Protest

Es hält kein Zug bei Goethe und Schiller

Nicht immer ist ein Geburtstag gleichzeitig ein Grund zum Feiern. Zwar haben die Weimarer zum neunten Jahrestag des nach ihrer Stadt benannten ICE "Weimar" im Berliner Hauptbahnhof ordentlich aufgefahren, doch der Festakt am Dienstag sollte mehr eine Mahnung denn eine Party sein.

"Nächster Halt - Weimar!" heißt das Aktionsbündnis, das dafür kämpft, dass endlich wieder mehr Fernzüge in der Kulturstadt in Thüringen halten. Und wie ein Protest im Namen Johann Wolfgang von Goethes und Friedrich Schillers aussieht, präsentieren sie am Ausgang Europaplatz: Eine Tafel ist gedeckt, zwei Studenten der Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt spielen Gitarre und Klarinette, fünf Gänge werden serviert, vier Gläser pro Person, drei Gabeln, drei Messer und zwei Löffel liegen bereit. Zu jedem Gang spricht einer der fünf Demonstranten aus, warum Weimar sich abgekoppelt fühlt von der Deutschen Bahn.

Der erste ist Professor Christoph Stölzl: Der Sprecher des Aktionsbündnisses und Präsident der Musikhochschule ist "mit einer Badewanne voller Tränen" angereist. Er erklärt an diesem Geburtstag, dass der ICE "Weimar" noch nie in seiner Taufstadt gehalten habe. Früher stoppte 49 Mal am Tag ein ICE in Weimar, seit Dezember 2010 nur noch elf Mal. Stölzl, der von 2000 bis 2001 Kultursenator in Berlin war, erinnert an die Errungenschaften Weimars: die Werke Goethes, Schillers und Liszts, das Bauhaus. Aber auch an ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte: das Konzentrationslager Buchenwald. "Jeder, der Deutschland kennenlernen will, muss nach Weimar", sagt Stölzl zum Aperitif.

Vor ihm auf dem Tisch stehen kleine Gipsbüsten der berühmten Weimarer Söhne, daneben ein ICE-Modell - und ein Geschenk für Bahn-Chef Rüdiger Grube: ein Brief und viele Bücher, die den Kulturschatz der thüringischen Stadt symbolisieren. Grube weiß Weimar sehr wohl zu schätzen, besuchte im vergangenen Sommer die Kulturstadt und gab dem Anliegen der Aktivisten recht: Nicht nur die Einwohnerzahl - in Weimar wohnen 65 000 Menschen -, sondern auch die Bedeutung einer Stadt habe Einfluss auf die Anzahl der Halte, er wollte "Weimar ab jetzt zu seinem Hobby machen", zitiert ihn die Initiative. Geschehen ist seitdem nichts, vielleicht stimmt ihn die Lektüre Goethes und Schillers um.