanwalt Schnittcher am Freitag aus dem Brief des Täters. Für ein 15-jähriges Mädchen traf dies 1991 auch zu - doch für die Schülerin bedeutete das den Tod.