Quappen

726 Kilometer für einen seltenen Fisch

An Marxdorf kommt man nicht zufällig vorbei. Wer hierher reist, tut das gezielt und mit fester Absicht. Denn der 1244 als "Marckwerßdorff " erstmals urkundlich erwähnte 175-Einwohner-Ort in Brandenburg liegt nicht einfach am Wege.

So manches Navigationsgerät hat da bereits kläglich versagt. Das Sackgassendorf findet sich drei Kilometer nördlich der Bundesstraße 1 kurz vor Seelow, verrät eine entsprechend detaillierte Landkarte.

Wer nach Marxdorf kommt, will entweder in die Likörfabrik, zu Imker Theis, in den Skulpturenpark von Metall-Künstler Schmock oder zum Essen in "Schechert's Hof". Das Gasthaus auf dem umgebauten alten Bauernhof ist inzwischen unter Kennern beliebt und längst kein Geheimtipp mehr, wie die notwendigen telefonischen Anmeldungen zumindest für die Wochenenden belegen. Das liegt an der Atmosphäre, die Gastwirt Wolfgang Schalow verbreitet, vor allem aber an den hervorragenden Fischgerichten, die es bei dem gelernten Elektromeister gibt.

Ein winziger Gastraum

So mancher, der den winzigen Gastraum mit den vier rustikalen Holztischen vor dem Verkaufstresen mit Frisch- und Räucherfisch betritt, mag angesichts der Schlichtheit zunächst enttäuscht sein. Den 68-jährigen Gastgeber ficht das nicht an. "Das ist kein Massenbetrieb und es ist nicht piekfein. Es handelt sich ja schließlich um einen alten Hof." 1703 erbaut und seit 1853 im Familienbesitz. Die Speisekarte ist nicht allzu lang, die Auswahl überschaubar. Doch den Gästen schmeckt der frisch zubereitete oder geräucherte Fisch in allen Variationen, sodass sie immer wiederkommen, wie Schalow mit einer gewissen Verblüffung feststellt.

In der warmen Jahreszeit ist mehr Platz, sitzen die Gäste auf dem großen Hof unter schattigen Bäumen mit Blick auf die weite Landschaft. Da hat Schalow neben den drei Räucheröfen auch seinen Holzbackofen in Betrieb, aus dem es sogar ab und zu Braten oder Kassler gibt. Das war es dann aber auch schon mit den Fleischgerichten. "Schechert's Hof " sei Bratwurst-freie Zone, betont der Gastwirt. Auf den Grill komme kein Steak, sondern Lachs. "Wer zu mir kommt, will Fisch essen", ist er überzeugt. Er will den Gästen die kulinarischen Vorzüge der Oderregion schmackhaft machen. Auch in der kalten Jahreszeit. Derzeit präsentiert Schalow eine delikate Winter-Rarität für Feinschmecker. Denn in diesen Wochen wandert ein schmackhafter Speisefisch aus der Familie der Dorsche zum Laichen die Oder entlang: die Quappe. Aufgrund des wohlschmeckenden, grätenarmen Fleisches wird der ansonsten in Deutschland kaum noch vorkommende Raubfisch bei Fischliebhabern geschätzt. In den vergangenen Jahren hat Schalow für Quappen schon so erfolgreich geworben, dass er in der kalten Jahreszeit praktischerweise nur ein Gericht auf der Karte anzubieten bräuchte: gebratenes Quappenfilet auf Wintergemüse wie Wirsing, Kohlrabi, Rosen- und Spitzkohl, serviert mit Bratkartoffeln.

Die "schwimmenden Leoparden", wie die Fische aufgrund ihres fleckigen Schuppenmusters auch genannt werden, zu angeln ist eine Herausforderung, der sich von Dezember bis Februar viele Petrijünger an der Oder stellen.

Quappen sind nachtaktiv und vorsichtig. Bei Eisgang kommt man gar nicht an sie heran. In "Schechert's Hof " steht sie dennoch durchgehend auf der Speisekarte. Schalow bezieht die Rarität aufgrund seiner Oderculinarium-Kontakte aus Polen. "Ich bekomme sie fangfrisch und küchenfertig filetiert täglich von einem polnischen Fischer an der Warthe", verrät er. Der Nebenfluss der Oder ist ruhiger und nicht so vereist, Angler haben deshalb hier am ehesten Angelglück.

Die Quappe hat Schalows Umsatzkurve stabilisiert, sagt der Gastronom. Früher ging das Geschäft erst zu Ostern los. Jetzt ist der Gasthof auch in der kalten Jahreszeit gut besucht. Die Quappe lockt Feinschmecker sogar aus dem Ausland in die Marxdorfer Winter-Idylle, wie das Gästebuch verrät. "Ich habe Stammgäste aus Dänemark, Holland und Polen", berichtet der Gastwirt voller Stolz. Die, die beispielsweise aus Amsterdam den Weg nach Marxdorf finden, legen also 726 Kilometer zurück, um bei Schalow Fisch zu essen. Wer sich die Oder-Spezialität selbst zubereiten möchte, kann den Fisch bei Schalow auch roh kaufen. "Man kann die Quappe braten, kochen räuchern, dünsten." Am besten schmecke sie allerdings mit Zitrone mariniert und mit einer Prise Pfeffer sowie Salz gebraten.

Kein Baum, kein Strauch

Der gebürtige Berliner kann sich noch gut an die Anfänge in Marxdorf erinnern. Das war 1994, als er gemeinsam mit seiner Frau den rückübertragenen Hof übernahm, den sie als Siebenjährige 1953 mit der Familie verlassen hatte. "Hier stand kein Baum, kein Strauch", sagt er. "Die LPG-Schäferei hatte nur Dreck und Müll hinterlassen." Nach und nach hätten sie beide den Hof entrümpelt und ihn zu dem gemacht, was er heute ist. Ohne Fördermittel oder Kredite, wie Schalow betont, der damals noch eine Elektrofirma in Berlin hatte. Schon vor Jahren hat Schalow seinen Beruf an den Nagel gehängt, um sich seinem Hobby, der Fischräucherei, zu widmen. Das A und O dabei sei, dass die Fische Aroma annehmen und trotzdem saftig bleiben, verrät der 68-Jährige. Bereits 1990 belieferte er Kunden im Spreewald mit Fisch aus einem Räucherofen, in den gerade mal 20 Forellen passten.

Später hat Schalow viele Lehrgänge besucht, um vom Elektromeister zum Gastronom zu verändern. "Bis einem da niemand mehr etwas vormachen kann - das dauert", meint er. Seine im Jahr 2003 kreierte Welsroulade ist legendär und wird von Berufskollegen inzwischen kopiert. Schalow sieht seine zweite Karriere noch immer als Hobby an. Und das, obwohl er vier Mitarbeiter beschäftigt, wenn auch auf Teilzeit. "Ich möchte Spaß an der Arbeit haben. Geld verdienen, muss ich nicht mehr", sagt er - und freut sich auf die nächsten Besucher aus Holland, die den Weg nach Marxdorf finden.