Landwirtschaft

Wenn der Koch vom Fleische wählt

Mit einem tiefen Dröhnen springt der Motor des Treckers an, gleitet sanft in ein Tuckern über. "Kann's losgehen?", ruft Pete durch das offene Fenster nach hinten. "Jo", ruft Thomas, der auf dem Anhänger hinter dem Mann mit dem karierten Kopftuch sitzt. Sofort setzen sich die Reifen von Trecker "BAR-CX 623" in Bewegung, das breite Profil wühlt sich vorwärts, hinterlässt tiefe Spuren im Schlamm.

Vorbei an Viola, Siggi und Vicky, den drei Eseln rechts auf der Wiese neben dem Feldweg, geht es Richtung Mutterkuhherde. Und da stehen sie, schwarz, rot, beige und zottelig, groß und klein, mit breiten Gesichtern und langen Hörnern schauen die Rindtiere dem Trecker entgegen. "So, meine Damen, jetzt gibt's Futter", ruft Pete und springt aus dem Fahrerhäuschen. Gleichzeitig steigt Thomas vom Anhängerwagen.

"Joana - jetzt gibt's Futter"

Drei bis vier Mal im Jahr fährt Sternekoch Thomas Kammeier aus dem "Hugos" im Intercontinental Hotel am Tiergarten raus nach Brandenburg. Um zu sehen, wie es den Highland Cattles in Melchow geht. Vom Melchhof, auf dem sie stehen, bezieht er Fleisch. Das Fleisch der schottischen Hochlandrinder, denen er nun auf der Weide gegenübersteht.

"Malalusina, Tijuana, Joana, Erna - kooommt", ruft Pete Lemke und schwenkt einen Eimer mit Hafer in der Hand. "Heja, hopp", ruft er, läuft um die Herde herum, schnippst immer wieder mit den Fingern. "Los, hopp, heja, hopp!" Ein Teil der Herde setzt sich in Bewegung, Kälber springen übermütig neben ihren Müttern in die Höhe. Der Rest schaut zu, schiebt sich nur einen Teil der Strecke bis zum eingezäunten Bereich neben dem Eingangsgatter mit nach vorn. "Die Kleinen sehen noch so süß aus", sagt Thomas Kammeier, "so stupsige Gesichter haben die."

Rund 100 Highland Cattles, 50 Schafe und drei Esel wachsen momentan auf dem Melchhof zwischen Bernau und Eberswalde heran. Ein Vierseithof mit Gärtnerei, Viehzucht und Hofladen, in dem das bio-zertifizierte Fleisch neben der Direktvermarktung per Lieferservice verkauft wird. Pete Lemke, Halbschotte, hat den ehemaligen LPG-Betrieb 1991 übernommen. Mit seiner Frau kümmert er sich um die Zucht der robusten Hausrindrasse, die aus dem Nordwesten Schottlands stammt. Mit acht Tieren legten sie 2006 los, seit vier Jahren werden sie von Studienfreund Ulrich Müller-Albring unterstützt. Der in Berlin 1986 die "Fritz!-Box"-Firma "AVM Computersysteme Vertriebs GmbH" mit gründete - und mit dem gemeinsamen Hof mit den Lemkes die Verbindung zum Land hält. Über Ulrich Müller-Albring entstand der Kontakt zu Sternekoch Thomas Kammeier. "Er ist Stammgast bei mir - und erzählte mir von den Cattles", sagt Thomas Kammeier. Daraufhin habe er sich den Hof angesehen, das Fleisch probiert und sei überzeugt gewesen. "Die Qualität spricht für sich, da kann ich hundert Prozent hinterstehen."

Der Sternekoch springt zurück auf den Anhänger. Pete startet den Trecker, es geht weiter zur Bullenherde. Durch einen kleinen Wald, vorbei an Ackerland und Obstbäumen, lenkt Pete Lemke die Maschine über den Feldweg zum nächsten Weidetor. Auf der fünf Minuten von der Mutterkuhherde entfernten Wiese stehen rund 20 Bullen, vier davon drängen sich am Futterstand. Einer ist wesentlich größer, ein Stahlring zieht sich durch seine Nase. "Das ist der Chef", sagt Thomas Kammeier und steigt vom Wagen. "Angus, unser Zuchtbulle", sagt Pete Lemke.

Der Viehbestand auf dem Melchhof hat sich innerhalb von sechs Jahren verzehnfacht. Damit können die Lemkes gerade so die laufenden Kosten des Betriebs decken. 3000 Euro bringt ein ausgewachsenes Tier, aus 600 bis 700 Kilogramm Lebendgewicht kommen 200 Kilogramm Fleisch für den Verkauf. Pro Monat kann Pete Lemke nur zwei seiner Rinder schlachten. Das Fleisch braucht Zeit zum Reifen, 30 Monate werden die Tiere alt, bevor sie sterben. Und mehr Tiere kann Pete Lemke auf dem 130 Hektar großen Areal nicht halten. "Die Herde ist am Limit", sagt der 53-Jährige.

Thomas Kammeier zeigt auf ein Cattle, das hinter Zuchtbulle Angus grast. "Guck mal, der kleine Mokel", sagt er. "Unser Kandidat für Herbst", sagt Pete Lemke. Dann schweigen beide Männer. "Unser Angus ist auch durch, wir müssen ihn dieses Jahr verkaufen", sagt Pete Lemke, "oder selber essen."

Wenn er seine Tiere zum Schlachthof fährt, ist der Züchter bis zum Bolzenschuss dabei. "Natürlich ist da Wehmut bei", sagt er. "Aber das gehört nun mal zur Landwirtschaft dazu." Um seinen Tieren ein noch stressfreieres Sterben zu ermöglichen, würde er sie gern direkt auf der Weide töten lassen. Wie es Sonja Moor, die Frau von Moderator Dieter Moor, bei ihren Wasserbüffeln in Werneuchen-Hirschfelde praktiziert.

Für Sternekoch Thomas Kammeier ist es wichtig, zu wissen, woher sein Fleisch kommt. Und als Mensch, dass es gut gelebt hat. Gern würde er den Lemkes noch mehr Fleisch abnehmen. Für sein Restaurant kann er die Mengen nur für besondere Veranstaltungen, 30 Personen-Feste, wo es dann Tafelspitz und Roastbeef vom Highland Cattle gibt, nehmen. Oder es privat verwenden. "Am liebsten die Rouladen - mit Senf bestreichen und braten", sagt Thomas Kammeier. Möglichst zwei Mal im Jahr reist er mit seiner Familie zum Hoffest der Lemkes. Um Frau und Tochter zu zeigen, dass gutes Fleisch direkt aus der Umgebung kommen kann.