Prozess

Vater gesteht Mord an Töchtern

Richter Frank Thiemann fragt es nicht. Vielleicht will er sich die Antwort ersparen. Vielleicht will er auch nur testen, ob der Angeklagte von allein von dieser grauenvollen Situation erzählt: Wie er sich in sein geparktes Auto setzt, in der Hand eine Tasche mit zwei Fünf-Liter-Benzinkanistern. Wie er die Türen verriegelt, das Benzin auf dem Wagenboden verteilt. Und wie er es in Brand setzt. Auf der Rückbank sitzen die beiden Töchter des Täters.

Später werden ihre verkohlten Leichen gefunden. Aber der Richter will nicht wissen, ob sie noch reagieren konnten. Kein Wort über die Kinder.

Es ist der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen den Dänen Peter-Thue R. Der 40-Jährige hatte schon zu Prozessauftakt ein umfassendes Geständnis angekündigt. Und er gibt eine Woche später dann auch alles zu. Merkwürdig teilnahmslos, als sei er mit Tabletten ruhig gestellt. Eine Dolmetscherin übersetzt. Sehr ruhig, seine Monotonie übernehmend. Das verstärkt den Eindruck, dieser Mann habe keine Gefühle.

Gescheiterte Ehe

Es ist die Geschichte einer gescheiterten Beziehung. Peter-Thue R. weiß offenbar bis heute nicht, warum sich seine zwei Jahre jüngere Frau Christina 2009 plötzlich von ihm trennte. "Uns ging es gut", sagt er. "Wir hatten beide Arbeit" - sie in einer Grundschule, er als Landwirtschaftslehrer in einem Internat. "Wir konnten uns zwei Autos leisten, eins war neu", fügt er hinzu, "und wir hatten zwei süße, gut geratene Kinder." Aber dann habe Christina, mit der er seit September 2000 verheiratet war, die Scheidung gewollt. Und für ihn sei alles zusammengebrochen. Am Ende habe er seine Arbeit verloren. Sein Hof sollte zwangsversteigert werden. Von dem neuen Mann der Ex-Frau fühlte er sich gedemütigt, weil er sich in die Erziehung der Kinder einmischte. Und die dänische Staatsverwaltung - vergleichbar mit dem deutschen Jugendamt - sprach seiner Frau die Töchter zu. "Ich war verzweifelt, sah keinen Ausweg mehr", sagt Peter-Thue R.

Im August vergangenen Jahres, in Dänemark waren Sommerferien, durfte er mit den Töchtern einen Kurzurlaub verbringen. Sie fuhren zu einer Skihalle in der Lüneburger Heide. "Es war ein schöner Tag", erinnert er sich. Er habe diese gemeinsame Zeit mit der zehnjährigen Marlene Marie und der ein Jahr jüngeren Line Sofie verlängern wollen und sei mit ihnen weiter in Richtung Berlin gefahren. Marlene Marie klagte über Reiseübelkeit und Magenschmerzen. Er habe aber nur eine Schlaftablette dabei gehabt und sie dem Kind gegeben. Und als Line Sofie ebenfalls eine Pille wollte, habe auch sie eine bekommen. Er sei unruhig gewesen, sagt Peter-Thue R., habe mehrfach den Kurs gewechselt. "Und irgendwann, auf dem Weg zwischen Hamburg und Berlin, ist mir dann die Idee gekommen: Wir könnten doch alle sterben."

In einem Waldstück an der Autobahn 24 bei Börnicke (Havelland) parkte er den Wagen. Peter-Thue R. berichtet detailliert, dass seine Kreditkarte am Tankautomaten einmal nicht funktioniert hatte und er seitdem stets Reservebenzin im Kofferraum dabei hatte. Er erzählt von seinem Feuerzeug, von der Verpuffung, von den lodernden Flammen, von seiner Flucht, bei der er die an den Kindersitzen festgeschnallten Töchter zurückließ: "Mein Instinkt hat mich aus dem Auto raus getrieben." Er schildert, wie er fassungslos vor dem "großen Flammenmeer" gestanden und "geweint und geschrien" habe. Und er erwähnt mehrfach die schmerzhaften Brandwunden an seinen Händen und zwei weitere Suizidversuche. Beide unmittelbar nach dem Brand. Erst wollte er sich angeblich ein Messer in den Hals rammen, das er zuvor aus dem verkohlten Wagen holte - "das konnte ich dann aber doch nicht". Dann will er erwogen haben, sich auf der Autobahn vor einen Lkw zu werfen - "das ging auch nicht, der Fahrer hätte mir leid getan". Von den Töchtern, die im Auto verbrannten, erzählt er nichts. Das war bei der Polizei noch anders. Dort soll er ausgesagt haben, dass sie trotz des Schlafmittels sehr wohl wach wurden und qualvoll schrien.

Erlogene Geschichte bei der Polizei

Er sei anschließend ziellos umhergeirrt, sagt Peter-Thue R. Angeblich immer noch in Panik. Aber immer noch klar genug, um später bei der Polizei zu erzählen, dass sein Wagen explodiert sei. Einfach so. Ein schrecklicher Unfall. Schicksal eben.

Die Kripobeamten waren von Anfang an skeptisch und stellten den Unfall mit einem baugleichen Fahrzeug nach. Als Gerichtsmediziner in den Leichen Spuren von Schlafmittel fanden, wurde aus dem Zeugen Peter-Thue R. ein Beschuldigter.

Rechtsanwalt Mathias Schöneburg, der die Mutter der getöteten Mädchen als Nebenkläger vertritt, glaubt nicht an einen missglückten Suizidversuch des Angeklagten. "Ich gehe davon aus, dass er die Morde schon länger geplant hat", sagt der renommierte Anwalt. "Aus rein egoistischen Motiven, weil er der Mutter die Kinder nicht gegönnt hat."