Doktorarbeit

Ihr Baby ist die Wissenschaft

Der Kaffeeautomat zischt. Die Registrierkasse spuckt ratternd einen Rechnungsstreifen aus. Immer wieder pochen Fingerspitzen aufs Tresenglas, deuten auf Käsebrötchen oder Streuselkuchen. Geräusche, die Susanne Mildner längst auszublenden gelernt hat.

Mit Handy, Laptop, einem Stapel Unterlagen und einer Tasse heißer Schokolade hat sie sich an einem der Tische direkt neben das Brotregal gesetzt. Die 31-Jährige hat die Zehlendorfer Bäckereifiliale in der Königstraße zu ihrem Arbeitsplatz gemacht. Weder Verkaufskraft noch Kunde können ahnen, dass die zierliche Frau zur wissenschaftlichen Elite der Potsdamer Universität zählt.

Erst vor gut einem Monat hat die Stadt Potsdam die Literaturwissenschaftlerin mit dem mit 5000 Euro dotierten Nachwuchswissenschaftspreis der Stadt Potsdam ausgezeichnet. Weil ihre Doktorarbeit "L'amour à la Werther: Liebeskonzeptionen bei Villers, de Stael, Stendhal und Goethe - Blickwechsel auf einen deutsch-französischen Mythos" ein bislang ungenügend erforschtes Phänomen untersucht. Das der Liebeskonzeptionen von deutschen und französischen Schriftstellern um das Jahr 1800. Und weil sie dafür ein Studium zwischen zwei Städten auf sich genommen hat.

Um Unterstützung gekämpft

Susanne Mildner hat gleichzeitig in Potsdam und an der Sorbonne in Paris promoviert. "Summa cum laude" urteilten die sechs französischen und deutschen Professoren einstimmig. Um den Vertrag, der die Dissertationsbedingungen regelt, habe sie ein Jahr ringen müssen. In Potsdam wie Paris sei sie dabei auf jede Menge Bürokraten gestoßen. "Erstaunlicherweise sind die Franzosen noch größere Paragrafenreiter als die Deutschen", sagt Susanne Mildner. Viel habe das festgelegte Vertragswerk jedoch nicht genutzt. "Meine Arbeit sollte ich beispielsweise komplett in Deutsch verteidigen. Drei Wochen vor dem Termin bestand die Sorbonne plötzlich auf Französisch", sagt Susanne Mildner. Hart kämpfen musste sie auch um finanzielle Unterstützung, lange suchte sie nach Förderern.

Das Wintersemester in Potsdam, das Sommersemester in Paris: Studiengebühren, Miete und Zugfahrkarten kosteten viel Geld. Mit drei Nebenjobs half sie sich anfangs. Von der Deutsch-Französischen Hochschule bekam sie 3500 Euro. "Zumindest war damit meine grenzüberschreitende Mobilität gewährleistet", sagt Susanne Mildner. Auch die fehlende Kontinuität an einem Ort sei schwierig gewesen. "Wegen der wenigen Monate in Paris oder Potsdam konnte ich nirgends als wissenschaftliche Mitarbeiterin jobben, entsprechende Doktorandenkollegien fehlten schlichtweg. Ein Austausch fiel flach." Bereut hat sie ihre Entscheidung trotzdem nicht. "Ich brenne für mein Thema, war von Anfang an mit dem Herzen dabei. Das hat mich entschädigt. Und diese interkulturellen Erfahrungen kann mir keiner nehmen", sagt die 31-Jährige.

Auch nicht ihre Französisch-Kenntnisse. Die Fremdsprache beherrscht sie inzwischen fast perfekt. Anders als 2007, als sie nach einigen wenigen Sprachkursen an der Volkshochschule das Unternehmen "Doppelpromotion" in Angriff nahm. "Man muss eben auf sich selbst hören - trotz aller Widerstände. Auch das hat mich diese Zeit gelehrt."

Inzwischen arbeitet Susanne Mildner freiberuflich als Pressesprecherin. Für ein Unternehmen, dass sich mit Internetsicherheit beschäftigt und für eins, dass sich der Stammzellenforschung widmet. Dafür baut sie ihr mobiles Büro in der Bäckerei in Zehlendorf auf. Weil sie so in der Nähe ihrer Tochter Zoe sein kann. Sie wird von einer Tagesmutter in Zehlendorf betreut, während Susanne Mildner arbeitet.

Eine schöne Überraschung

Dass der Schwangerschaftstest wenige Wochen vor der Verteidigung ihrer Arbeit positiv ausfiel, war eine Überraschung für Susanne Mildner. Aber eine schöne. "Ich litt zwar während der Prüfung ständig unter Übelkeit. Aber immerhin symbolisiert meine Tochter die Vollendung meiner Arbeit. Zoe ist das Ergebnis einer französisch-deutschen Koproduktion", sagt die 31-Jährige. Susanne Mildners Lebensgefährte Julien ist Franzose. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland. "Mittags und nachmittags schaue ich bei der Tagesmutter direkt in der Nachbarschaft vorbei, um meine Tochter zu stillen", sagt Susanne Mildner. Mehrfach am Tag zwischen ihrer Schöneberger Wohnung und der Betreuung in Zehlendorf zu pendeln, kann sich die junge Mutter weder zeitlich noch finanziell leisten. Das kostet zu viel Benzin. "Doch diese Flexibilität, das ist ein Vorzug meiner freiberuflichen Tätigkeit", sagt Susanne Mildner.