Sozialbericht

In Brandenburg steigt die Armutsgefahr

Neukölln bleibt Berlins Sorgenkind: Nahezu jeder Vierte ist hier von Armut bedroht, fast jeder Dritte erhält Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe. Hinzu kommt, dass 30 Prozent der Neuköllner als niedrig gebildet gelten.

Heißt: Sie haben keine abgeschlossene Berufsausbildung oder Abitur. Insgesamt ist in Berlin und Brandenburg jeder Siebte von Armut bedroht.

Das geht aus dem "Regionalen Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2011" hervor, den das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg am Donnerstag erstmals präsentierte. Der Bericht zeigt, wie groß die soziale Ausgrenzung in Berlin und Brandenburg ist. Er erfasst unter anderem die Einkommensarmut und -verteilung, die Abhängigkeit von sogenannten Mindestsicherungsleistungen, der Bildung und der Beteiligung am Erwerbsleben. Die Daten wurden für die einzelnen Landkreise und kreisfreien Städte in Brandenburg und die zwölf Berliner Bezirke ermittelt. Befragt wurde ein Prozent der Haushalte in beiden Ländern. Fazit: Die soziale Situation der in Berlin und Brandenburg lebenden Menschen driftet immer mehr auseinander.

Der wichtigste Faktor hierbei ist und bleibt das Einkommen. Während in Brandenburg immer mehr Menschen von Armut betroffen sind, hat sich in Berlin die Lage leicht entspannt. Während in der Mark die Armutsgefährdungsquote im Vergleich zu 1996 um 1,9 Prozentpunkte auf aktuell 13,6 Prozent stieg, sank sie in Berlin im gleichen Zeitraum um 2,4 Prozentpunkte auf jetzt 14,2 Prozent. Bundesweit sind es 14,5 Prozent.

In Berlin ist armutsgefährdet, wer 766 Euro oder weniger verdient, das sind 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. In Brandenburg liegt diese Schwelle etwas höher: bei 777 Euro. Bundesweit gilt ein Einpersonenhaushalt ab einem Einkommen von 826 Euro als armutsbedroht. "In diesem Bericht wurde erstmals nicht ein bundesweites mittleres Pro-Kopf-Einkommen, sondern ein landesweites Durchschnittseinkommen als Maßstab angelegt", sagte Ulrike Rockmann, Präsidentin des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, bei der Vorstellung des Berichtes.

Schlusslicht Frankfurt (Oder)

Einer Familie mit zwei Kindern droht in der Hauptstadt ab einem Einkommen von 1609 Euro die Armut, in Brandenburg ab 1632 Euro. Am besten geht es den Menschen in der Hauptstadt im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, wo nur 8,6 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet gelten. In Frankfurt (Oder) hingegen droht fast jedem Vierten die Armut. Die Stadt nahe der polnischen Grenze ist das Schlusslicht in Brandenburg. Der größte Wohlstand unter der märkischen Bevölkerung herrscht - erwartungsgemäß - im Landkreis Potsdam-Mittelmark, wo gerade einmal 6,8 Prozent der Menschen unter die Armutsgefährdungsschwelle fallen.

Dabei sind die Unterschiede zwischen den Bezirken in Berlin deutlich größer als zwischen den Kreisen im Land Brandenburg. Rackmann spricht in diesem Zusammenhang von einer "gigantischen Spreizung" in der Hauptstadt. Am gefährdetsten sind laut dem Bericht Familien mit Kindern, Alleinerziehende, Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss oder Migrationshintergrund. Ebenfalls gefährdet sind laut Aufzählung ältere Menschen. Das lässt sich im aktuellen Sozialbericht aber nicht herauslesen. Wer 65 Jahre und älter ist, hatte im Jahr 2010 im Durchschnitt zwölf Prozent mehr Geld zur Verfügung als die Menschen unterhalb des Rentenalters. Bundesweit haben Rentner ein Zehntel weniger Einkommen als Jüngere, in Brandenburg liegen die Rentner knapp darunter. Außerdem sind die über 65-Jährigen am wenigsten von Armut bedroht. Nur 5,8 Prozent der Berliner Rentner liegen mit ihren Einkommen unter der 60-Prozent-Marke, in Brandenburg 7,6 Prozent.

Was Peter Lohauß, Abteilungsleiter Regionalstatistik und Analysen, besorgt, ist, dass der Rückgang der Erwerbslosigkeit in den vergangenen Jahren nicht zu einem ebenso deutlichen Rückgang der Armutsgefährdung geführt hat.